Hitze ist für Obdachlose genauso gefährlich wie Kälte im Winter

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Im Winter droht der Frost, jetzt brennt die Sonne: Wer kein Dach über dem Kopf hat, ist dem Wetter schutzlos ausgeliefert. Darum ist gerade der extreme Sommer eine Gefahr für Obdachlose.

Dortmund

, 26.07.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Winter ist das Problem vielen präsent: Die Kälte ist gefährlich für Obdachlose. Die Straße bietet keinen Schutz vor Minusgraden. Sie drohen zu erfrieren. Aber wie ist es bei einer Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 40 Grad, stehender Luft und sengender Mittagshitze auf dem Asphalt?

Hitze ist für Obdachlose genauso gefährlich wie Kälte im Winter

Dr. Klaus Harbig in der Arztpraxis Gasthaus an der Rheinische Straße. Er sagt: „Extreme Wetterlagen sind für Obdachlose immer ein Problem.“ © Stephan Schuetze (A)

„Das ist genauso gefährlich wie im Winter“, lautet die Einschätzung von Dr. Klaus Harbig. Der pensionierte Hausarzt und Internist kümmert sich seit rund 15 Jahren in der Arzt-Praxis am Gast-Haus statt Bank um Menschen, die sich einen Arztbesuch nicht leisten können.

Dicke Kleidung bei über 30 Grad

Der Kampf gegen die Hitze sei für Obdachlose dabei vielschichtiger, als das reine Ertragen der hohen Temperaturen oder die Suche nach einem schattigen Platz.

Die passende Kleidung zum Beispiel.

Spenden

Gasthaus braucht Unterstützung

  • Das Gasthaus ist eine unabhängige und gemeinnützige Initiative und auf freiwillige Spenden angewiesen.
  • Am dringensten benötigt man Lebensmittel, Hygieneartikel und Geld.
  • Spendenkonto: Gast-Haus e.V., IBAN: DE90 4405 0199 0021 0292 70, BIC: DORTDE33XXX
  • Für eine Spendenbescheinigung sollte die vollständige Adresse angegeben werden.

„Häufig tragen Obdachlose auch bei heißem Wetter dicke Kleidung. Weil sie nichts anderes besitzen oder Angst vor dem Verlust haben, wenn sie die Kleidung irgendwo ablegen“, so Harbig. Auch der Alkoholkonsum vieler Obdachloser vertrage sich mit der Hitze nicht gut. „Das fällt mir stärker auf als sonst.“

Flucht in den Schatten

Mit Alkohol hat Daniel (36) kein Problem. Er lebt seit zwei Jahren wieder auf der Straße. „Zum dritten Mal“, sagt er. Seine schwarze abgetragene Lederjacke behält er bei unserem Gespräch am Donnerstagvormittag an, auch wenn die Temperaturen die 30 Grad-Marke schon längst überschritten haben.

Immerhin, in der Gast-Haus Praxis ist es etwas kühler als draußen. Seinen vollständigen Namen nennen wir nicht, zeigen auch nicht sein Gesicht. Er möchte nicht erkannt werden.

Hitze ist für Obdachlose genauso gefährlich wie Kälte im Winter

Daniel (36) lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Alles was er besitzt, trägt er in einem großen Rucksack. Ohne Krücken könnte er kaum laufen, hat mit Atrose zu kämpfen. Er versucht der Hitze zu entfliehen, setzt sich in den Schatten oder in die Unterführung am Hauptbahnhof. © Matthias Stachelhaus

Der Hitze geht Daniel aus dem Weg, so gut er das eben kann. Nachmittags kommt er kurz bei einem Freund unter, bevor er und seine Freundin (ebenfalls obdachlos), sich einen Platz im Schatten suchen, „zum schnorren“.

Abends, nachdem Daniel sich vielleicht ein Eis hat kaufen können, geht es in die Unterführung am Hauptbahnhof. Die bietet Schutz gegen jedes Wetter, auch gegen die Hitze. „Viele Menschen sind sehr nett. Ich bekomme Wasser geschenkt oder mal eine Cola“, sagt Daniel. Auch schonmal von einem Restaurant. Wenn er freundlich darum bittet.

Obdachlosen Wasser oder Eis anbieten

Auch beim Straßenmagazin Bodo ist die Hitze Thema. „Da, wo wir im Winter Suppe mitbringen, haben wir im Sommer Wasser dabei“, sagt Redakteur Bastian Pütter.

Auch mit einem Facebook-Beitrag versucht Bodo auf die Probleme von Obdachlosen bei Hitze aufmerksam zu machen. Mit einer Flasche Wasser oder einem Eis könne man helfen. Und im Notfall die 112 wählen, um Hilfe zu holen.

Aggressive Stimmung im Wartezimmer

Derweil hat Klaus Harbig in der Praxis an der Rheinischen Straße noch ein anderes Problem. „Die Stimmung ist aggressiver als sonst. Es wird öfter laut als sonst. Das ist für alle sehr schwer. Auch für die Mitarbeiter. Denn auch uns ist ja warm.“ Im schlimmsten Fall gibt es Hausverbot.

Viele Patienten leiden unter Hautkrankheiten, wie Geschwüren, die bei Hitze noch schlimmer werden als sonst. Wichtig sei die richtige Behandlung. Aber obwohl regelmäßige Verbandswechsel unerlässlich sind, kommen viele Patienten einfach nicht wieder.

Fußmärsche für alte Menschen zu anstrengend

Gäste, die wegbleiben, kennt auch das Gast-Haus, weiß Mitbegründer Werner Lauterborn. „Gerade ältere Menschen, von denen in letzter Zeit immer mehr zu uns kommen, schaffen den Weg einfach nicht.“ Besonders aus der Nordstadt sei der Fußweg zum Gasthaus anstrengend.

Man biete denen, die kommen, soviel Wasser und Nahrung an wie möglich, damit die Menschen sich erholen können. Genau wie die Möglichkeit zu duschen.

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