Im Missbrauchsprozess kippte kurz vor den Plädoyers die Stimmung

mlzGerichtsprozess

Im seit Monate dauernden Prozess gegen einen 52-Jährigen, der die Töchter seiner Ex-Lebensgefährtin missbraucht haben soll, sollte am Donnerstag plädiert werden. Dazu kam es aber nicht.

Dortmund

, 23.04.2020, 16:44 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten eine Vielzahl sexueller Übergriffe auf zwei Töchter seiner einstigen Lebensgefährtin vor. Die Tatserie soll bereits 1997 in der damaligen Dortmunder Familienwohnung begonnen haben. Inzwischen leben die jungen Frauen in Österreich, wo sie sich im Jahr 2016 bei der Polizei meldeten und Anzeige erstatteten.

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Der 52-Jährige will von den schlimmen Vorwürfen jedoch nichts wissen. Er hält sich für das Opfer einer Intrige. Nachdem er vor Jahren bei der Polizei aus freien Stücken mehrere Betrugstaten zugegeben hatte und damit auch der Mutter der Kinder ein Strafverfahren beschert habe, sei er in der Familie verhasst gewesen, hat sein Verteidiger einmal vorgetragen. Die Anschuldigungen seiner Stieftöchter seien also als Retourkutsche zu verstehen.

Richter glauben den Zeuginnen

Die Richter glauben das allerdings nicht. Kurz vor den geplanten Plädoyers verkündete die Kammer am Donnerstag einen Beschluss, nach dem sie es ablehnen, eine weitere Zeugin aus Österreich zu laden.

Zur Begründung dieser Entscheidung fasste der Vorsitzende Richter Ulf Pennig die bisherige Beweisaufnahme in kurzen Worten zusammen und gab eine „vorläufige Würdigung der Zeugenaussagen“ im Namen der Kammer wieder. Und die hatte es in sich.

„Die Nebenklägerin zeigte keine überschießenden Belastungstendenzen, sondern war stattdessen sichtlich bemüht, den Sachverhalt objektiv zu schildern“, sagte Pennig. Und: „Wir haben keinen Anlass für die Annahme einer Falschbelastung.“ Auch das zweite mutmaßliche Opfer bekam von den Richtern das Prädikat „glaubwürdig“ verpasst. Mit anderen Worten: Die Kammer geht derzeit von der Schuld des Angeklagten aus. Der 52-Jährige muss also mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen.

Verteidiger ist fassungslos

Nachdem er das gehört hatte, wirkte vor allem der Verteidiger des 52-Jährigen konsterniert. „Ich bin fassungslos über diese Aussagen“, sagte der Anwalt kopfschüttelnd. Immerhin gebe es in Österreich doch Strafverfahren gegen beide Frauen.

Der Vorwurf dort unter anderem: Falschaussage. „Diese Verfahren, diese Vorgänge in Österreich können Sie doch nicht einfach außen vor lassen“, polterte der Verteidiger. Später fragte er sich sogar sarkastisch, ob die Richter die aus Österreich beigezogenen Prozessakten überhaupt gelesen hätten.

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Statt zu plädieren, stellte der Verteidiger daher weitere Beweisanträge. Neue Zeugen sollen die Aussagen der „Stieftöchter“ erschüttern. Außerdem solle das Gericht den Prozess bis zum Abschluss der österreichischen Verfahren aussetzen. Wann das Gericht über die neuen Anträge entscheidet, steht noch nicht fest.

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