Aufgrund des extremen Wetters können Bahntickets kostenlos umgetauscht werden. Thalys und die Eurobahn gehen von Verspätungen aus. So läuft‘s im Hitze-Chaos am Dortmunder Hauptbahnhof.

Dortmund

, 26.07.2019, 18:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich leide ständig in der Bahn“, klagt ein Bahn-Kunde vor dem Dortmunder Hauptbahnhof. Eigentlich wollte er mit einem Freund in Bielefeld schwimmen gehen. Die Abkühlung hat er jetzt dringend nötig, denn in der Bahn aus Düsseldorf gab es keine Klimaanlage - das sei er schon gewöhnt. Durch eine Verspätung hat er seinen Anschlusszug verpasst und strandete so in Dortmund.

Auf ihrem Koffer sitzt eine Dame mittleren Alters in der Eingangshalle. Von ihren Armen rinnt der Schweiß, ihre Bluse beginnt langsam am Körper zu kleben. Die feinen blonden Haare fallen ihr ins Gesicht. Ihr müder Blick spricht Bände - die Dortmunderin würde sich sogar über einen unklimatisierten Zug freuen. Der Zug nach Wilhelmshaven fiel komplett aus. Auch der Ersatzzug bis Osnabrück hat eine Verspätung von 20 Minuten. Wann sie an der Nordsee ankommt, ist fraglich.

„Es muss keiner mit der Bahn fahren, nur weil er ein Ticket hat“

Etliche Züge fallen nämlich durch hitzebedingte Störungen aus. Damit die Kunden nicht unnötig schwitzen müssen, bietet die Bahn nun an, für Freitag (26.7.) und Samstag (27.7.) gekaufte Tickets wieder zurückzunehmen. „Die Kunden werden nicht gezwungen zu fahren, nur weil sie ein Ticket besitzen. Sie können sich entweder das Geld im Reisezentrum am Bahnhof zurückgeben lassen oder sie steigen ganz unbürokratisch bis zum 4. August in einen x-beliebigen anderen Zug“, erklärt ein Bahnsprecher das Prinzip.

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Diese Mädels sind auf dem Weg zum Juicy-Beats-Festival in der unklimatisierten Bahn ordentlich ins Schwitzen gekommen. © Sylva Witzig

Für den Ernstfall hat die Bahn vorgesorgt:„Wir haben Wasservorräte dabei, die an die Reisenden ausgegeben werden, falls ein Zug liegen bleibt. Grundsätzlich ist aber jeder Mensch für sich selbst verantwortlich.“

„Verspätungen sind ganz normal“

Die Bahn sieht die Situation ganz entspannt: „Wir haben unsere Züge sommerfest gemacht. Bei der zusätzlichen Wartung wurden auch die Klimaanlagen überprüft. Dennoch stößt die Technik bei diesem Wetter an ihre Grenzen. Da die Motoren überhitzen, müssen manche Züge abgestellt werden. An anderen Stellen gibt es Probleme bei der Weichenstellung. Auch brennende Büsche in Gleisnähe sorgen für Umleitungen. Letztendlich halten sich die Verspätungen und Ausfälle aber im Rahmen. Wir sind zufrieden mit der Situation“, so ein Bahnpressesprecher. Beschwichtigend fügt er hinzu: „Nennen Sie mir eine Autobahn oder einen Flughafen, wo Sie immer pünktlich ans Ziel kommen. Verspätungen sind nicht nur bei uns ganz normal“.

Für einen Pendler aus Gevelsberg sind Verspätungen in der Tat an der Tagesordnung. „Der RE4 ist eigentlich nie pünktlich. Donnerstag Abend habe ich fast vier Stunden nach Hause gebraucht. Das ist ein neuer Rekord. Der Weg nach Hause ist anstrengender als meine Arbeit“, klagt er.

Ebenso unzufrieden ist ein Juicy-Beats-Besucher aus Aachen mit seine Anreise. Schweißdurchtränkt steht der Mann mit dem Hipsterzopf im Bahnhof und gönnt sich erst einmal ein kaltes Bier, bevor er zum Westfalenpark aufbricht. „Drei Stunden lang saß ich in einem unklimatisierten RE1. Eine gescheite Sauerstoffversorgung war definitiv nicht gewährleistet. Ich weiß selbst nicht, wie ich das ertragen habe. Ich freue mich, bald auf dem Festival zu sein. Die pralle Sonne ist definitiv angenehmer als die Reise im Zug.“

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Diese Bahnreisenden wünschen sich nichts sehnlicher als eine funktionierende Klimaanlage - intakte Toiletten wären auch super. © Sylva Witzig

„Kaputte Klimaanlagen wären unverantwortlich“

Auch die Eurobahn hat mit technischen Defekten zu kämpfen. Die Klimaanlagen arbeiten an ihrer Belastungsgrenze. Fallen sie aus, werde der Zug direkt aus dem Verkehr gezogen, heißt es in einer Mitteilung des Betreibers Keolis. Dadurch kann es zu Ausfällen und Verspätungen kommen.„Die geschieht zum Wohl der Fahrgäste, denn bei diesen hohen Temperaturen kann das Unternehmen nicht verantworten, Passagiere ohne eine funktionierende Klimaanlage im Zug zu befördern“, so Keolis.

Ausnahmezustand bei Thalys

Thalys, die unter anderem von Dortmund über Brüssel nach Paris fahren, haben ihren Ticketverkauf für Reisen am Freitag und Samstag komplett eingestellt. Welche Züge trotzdem fahren, können Sie der Thalys-Homepage entnehmen. „Alle Thalys-Länder und Strecken sind von der außergewöhnlichen Hitze betroffen. In Belgien lag die Außentemperatur niemals zuvor bei über 40 Grad. In Deutschland ist die Lage trotz Verspätungen noch am geringsten“, äußert sich eine Thalys-Sprecherin. „Für Freitag und Samstag werden keine Ausfälle in Dortmund erwartet“, teilte uns die Sprecherin am Freitag Mittag mit. Auch bei Thalys kann man bereits gekaufte Tickets umtauschen. Für Reisen ab Sonntag sind wieder Tickets erhältlich.

„Ich komme nicht nach Hause“, klagt ein verschwitzter Mann aus Essen. Eine Regionalbahn nach der anderen fällt aus oder ist verspätet. Gezwungenermaßen steigt er nun in die S-Bahn - die braucht dreimal so lange wie eine Regionalbahn. Die Bauarbeiten zwischen Essen und Duisburg sorgen neben der Hitze zu weiterem Bahn-Chaos.

So sieht die Lage in Dortmund aus

Wir machten einmal den Test: Um 15.30 Uhr waren 7 der 24 am Dortmunder Hauptbahnhof angeschlagenen Züge verspätet. 6 von 13 befragten Reisenden berichteten von defekten Klimaanlagen, acht von ihnen saßen in verspäteten Zügen und bei fünfen war alles in Ordnung. Auffällig ist, dass es sich bei den unklimatisierten Zügen ausschließlich um Regionalbahnen der Deutschen Bahn handelte. Vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee, sein Bahnticket an heißen Tagen zurückzugeben und lieber mit dem Auto zu fahren.

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