„Ich wurde eher unsanft aus meiner Wohnung gebeten“ - Szenen einer Evakuierung

mlzBlindgänger im Westfalenpark

Von der Evakuierung wegen der Blindgänger-Entschärfung am Donnerstagabend waren rund 2400 Anwohner betroffen. Die meisten blieben gelassen - aber es gibt auch Kritik.

Dortmund

, 15.11.2019, 01:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Heiße Getränke, Plätzchen und warme Decken. Viele freiwillige Kräfte hatten bis Donnerstagabend für die von der Evakuierung betroffenen Anwohner des Westfalenparks in kürzester Zeit in der Landgrafengrundschule eine Evakuierungsstelle errichtet, in der es an nichts mangelte.

„Natürlich kann man auf die Erfahrung der vergangenen Jahre zurückgreifen. Für viele der Hilfskräfte ist es nicht die erste Bombenräumung“, so Ralph Kittel vom zuständigen Ordnungsamt. Am Nachmittag war im Westfalenpark ein Blindgänger gefunden worden. Noch am Abend musste er entschärft werden.

Im Evakuierungsradius von 500 Metern um den Fundort waren 2400 Anwohner betroffen, zudem die größeren Firmen Amprion und Wilo - und die B1. Die Bundesstraße musste für die Dauer der Entschärfung zwischen den Abfahrten zur B54 und zur B236 voll gesperrt werden.

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Bombe im Westfalenpark entschärft

Die B1 komplett dicht, 2400 Anwohner konnten nicht in ihre Wohnungen: Die Blindgänger-Entschärfung sorgte für einen Abend im Ausnahmezustand im Bereich des Westfalenparks.
14.11.2019
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Ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg wurde am Donnerstagnachmittag im Westfalenpark gefunden. Für die Evakuierung musste die B1 am Abend streckenweise voll gesperrt werden. © Oliver Schaper
Die B1 war zeitweise gesperrt.© Schaper
Im Bereich der Sperrpunkte und auch in den umliegenden Straßen bildeten sich Staus.© Schaper
Die Autofahrer brauchten Geduld.© Schaper
Gesperrt wurde abschnittweise.© Stephan Schuetze
Der Verkehr wurde umgeleitet.© Stephan Schuetze
Zahlreiche Mitarbeiter von Ordnungsamt und Polizei waren im Einsatz.© Stephan Schuetze
Gesperrt wurde in beide Richtungen.© Stephan Schuetze
Die B1 ist selten so leer.© Stephan Schuetze
So leer wie an diesem Abend sieht man die B1 selten.© Stephan Schuetze
Zwei E-Scooter-Fahrer waren unerlaubt nach Beginn der Sperrung auf der B1 unterwegs.© Stephan Schuetze
Die Evakuierung dauerte mehrere Stunden.© Stephan Schuetze
Zahlreiche Anwohner wurden per Evakuierungsbus in die Landgrafenschule gebracht, die als Evakuierungsraum zur Verfügung stand.© Stephan Schuetze
Zahlreiche Anwohner kamen zum Evakuierungsraum.© Stephan Schuetze
Auch Feuerwehr und Johanniter waren im Einsatz.© Stephan Schuetze
Die Anwohner mussten sich die Zeit vertreiben.© Stephan Schuetze
Bis zu 250 Leute waren in der Evakuierungsstelle.© Stephan Schuetze
Auch spät trafen noch Anwohner in der Landgrafenschule ein.© Stephan Schuetze

Tragweite einer Evakuierung nie abzuschätzen

Eine Evakuierung in der Größenordnung sei grundsätzlich nicht völlig planbar, allerdings seien Strukturen vorhanden, „die sich im Laufe der Jahre etabliert haben“, so Michael Solf, ebenfalls vom Ordnungsamt.

Laut Solf habe man am frühen Nachmittag von der Bombenentschärfung erfahren: „Da ist natürlich insgesamt nicht viel Zeit, um die erforderliche Logistik zu organisieren. Deshalb ist auf jeden Fall ein guter Plan vonnöten.“

Eine besondere Herausforderung war die Evakuierung des Pflegezentrums „Am Westfalentor“. „Hier gibt es Bewohner, die nur sehr schwer zu transportieren sind. Unter bestimmten Vorkehrungen können diese im Gebäude bleiben“, erklärte Kittel.

Dazu zähle, dass man sich vom Fenster fernhalte und keinesfalls das Gebäude verlasse. „Die übrigen Bewohner werden für die Dauer der Bombenentschärfung in einem anderen Seniorenzentrum untergebracht.“

Landgrafenschule als Evakuierungsstelle

Die Anwohner, die nicht bei Familienmitgliedern oder Freunden unterkommen konnten, fanden in der Landgrafenschule eine Unterkunft.

Die Einsatzleitung rechne bei einer solchen Größenordnung damit, dass sich rund zehn Prozent der betroffenen Personen in der Evakuierungstelle einfinden. Laut offizieller Zählung wurden im Laufe des Abends insgesamt etwas mehr als 250 Personen vor Ort registriert. Kommt also hin.

Einer von ihnen war Jonas Wedlich: „Ich hatte mir zum Feierabend gerade die Playstation angemacht, als ich davon erfuhr, dass ich meine Wohnung verlassen muss.“

Erfahrene Hilfskräfte sehr zuvorkommend

Eine Evakuierung hatte er noch nie mitgemacht - „aber man merkt, dass sowohl einige Anwohner als auch die Hilfskräfte Erfahrungen mit solchen Ereignissen haben. Die Leute sind alle entspannt, und die vielen Ansprechpartner hier vor Ort sind sehr freundlich und hilfsbereit“, so der Service-Kaufmann.

„Ich wurde eher unsanft aus meiner Wohnung gebeten“ - Szenen einer Evakuierung

Neben Plätzchen gab es in der Evakuierungsstelle auch heißen Kaffee und Tee. © Stephan Schütze

Für zwei ältere Anwohner, die namentlich nicht genannt werden möchten, war es nicht die erste Räumung wegen eines Blindgängers: „Ich glaube, dass es mittlerweile die dritte Evakuierung ist, die ich miterlebe. In dieser Hinsicht bin ich vielleicht so etwas wie ein alter Hase“, so einer der Rentner.

„Größere Bombe, aber weniger Leute“

Dennoch wundere er sich, dass sich nicht noch mehr Leute in der Landgrafenschule eingefunden hatten. „Obwohl die Bombe ja dieses Mal deutlich größer zu sein scheint als die letzte, sind hier gefühlt weniger Leute anwesend.“

Eine der wenigen, die sich mit dem Vorgehen der Hilfskräfte nicht zufrieden zeigte, war Gisela Cetinkaya: „Ich habe wirklich keine Lust, meinen Abend hier zu verbringen - und wollte meine Wohnung eigentlich nicht verlassen. Allerdings wurde ich dann eher unsaft aus meiner Wohnung gebeten.“

Wenige Anwohner sorgen für Verzögerungen

Anders als Cetinkaya weigerten sich laut Einsatzleitung einige Anwohner aber wirklich beharrlich, ihre Wohnungen zu verlassen, wodurch sich die Evakuierung hinzog.

Laut Informationen der Stadt gab es zudem 51 Krankentransporte. Und kurz vor Abschluss der Evakuierung musste noch eine Person notärztlich versorgt werden. Letztlich zog sich die Prozedur bis nach 22.30 Uhr hin. Begonnen hatte sie um 18 Uhr.

In der Landgrafenschule blieb die Stimmung bis zum Schluss allerdings gelöst: „Wenn wir vor 0 Uhr nach Hause kommen und alles gut gegangen ist, kann ich damit durchaus leben“, so Wedlich. Die Hoffnungen sollten nicht enttäuscht werden.

Nachdem um kurz nach 23 Uhr die erfolgreiche Entschärfung der Bombe mitgeteilt wurde, konnten die Anwohner in ihre Wohnungen zurück.

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