Im Café Blickpunkt ist alles neu - Gerhard Brune (87) erinnert es trotzdem an alte Zeiten

mlzCafé Blickpunkt

Pflaumenkuchen ist aktuell der Hit im wiedereröffneten Café Blickpunkt. Puddingpulver und Kakao waren es, die Gerhard Brune um 1940 dorthin zogen. Er erzählt von einer Zeit vor dem Café.

Lütgendortmund

, 10.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gerhard Brune (87) sitzt an einem Tisch im Café Blickpunkt. Drei Mal im Jahr zieht es ihn an die Limbecker Straße 17, eine Tradition seit 1962. „Mein Vater ist auf dem Friedhof hier beerdigt. Ich bin immer an seinem Geburts- und Todestag hier“, erklärt der 87-Jährige. „Und an Totensonntag.“

Doch wenn Gerhard Brune im Café Blickpunkt sitzt, denkt er nicht nur an den plötzlichen Herztod, den sein Vater erlitt als er zehn war. Vielmehr erinnert er sich an schöne Zeiten, an Einkaufsbummel an der Hand seiner Mutter - als das Café noch ein Kolonialwaren-Geschäft war.

Früher gab es im Caféhaus Kolonialwaren und Schuhe

Kakao und Puddingpulver - das kommt Gerhard Brune in den Sinn, wenn er im Café Blickpunkt sitzt. „Im Untergeschoss dieses Hauses war früher ein Kolonialwaren-Geschäft untergebracht“, erzählt er und schmunzelt. „Frau Rennecke kam wohl aus Sachsen, weil sie ‚Budding‘ sagte.“

Im Café Blickpunkt ist alles neu - Gerhard Brune (87) erinnert es trotzdem an alte Zeiten

Gerhard Brune wurde im Jahr 1938 eingeschult. © Privat

Der heute 87-Jährige ist gebürtiger Lütgendortmunder und bis zu seinem elften Lebensjahr im Stadtbezirk aufgewachsen. „Wir haben damals an der Westermannstraße gewohnt“, erzählt er. Und trotz des kurzen Fußmarsches von dort aus zum Café Blickpunkt, in dem früher auch ein Schuhgeschäft untergebracht war, hatte Gerhard Brune im Schneewinter 1941/1942 oft nasse und gefrorene Füße.

„Schuhruinen“ kriegte Hubert Rennecke wieder hin

„Tante Hilde vertrieb Lingel-Schuhe, viel zu fein für derbe Jungenfüße“, erklärt Gerhard Brune den Grund für seine kalten Füße. „Meine Mutter hat dann in einer Schüssel mit Schnee meine Füße langsam wieder aufgetaut.“ Eine schmerzhafte Angelegenheit. Ablenkung brachte da die Schuhwerkstatt von Hubert Rennecke, Hildes Bruder.

Im Café Blickpunkt ist alles neu - Gerhard Brune (87) erinnert es trotzdem an alte Zeiten

Gerhard Brune (r.) mit seiner Mutter und seiner Schwester. © Privat

„Bei meinen Schuhen musste er öfter die Eisenplättchen unter den Spitzen der Schuhsohlen erneuern oder neue Hufeisen unter die Absätze nageln“, erzählt Gerhard Brune. „Onkel Hubert zog die Stirn in Falten, wenn wir die Schuhruinen anbrachten.“ Er lacht. Dann zieht auch er die Stirn in Falten.

Die Luftangriffe auf Dortmund brachten Gerhard Brune bis ins Allgäu

Denn die Vorkriegszeit in Lütgendortmund war nicht nur fröhlich. „1941 bei einem Luftangriff ist eine Freundin meiner Schwester umgekommen.“ Gerhard Brune schluckt. „Sie ist auf dem Marktplatz verblutet.“ Doch erst der Luftangriff auf Dortmund 1943 hat sein Leben komplett verändert.

Im Café Blickpunkt ist alles neu - Gerhard Brune (87) erinnert es trotzdem an alte Zeiten

Die inzwischen abgerissene Schule an der Westermann Straße, in der nacheinander ein Realgymnasium, eine Lehrer-Bildungsanstalt und eine Realschule untergebracht waren, hat Gerhard Brune besucht. Heute steht auf dem Gelände eine Kindertageseinrichtung. © Privat

Mit der Kinderlandverschickung ging es für ihn, seine Lehrer und Klassenkameraden des Bismarck Realgymnasiums (heute Max-Planck-Gymnasium) zunächst nach Baden-Baden. „Das war das Paradies im Gegensatz zum zerstörten Dortmund“, erinnert sich der 87-Jährige. Dann ging es weiter ins Allgäu.

In drei Wochen ging es zurück nach Hause

Von dort aus machten sich Gerhard Brune und fünf seiner Klassenkameraden nach Kriegsende auf nach Hause - mit Karren, Milchwagen und Güterzügen. Zuhause war für Brune dann allerdings Bielefeld, wo das Elternhaus seiner Mutter stand. Nach Dortmund kehrte Gerhard Brune erst 1962 zurück - als Architekt beim Planungsamt der Stadt. Auch, wenn er nie wieder in Lütgendortmund wohnte, fühlt er sich doch mit seinem Geburtsort verbunden. Mit seinem Vater und den Kindheitserinnerungen an das heutige Café.

Joanna Smolka: „Bisher ist alles super gelaufen“

Dass das seit Montag wiedereröffnet ist, freut Gerhard Brune. „So kann ich meine Besuche fortsetzen.“ Aber wie läuft es seit der Wiedereröffnung für die neuen Pächter? „Bisher ist alles super“, sagt Joanna Smolka (38), die das Café gemeinsam mit Kai Schmitt (50) führt.

Die erste Resonanz sei sehr positiv. Vor allem das Ambiente und die selbstgebackenen Kuchen kommen gut an. „Im Moment habe ich nur Pflaumenkuchen da - auch, weil die Zeit dafür ist“, verrät Joanna Smolka. „Und es hat sich sofort herausgestellt: Der kommt gerade mit Abstand am besten an.“

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