Nach Jahrzehnten: „Illegale“ Mieter müssen Wohnungen verlassen

mlzGewerbegebiet Dorstfeld-West

Für einige „illegale“ Mieter aus Dorstfeld-West steht fest: Sie müssen aus ihren Wohnungen ausziehen, in denen sie seit etlichen Jahren gelebt haben. Was bleibt, sind Wut und Enttäuschung.

Dorstfeld

, 12.11.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Reiner Blase (73), Christine Blase (71) und Rainer Hartwig (59) ziehen aus. Noch leben sie zur Miete in dem Gewerbegebiet Dorstfeld-West, ebenso wie auch Angela Kretschmar (53). Doch von diesem Quartett hat nur Angela Kretschmar noch eine Chance, in ihrer Mietwohnung bleiben zu dürfen.

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Aber von vorn. Die Stadt Dortmund hält die Wohnungen der Dorstfelder für illegal. Denn: Das Wohnen im Gewerbegebiet ist nur in Sonderfällen erlaubt.

„Nur für Betriebsangehörige, die in einer genehmigten Betriebswohnung leben, gibt es Ausnahmen“, schreibt Stadt-Pressesprecher Christian Schön auf Anfrage.

Betroffen sind zwei Straßenzüge, die in dem Gewerbegebiet liegen: Iggelhorst und Auf dem Brümmer.

Auf dem Brümmer und Iggelhorst heißen die Straßen, in denen die "Illegalen" leben.

Auf dem Brümmer und Iggelhorst heißen die Straßen, in denen die „illegalen Mieter“ leben. © Freddy Schneider

Aufgefallen waren die vermeintlich illegalen Wohnungen, weil sich ein Anwohner über den nächtlichen Lärm der Veranstaltungshalle namens „Gala Eventhalle“ beschwert hatte. Das war im Mai 2019. Daraufhin schaute sich das Bauordnungsamt die Situation in Dorstfeld genauer an.

Ausgelöst hatte den Streit um das "illegale" Wohnen im Gewerbegebiet ein Anruf eines Anwohners, der sich über den nächtlichen Lärm dieser Eventhalle beschwert hatte.

Ausgelöst hatte den Streit um das "illegale" Wohnen im Gewerbegebiet ein Anruf eines Anwohners, der sich über den nächtlichen Lärm dieser Eventhalle beschwert hatte. © Freddy Schneider

„Sobald die Stadt Kenntnis davon bekommt, dass jemand in einer Wohnung wohnt, der nicht dazu berechtigt ist, besteht ein gesetzlicher Handlungszwang“, sagt Pressesprecher Christian Schön.

Und dieser „Handlungszwang“ führte dazu, dass nicht nur der eine Anwohner ein Problem bekam, sondern alle anderen auch.

Es folgten: Ordnungsverfügungen, die bewirken sollten, dass die Mieter ausziehen, und Klagen der Mieter, die sich dagegen wehrten, ausziehen zu müssen.

„Ich hab eine Woche durchgeheult“, sagt Angela Kretschmar zu der Belastung, die so ein Prozess mit sich bringt. Nun, anderthalb Jahre später, steht für einige fest: Wir ziehen aus.

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Reiner Blase (73) und Christine Blase (71) sind enttäuscht: „Wir dachten, dass das unsere letzte Wohnung ist.“ Sie leben seit 14 Jahren in einer Wohnung Auf dem Brümmer. Reiner Blase erzählt, es gebe einen Betroffenen, der „sein ganzes Leben“ in einem der Häuser lebt.

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Eigentlich wollte er nicht ausziehen, denn das hier sei sein Zuhause und darüber hinaus habe er Asthma und wolle nicht während einer Pandemie eine neue Bleibe suchen.

Doch nun habe er vor rund einer Woche ein „Angebot des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen“ bekommen, das er wohl annehmen werde.

Angebot des Gerichts und Vergleich der Stadt

Das Gericht biete ihm und auch Rainer Hartwig an, zwei Drittel der Gerichtskosten zu übernehmen, sollten sie die Klagen gegen die Stadt Dortmund zurückziehen.

Hartwig sagt, das Schriftstück sei 14 Seiten lang und schließe aus, dass er eine Nutzungsänderung für den „Bürobau mit Bad“ bekommt, wie er sagt. Er selbst spricht von einer 115 Quadratmeter großen Wohnung plus Garten.

Wolfgang Thewes vom Verwaltungsgericht Gelsenkirchen nennt das kein „Angebot“. Es handle sich dabei eher um ein „übliches Prozedere“, wenn abzusehen sei, dass es keine Aussichten auf Erfolg gebe. „Dieser Hinweis des Gerichts dient dazu, Geld zu sparen“, sagt er. Es hätten beide Parteien etwas davon.

Von der Stadt Dortmund haben die Blases und Hartwigs das Angebot bekommen, noch bis zum 31. März 2021 in den Wohnungen in Dorstfeld leben zu dürfen. Danach müssen sie aber endgültig raus. Die Stadt Dortmund sagt dazu: „Laufende Verfahren, egal welcher Art, werden nicht kommentiert.“

Mieter fühlen sich alleingelassen

„Das ist schon ein Entgegenkommen“, räumt Rainer Hartwig ein, der sein weißes Shirt mit dem schwarzen Aufdruck „Die Illegalen von Dorstfeld-West“ zum Pressetermin trägt. Und: „Man muss auch wissen, wann man verloren hat.“

Für Angela Kretschmar aber gibt es noch einen Hoffnungsschimmer. Sie lebt in dem Haus Iggelhorst 15 in der circa 95 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnung, die von der Stadt Dortmund im Jahr 1984 eine Sondergenehmigung erhielt. Diese erlaube es, dass in der Wohnung auch nicht Betriebsangehörige leben dürfen.

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Der Vermieter von Kretschmar und Hartwig, Jürgen Lischeid, erklärt, dass der vorherige Hausbesitzer die Wohnung umgebaut und sich die Sondergenehmigung im Nachhinein eingeholt hatte.

„Da hat die Stadt gepennt“, sagt Lischeid. Er habe das Haus mit den drei Parteien 1998 gekauft.

Der Sonderfall der Dachgeschosswohnung

Seit 17 Jahren lebt Kretschmar nun hier. Das kann sie sich gut merken, weil ihre 17-jährige Tochter hier aufwuchs.

Ob sie nach dem Ärger hier weiter leben wolle? „Wir werden erstmal weitermachen. Dann sehen wir mal“, sagt sie – sichtlich unglücklich.

Die einzige Bewohnerin des Gewerbegebiets wird sie nicht sein. Die „illegalen“ Mieter sagen, dass es Nachbarn einige hundert Meter weiter gibt, die nicht von der Stadt dazu aufgerufen wurden, auszuziehen. Warum das so ist, darüber können sie nur spekulieren.

„Wenne korrekt bist, wirste in den Arsch getreten.“
Reiner Blase (73)

Wut und Enttäuschung schweißen die Nachbarn zusammen. Enttäuschung, dass sich „niemand um sie gekümmert habe“ – Wut, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. „Wenne korrekt bist, wirste in den Arsch getreten“, sagt Reiner Blase.

Der Frust ist bei den „Illegalen“ sehr groß

„Kein Schwein“ habe sich gekümmert, sagt Rainer Hartwig und zählt auf, bei wem sich er und seine Mitstreiter gemeldet haben, um Hilfe zu kriegen: Bei sämtlichen Parteien „von links nach rechts“ und dem neuen Oberbürgermeister Thomas Westphal – selbst den Toleranzbeauftragten der Stadt Dortmund, Manfred Kossack, hatten sie angeschrieben. Helfen wollte oder konnte niemand.

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In einer Mail, die der Redaktion vorliegt, sichert Thomas Westphal Reiner Blase zu, „sich die Situation in Dorstfeld noch einmal anzuschauen“. Datiert ist die E-Mail auf den 18. September.

Blase hatte Westphal eingeladen, nach der Gedenkveranstaltung in Dorstfeld anlässlich der Pogromnacht am 9. November zu ihm zu kommen. Besucht habe Westphal die „Illegalen“ danach aber nicht.

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Rainer Hartwig hat inzwischen eine neue Wohnung gefunden, die Blases suchen noch nach einer geeigneten Bleibe. Hartwig zieht Mitte Dezember aus – und hat etwas aus dem Streit lernen können. „Das erste, wonach ich bei einer neuen Wohnung geschaut habe, ist, ob sie in einem Gewerbegebiet liegt“, sagt er und lacht.

Was passiert mit den Wohnungen?

Vermieter Jürgen Lischeid wird sich um gewerbliche Mieter kümmern müssen, wenn die Hartwigs aus der Parterrewohnung und die Mieter aus der ersten Etage (ebenfalls 115 Quadratmeter) ausgezogen sind.

„Wahrscheinlich ein Nagelstudio oder irgendwie sowas. Da gibt‘s ja einiges“, sagt Lischeid. Glücklich ist er damit aber nicht. Noch sucht er nicht aktiv nach einem Nachfolger. Erst möchte er, dass die Hartwigs in Ruhe ausziehen können. Danach möchte er erst möglichen Interessenten die Räumlichkeiten zeigen.

„Hätte ich gewusst, was da auf uns zukommt...“, sagt Lischeid – lässt aber offen, was dann gewesen wäre. „Das versteht doch kein Mensch bei der Wohnungsnot hier. Das kann man doch keinem erklären.“

In eigener Sache


Transparenzhinweis

  • Auch die Druckerei von Lensing Media befindet sich in dem Gewerbegebiet Dorstfeld-West. Sie ist von dem Prozess nicht berührt oder darin involviert.

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