Die 89-jährige Gerda Schäfer bekommt am zweiten Tag des Impfstarts in der Warsteiner Music Hall ihre Corona-Impfung. © Marc Jankowiak
Dortmunder Impfzentrum

„Ich habe keine Angst“: Wie Tante Gerda (89) ihre Corona-Impfung erlebte

Die Corona-Impfungen im Dortmunder Impfzentrum haben begonnen. Unsere Reporterin hat ihre 89-jährige Großtante zum Termin begleitet. Was sie dabei erlebt haben, lesen Sie hier.

„Warum muss es ausgerechnet so ein Wetter sein, wenn ich den Termin habe?“, fragt Tante Gerda. Heute bekommt sie die Impfung gegen das Coronavirus. Lange haben wir der Impfung entgegengefiebert und zum Glück habe ich für sie schon am zweiten Tag einen Termin bekommen. Doch dann kam der plötzliche Wintereinbruch.

„So viel Schnee habe ich hier in Dortmund noch nie gesehen“, sagt Tante Gerda. Vor knapp acht Jahren ist sie aus einem kleinen hessischen Dorf in die Großstadt gekommen. Lange hat es hier nicht mehr so viel geschneit – und dann ausgerechnet in dieser Woche zum Beginn der Impfungen.

Auf der Straße, bevor wir mit dem Auto zum Impfzentrum abbiegen, staut es sich. Glücklicherweise haben wir genug Zeit eingeplant, denn nicht nur der Weg zum Impfzentrum macht wegen der Witterung Probleme. Der Parkplatz liegt auf der gegenüberliegenden Seite der Halle – und ist komplett mit Schnee bedeckt.

„Ich habe Angst zu stürzen“

Wir wagen die ersten Schritte über den Parkplatz in Richtung Treppe. Tante Gerda hält sich fest an meinem Arm und ihrem Gehstock. Sie blickt ängstlich zu den Treppenstufen: „Das schaffe ich nicht, ich habe Angst zu stürzen.“ Ihren Rollator haben wir gar nicht erst mitgenommen, der wäre nur im Schnee stecken geblieben. Da kommt zum Glück ein Wagen der Feuerwehr angefahren.

Die Feuerwehr kümmert sich darum, die Senioren sicher vom Parkplatz zum Eingang der Impfhalle zu bringen. Die Feuerwehrmänner helfen Tante Gerda in den Wagen. Ich darf auch mitfahren, und wir nehmen noch eine weitere Dame und ihre Begleitperson mit.

Kontakt zu anderen Menschen fehlt

Meine Tante hat keine Angst vor der Impfung, sie freut sich – zumindest ein bisschen. Als Teil der Risikogruppe leidet sie besonders unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie. „Es ist schwer, man ist von allem ausgeschlossen und man kann sich nicht drücken, das ist furchtbar“, sagt die 89-Jährige.

Meine Familie und ich besuchen sie seit März nur auf Abstand und mit Maske. Aber auch der Kontakt zu anderen Senioren fehlt ihr. Sie lebt in einem Seniorenwohnhaus, doch die anderen Menschen im Haus hat sie seit Monaten nicht gesehen.

Ein Shuttle der Feuerwehr Dortmund fährt die Senioren vom Parkplatz zum Impfzentrum © Marc Jankowiak © Marc Jankowiak

Inzwischen sind wir am Eingang angekommen. Beim Aussteigen rutscht Tante Gerdas Hand vom Haltegriff ab. Ich versuche von hinten aus dem Auto schnell ihren Arm zu greifen, aber zum Glück halten zwei Feuerwehrmänner sie fest und helfen beim Aussteigen. Die erste Aufregung ist gut überstanden, jetzt geht es hinein ins Impfzentrum.

Ausweiskontrolle und Fieber messen

Vor dem Eingang müssen wir noch in einem Zelt Tante Gerdas Personalausweis vorzeigen. Hier werden Name und Termin überprüft. Ausweise und Dokumente hatte sich Tante Gerda schon vier Tage vor dem Termin bereit gelegt, um bloß nichts zu vergessen.

Ein Mann von der Security zeigt uns den Weg hinein und fragt meine Tante, ob sie einen Rollstuhl haben möchte. Dankbar nickt sie, „Ich kann nicht so lange stehen.“

Am Eingang müssen wir uns die Hände desinfizieren und bekommen Fieber gemessen. Da kommt auch schon der Security-Mann mit dem Rollstuhl, und Tante Gerda setzt sich vorsichtig.

Der Schriftzug „Musikdurstig“ ziert über unseren Köpfen den Eingang zur Warsteiner Music Hall. Dass hier normalerweise Konzerte stattfinden, kann man sich kaum noch vorstellen. Die typisch-stickige Konzertluft fehlt, stattdessen hat sich die Kälte von draußen schon langsam in der Halle ausgebreitet, überall sind Tische und Service-Stationen aufgebaut.

Wie in einem Labyrinth

Wir gehen als erstes zur Anmeldung, wo ich Tante Gerdas Krankenkassenkarte der Dame hinter der Plexiglasscheibe zuschiebe. Sie gibt mir eine Mappe mit Formularen . Diese können wir an einem Tisch vor Impfstraße Nummer 3 ausfüllen.

Insgesamt gibt es zehn Impfstraßen, vor jeder sitzen Senioren mit ihren Angehörigen. Die Impfstraßen selbst sind durch hohe, weiße Wände getrennt. Genau hineinschauen kann man noch nicht. An jedem Eingang stehen Security und Desinfektionsmittelspender.

Die 89-jährige Gerda Schäfer bekommt am zweiten Tag des Impfstarts in der Warsteiner Music Hall ihre Corona-Impfung. © Marc Jankowiak © Marc Jankowiak

Einen skurrilen Eindruck macht das Ganze. Es wirkt ein bisschen, als würden die Menschen darauf warten, nacheinander in eine Art Labyrinth geführt zu werden. Ich fülle die Dokumente für meine Tante aus – einen Informationszettel über die Impfung und ein Formular über vorliegende Krankheiten und Allergien.

Als Begleitperson muss ich auch ein kurzes Formular mit meiner Anschrift und Anwesenheitszeit ausfüllen – wie man es aus Restaurants noch aus Corona-Zeiten vor dem Lockdown kennt. Nach ein paar Minuten leuchtet eine Lampe an der Impfstraße auf – und wir dürfen hinein ins Labyrinth.

Endlich die Impfung

Eine Dame belehrt meine Tante über mögliche Nebenwirkungen. Dann kommt auch schon der Arzt und führt uns hinter die nächste Ecke. Ich bin ganz schön aufgeregt. Tante Gerda bleibt ganz entspannt im Rollstuhl sitzen: „Ich habe keine Angst“. Nach ein paar Sekunden ist es auch schon vorbei. „Sie haben aber gut gespritzt“, sagt Tante Gerda.

Der Arzt sagt lachend: „Ich hab das auch mal gelernt vor einigen Jahren“. Er ist bereits Rentner und hat sich freiwillig gemeldet, im Impfzentrum zu helfen. 100 Menschen hat er am ersten Tag (8.2.) allein in seiner Impfstraße geimpft. „Wir hoffen natürlich, dass wir bald noch mehr Leute impfen können wenn genug Vakzin da ist, Dortmund ist eine große Stadt.“, sagt er.

Ich schiebe Tante Gerda aus der Impfstraße hinaus. Jetzt muss sie noch 15 Minuten lang warten wegen eventuell auftretender Nebenwirkungen. In dem Bereich hinter den Impfstraßen sind für frisch Geimpfte Stühle auf Abstand aufgestellt. Nahe dem Ausgang gibt es mehrere Check-Out-Stationen. Dort bekommt meine Tante einen Stempel in ihren Impfpass und Kopien der Anamnese-Unterlagen. Die Mappe müssen wir zum zweiten Termin Anfang März wieder mitbringen.

Hoffnung auf Normalität

Tante Gerda fühlt sich gut nach der Impfung. Ungefähr eine halbe Stunde hat der ganze Ablauf mit Wartezeit gedauert. Vor dem Ausgang steht schon ein Feuerwehrwagen, der uns zurück zum Parkplatz bringt.

Tante Gerda hofft, dass nach den Impfungen langsam wieder etwas Normalität einkehren kann. Sie hatte sich so sehr gewünscht, ihren 90. Geburtstag im April mit der Familie und Freunden aus Dortmund, Hessen und Brandenburg zu feiern.

Mit 15 Leuten können wir dann bestimmt noch nicht zusammen kommen, aber vielleicht kann ich sie nach über einem Jahr endlich wieder sorglos umarmen.

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