Jan Aulich (19) ist regelmäßig abends auf dem Dortmunder Wall unterwegs, um sein umgebautes Auto zu präsentieren. Das Nummernschild hat er fürs Foto abgenommen. © Kevin Kindel
Verkehr

Hunderte Autos nachts auf dem Wall – Was Jan (19) und seine Freunde antreibt

Die einen sehen Ruhestörung und gefährliche Fahrmanöver. Für andere ist es die einzige Möglichkeit Leute zu treffen. Doch auch einige, die in den Autos sitzen, haben ein Problem mit der Lage.

Geschäfte, Bars und Discos sind geschlossen. Trotzdem ist es am Wochenende auf dem Wall so voll wie sonst zum Weihnachts-Shopping. Allerdings bilden sich jetzt erst nach 22 Uhr die Staus, um Mitternacht wird es am vollsten.

Jede Woche ist die Polizei inzwischen im Einsatz, um Hunderte Fahrzeuge zu kontrollieren. Zahlreiche Anwohner-Beschwerden wegen lauter Musik und aufheulender Motoren gehen dem regelmäßig voraus. Weil einige junge Menschen Spaß daran haben, stundenlang im Kreis zu fahren.

Spricht man mit denjenigen, die da unterwegs sind, merkt man, dass einige von ihnen durchaus an einem Dialog interessiert sind. Und man merkt, dass das, was Anwohner als Ruhestörung empfinden, ganz viel mit der Ruhe zu tun hat, die ganz allgemein gerade über Deutschland liegt. Mit der Art Ruhe, die zu Langeweile führt und manche Leute eben auf die Straßen treibt.

„In den letzten drei Monaten ist es wirklich extrem geworden“, sagt ein 24-jähriger Evinger, der wie fast alle aus der Szene seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte: „Aber was soll man auch anderes machen?“ Während der Pandemie komme man ja kaum raus: „Der Wall bietet Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen“, sagt ein anderer junger Mann.

„Blech-Tinder“ rollend mitten auf der Straße

In Clubs dürfen sie nicht tanzen, auch Bars und Kneipen sind geschlossen. Auf dem Wall ist es am Wochenende spät abends aber fast wie in einer Disco. Laute Musik, vor allem Hiphop, dröhnt aus den Boxen, junge Leute flirten durch offene Autofenster. Dabei kann es schon vorkommen, dass zwei Wagen nebeneinander langsamer als 30 km/h fahren und den Weg versperren.

Bei Instagram sind danach Dinge zu lesen wie: „Spotte die Beifahrerin in dem Audi mit HSK-Kennzeichen.“ Jemanden zu „spotten“ hat hier nichts mit verspotten zu tun, sondern bedeutet, die Person im sozialen Netzwerk aufzuspüren. Der Wall ist eine Partnerbörse geworden. Manche Tuner nennen das „Blech-Tinder“, in Anlehnung an die Dating-App.

Viele auswärtige Kennzeichen fallen auf dem Wall abends auf. Manche gehören zu Mietwagen, die extra für den Auftritt besorgt wurden. Tatsächlich kommen aber auch Fahrer mit teils zwei Stunden Anfahrt nach Dortmund. „Die haben Langeweile und sehen dann über Instagram oder Tiktok, was am Wall abgeht“, sagt einer der Dortmunder.

Alle Fahrer berichten im Kern dieselben Dinge. Sie betonen, wie offen die Community sei, wie schnell man neue Leute kennenlerne. Erst durch kurze Wortwechsel an Ampeln, weil man über die Autos oder die Musik redet. Dann gehen die Gespräche häufig auf Parkstreifen weiter, Kontaktdaten werden ausgetauscht, nach einiger Zeit entstünden echte Freundschaften.

„Können nicht wieder den ganzen Abend lang Netflix gucken“

„Durch den Wall habe ich so tolle Leute kennengelernt“, sagt eine junge Frau, die erst vor kurzer Zeit aus der Nähe von Hamburg nach Dortmund gezogen ist: „Es ist Familie. Alle helfen sich, jeder kennt schon fast jeden.“ Ihre erste Freundin in Dortmund habe sie zum Wall mitgenommen. Jetzt fährt die Zugezogene auch unter der Woche, um zu gucken, ob Bekannte unterwegs sind.

Bei dem 24-jährigen Evinger war der Weg in die Szene anders. „Wir können nicht schon wieder den ganzen Abend lang Netflix gucken“, habe er eines Tages mit seiner Freundin beschlossen. Also stiegen beide ins Auto und sind in die City gefahren: „Da haben alle gute Laune, man kriegt in der aktuellen Lage mal wieder ein Grinsen ins Gesicht.“

In die entgegengesetzte Richtung bewegen sich aber die Gesichtszüge der Anwohner, die unter dem Lärm leiden von Ampel-Rennen und driftenden Autos. „Natürlich gibt es auch Vollidioten, die mit 100 km/h rasen oder ohne zu blinken über drei Fahrspuren ziehen“, sagt der Evinger. Wenn man aber ordnungsgemäß fährt und sich am Rand normal und Corona-regelgerecht mit den anderen Leuten unterhält, sei daran aus seiner Sicht nichts auszusetzen.

Er selbst habe schon „fünf-, sechs-, siebenmal“ Platzverweise von der Polizei bekommen. Straßensperren seien nicht die richtige Antwort, meint der junge Mann, so wie es praktisch die gesamte Szene sieht. „Viele provozieren dann erst recht, indem sie im Stau hupen“, sagt der 24-Jährige.

„Es wird immer schlimmer“, sagt ein 19-Jähriger, der schon seit ein paar Jahren regelmäßig mittendrin ist. „Der Wall wird überfüllt“, meint Jan Aulich aus Brambauer: „Es macht keinen Spaß mehr, wenn man nicht mehr fahren kann.“ Schon vor seinem 18. Geburtstag hat ihn sein großer Bruder mitgenommen.

Bei der Diskussion über den Wall oder Phoenix-West ärgert Aulich vor allem das Gefühl, dass die gesamte Szene von Polizei und Stadt Dortmund über einen Kamm geschoren werde. Er selbst sei jemand, der sein Auto präsentieren will, weil er viel Liebe und Arbeit reingesteckt hat. Auch er spricht von „Idioten“, die über die Straßen rasen: „Wegen solchen Leuten geht es kaputt.“

Einen Dialog hat es bislang nicht gegeben

„Ich kann die Anwohner verstehen“, sagt er. Aber er fordert auch Verständnis für die andere Seite. Wischlingen, Phoenix-West oder Wall: Nirgends seien die Auto-Liebhaber willkommen.

Aulich hat kein Problem, mit seinem Namen für diese Schilderungen zu stehen. „Wir sind ja auch dafür, dass endlich eine Lösung gefunden wird.“ Er habe aber noch nie gehört, dass Polizei oder Stadt Dortmund einen der Fahrer angesprochen hätten, um einen echten Dialog anzustoßen. Die Fronten sind verhärtet. Aber es wirkt, als könne man sie aufweichen.

Dortmunder Wall

Polizei und Stadt Dortmund zum Dialog

  • Auf Kontaktmöglichkeiten zum Dialog angesprochen, bittet die Pressestelle der Polizei, die Beamten persönlich anzusprechen, die abends an den Straßen eingesetzt sind. Niemand habe etwas gegen Autofahrer, die sich ordnungsgemäß verhalten, betont Sprecher Oliver Peiler. Aber die vernünftigen Fahrer müssten sich bewusst sein, dass sie durchaus Chaoten mit zum Teil erheblichen Gefährdungen und Belästigungen anziehen.
  • Von der Stadt Dortmund heißt es: „Mit Blick auf die nach wie vor hohe Anzahl von Vergehen gegen die Straßenverkehrsordnung (mit zum Teil lebensgefährlichem Verhalten) und vor dem Hintergrund der anhaltend hohen Beschwerdelage fährt die Stadt Dortmund die bekannte Null-Toleranz-Politik gegenüber das Raserszene. Bei diesem Ziel gibt es keine Kompromisse. Gespräche mit der Szene hält die Stadt Dortmund daher zur Zeit für nicht sinnvoll.“
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Kevin Kindel, geboren 1991 in Dortmund, seit 2009 als Journalist tätig, hat in Bremen und in Schweden Journalistik und Kommunikation studiert.
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Kevin Kindel

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