Hausbesuche: Ärzte zahlen drauf

DORTMUND Für ihre Patienten nehmen verantwortungsbewusste Ärzte selbst mangelnde Honorierung in Kauf. Wenn auch zähneknirschend, und das mit steigender Tendenz. Es geht die Mär, immer weniger seien bereit zu Hausbesuchen. Darüber kann Dr. Ulrich Gierse nur müde lächeln. Der erfahrene Praktiker leistete im letzten Quartal 150 Hausbesuche.

von Von Ulrike Böhm-Heffels

, 26.09.2007, 14:37 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zeitaufwändig, schlecht bezahlt, aber notwendig: Hausbesuche.

Zeitaufwändig, schlecht bezahlt, aber notwendig: Hausbesuche.

Der 63-Jährige feiert in der nächsten Woche sein 30-Jähriges als niedergelassener Arzt, ist seit vielen Jahren Sprecher der Dortmunder Allgemeinmediziner und betreibt seine Praxis an der Provinzialstraße 327 – im Umfeld von nicht weniger als vier, teils sehr großen Altenheimen. Sein Arbeitstag beginnt um 7.15 Uhr. Über Mittag folgen eineinhalb Stunden Hausbesuche, bis 16 Uhr wieder Praxis, zwischen 16 und 17.30 Uhr feste Einbestellung von Patienten, danach eine Stunde Hausbesuche, gegen 18.30 Uhr hat Gierse mit viel Glück Feierabend. Aber nur solange, bis das Telefon klingelt.

Visite in den Heime

„Es gibt Kollegen, die lassen ihre Patienten lieber mit dem Taxi kommen. Wer befreit ist von Zuzahlungen und medizinisch außerdem in der Lage, kann ja kommen, aber die Krankenkassen machen wiederum Unterschiede zwischen der Befreiung. Bei manchen gilt sie nur für Medikamente.“ Gierse wundert sich schon lange nicht mehr, warum Mediziner, die sich als Arzt zur Ruhe setzen, selbst in einer Großstadt wie Dortmund kaum noch einen Nachfolger finden für ihre Praxis.

Montags, dienstags, mittwochs und donnerstags hält er feste Sprechstunden in den Altenheimen ab. Unabhängig davon ereilt ihn oft schon vormittags fünf-, sechsmal der Ruf aus den Heimen. „Die Schwestern dort müssen ja jeden kleinsten Hautriss dokumentieren, weil sonst irgendeiner kommt und sagt, sie seien ihrer Dokumentationspflicht nicht nachgekommen“, weiß der Hausarzt.

Richtig kompliziert

Gierses Einsatz in den Altenheimen gilt nicht als Hausbesuch, sondern als Visite und wird nur mit der Hälfte des Honorars bezahlt. Ein Rechenbeispiel: Der Hausbesuch wird im festen Budget der Ärzte (verteilt von der Kassenärztlichen Vereinigung aus den Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen) mit 400 Punkten vergütet. Zurzeit beträgt der Punktwert ca. vier Cent. Für einen Hausbesuch erhält der Arzt demnach gut 16 Euro, zuzüglich Entfernungspauschale von 1,94 Euro (von der AOK bis 2 km) und 6,30 € (von den Ersatzkassen bis 5 km). Für die Visite im Altenheim oder den Mitbesuch eines Familienangehörigen gibt‘s ganze 8 € Vergütung. Wenn es Mitternacht schlägt, wird ein Hausbesuch lukrativer. Dann sind 1600 Punkte fällig, also 65,60 €. Und jetzt wird‘s richtig kompliziert: Viele Kollegen hätten ja ihr Budget zum vierten Jahresquartal ausgeschöpft, weiß der Allgemeinmediziner. Bei einem erfüllten Budget aber würden nur noch ca. 0,4 Cent pro Punkt bezahlt, demnach also knapp 1,70 Euro pro Hausbesuch.

Mit dem Taxi

„Es gibt Kollegen, die lassen ihre Patienten lieber mit dem Taxi kommen. Wer befreit ist von Zuzahlungen und medizinisch außerdem in der Lage, kann ja kommen, aber die Krankenkassen machen wiederum Unterschiede zwischen der Befreiung. Bei manchen gilt sie nur für Medikamente.“ Gierse wundert sich schon lange nicht mehr, warum Mediziner, die sich als Arzt zur Ruhe setzen, selbst in einer Großstadt wie Dortmund kaum noch einen Nachfolger finden für ihre Praxis. Einen ausführlichen Blickpunkt lesen Sie in der Donnerstag-Ausgabe.

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