Heimathaus wird Erlebnis-Ort: Wo Bierkutscher die Fässer fallen ließen

mlzHeimatverein Mengede

Das Mengeder „Heimathaus am Widum“ war einmal die älteste Gaststätte Mengedes. Bald wieder erlebbar werden, wie das Union durch Schläuche aus dem Keller in die Gläser floss. Echte Schank-Historie.

Mengede

, 20.06.2020, 14:17 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Gaststube war über Jahrhunderte eine Einkehr für Kirchgänger und Vereine. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hielt vor der Tür die Postkutsche auf dem Weg vom Mengeder Bahnhof nach Waltrop und Lüdinghausen. Und kurze Zeit später war das markante Gebäude mit der Schieferfassade eine „Gasthofsprechstelle“.

Freihof-/Ecke Williburgstraße: Für viele Mengeder ist es immer noch „Ellinghaus“. 1996 schloss die traditionsreiche Kneipe. 90 Jahre lang zapfte Familie Ellinghaus in mehreren Generationen hier Bier – genauer: Union-Bier. Davon zeugt noch ein Schild am Armaturenschrank im Bierkeller unter der Gaststube. Per Steigleitung floss der Gerstensaft nach oben in und durch den Zapfhahn.

Kneipengeschichte ist jetzt schon im Heimathaus am Widum nachvollziehbar: etwa am Schalter, wo Bier, Süßigkeiten und Kabbereien außer Haus verkauft wurden.

Kneipengeschichte ist jetzt schon im Heimathaus am Widum nachvollziehbar: etwa am Schalter, wo Bier, Süßigkeiten und Kabbereien außer Haus verkauft wurden. © Uwe von Schirp

Viel mehr ist von dem naturkühlen einstigen Lager nicht mehr zu sehen. Das soll sich ändern. Der Heimatverein Mengede, der seit gut acht Jahren hier das Heimathaus am Widum betreibt, will das alte Gemäuer noch weiter in Wert setzen.

Fass-Anstich mit dem Degen

Viele 50-Liter-Fässer müssen unten im Bierkeller gestanden haben – erst Holz-, später dann Metallfässer. Der „Bierkutscher“ ließ sie einfach durch den Kellerschacht am Kirchhof auf ein Lederkissen fallen. Der Fassanstich wurde seinem wörtlichen Sinn da noch gerecht. Die Wirtsleute durchstießen mit einem „Degen“ einen Dichtungspfropfen. Schläuche und Leitungen förderten das Bier nach oben in den Zapfhahn.

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Das soll ab Ende 2021 wieder nachvollziehbar sein. Der Heimatverein restauriert den Bierkeller, setzt ihn in Licht und Szene. Über den mit einer Platte aus Riffelstahl abgedeckten Eingang am Kirchhof ist er dann über eine Leiter zugänglich – für Schüler, Kulturinteressierte und Heimatverbundene.

Heimatministerin Ina Scharrenbach übergab den Förderbescheid des "Heimatzeugnisses" an Hans-Ulrich Peuser.

Heimatministerin Ina Scharrenbach übergab den Förderbescheid des "Heimatzeugnisses" an Hans-Ulrich Peuser. © Uwe von Schirp

Das Heimatministerium NRW fördert das Projekt mit 128.896 Euro aus dem Topf „Heimatzeugnis“. Am Donnerstag (18. Juni) kam Ministerin Ina Scharrenbach an den Mengeder Widum und übergab den Förderbescheid. „Stein und Mörtel bauen das Haus, Geist und Liebe schmücken das Haus“, sagte Scharrenbach in einer kurzen Ansprache vor dem Vorstand des Vereins und geladenen Gästen.

Verein hält Gesellschaft zusammen

„Sie sorgen dafür, dass die Gesellschaft zusammenbleibt“, betonte die Landesministerin. „Heimat ist das, was uns verbindet und nicht trennt.“ Vorsitzender Hans-Ulrich Peuser bedankte sich mit Mengeder Souvenirs für die Förderung. Sie wurden bereits in den letzten Jahren mit „Heimatschecks“ aus dem Ministerium gefördert.

Nach der Sanierung soll der Zugang von außen erfolgen. Durch diese Klappe ließen die Bierkutscher die Union-Fässer nach unten fallen.

Nach der Sanierung soll der Zugang von außen erfolgen. Durch diese Klappe ließen die Bierkutscher die Union-Fässer nach unten fallen. © Uwe von Schirp

Spendenaufruf

Alte Fässer und „Degen“ gesucht

  • Bis auf den Armaturenschrank ist der Bierkeller leer. Um seine frühere Funktion zu zeigen, sucht der Heimatverein alte Bierfässer, Anstich-Degen und weitere Gegenstände für die Gestaltung.
  • Insbesondere die Eigentümer ehemaliger Gaststätten bittet er um Unterstützung.
  • Diejenigen, die das Projekt unterstützen wollen, können sich per E-Mail (info@heimatverein-mengede.de) melden.

Mit dem Sanierungsprojekt plant der 370 Mitglieder zählende Verein „Größeres“, erklärt Peuser im Gespräch mit dieser Redaktion. „Fast zwei Jahre lang haben wir Pläne geschmiedet“, sagt er. „Wir“, das ist ein kleines Projektteam, zudem auch Archivar Franz-Heinrich Veuhoff zählt.

Die Projektleitung der Sanierung wird der auf die Sanierung von Altbauten und Denkmälern spezialisierte Fachmann Wilfried Knepper übernehmen. Beim Bierkeller soll es nicht bleiben. Unter dem Dach des Heimathauses entdeckte das Projektteam eine Räucherkammer und ein Gesindezimmer.

Räucherkammer, Gesindezimmer und Treppenhaus folgen

Sie will der Verein genauso wieder herrichten und zugänglich machen wie das historische Treppenhaus. „Das bauen wir zurück“, sagt Peuser, „die Holzverkleidung aus den 70er-Jahren wird entfernt.“

Das Treppenhaus hat den Charme der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Heimatverein will es zurückbauen und den historischen Zustand wieder herstellen.

Das Treppenhaus hat den Charme der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Heimatverein will es zurückbauen und den historischen Zustand wieder herstellen. © Uwe von Schirp

Unter dem Dach des alten Gebäudes bekommen die Räume musealen Charakter. „Wie eine Gastwirtschaft früher funktionierte und das Bier aus dem Keller kam, wissen viele jüngere Leute heute nicht mehr“, sagt Hans-Ulrich Peuser.

Die Geschichte des Gasthauses im Schatten der evangelischen Remigiuskirche ist lang. Urkundliche Nachweise gebe es bereits aus dem Jahr 1666, verweist Franz-Heinrich Veuhoff auf eine Laudatio des legendären Mengeder Pfarrers Dr. Albrecht Stenger aus dem Jahr 1956. Das Hotel-Restaurant Brahms, das später „Ellinghaus“ wurde, gilt als die älteste Gaststätte in Mengede.

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