Schlange stehen für eine Impfung im Dortmunder Impfzentrum auf Phoenix-West: Etwa 2500 Impfungen werden hier täglich durchgeführt. © Kevin Kindel
Corona-Impfungen

Impfneid in Dortmund: Geimpft werden immer die anderen!

Das Tempo bei den Impfungen gegen das Coronavirus steigt. Doch für viele Menschen ist die schützende Spritze in weiter Ferne. Das erzeugt ein Gefühl, das es bisher noch nicht gab: Impfneid.

Zu den anstrengendsten Dingen der Corona-Pandemie zählt, dass sie immer wieder neue psychologische Phänomene sichtbar macht, für die es dann ein neues Wort braucht. Impfneid ist die neueste Kreation.

Dieser Neologismus beschreibt ein Gefühl, das seit Beginn der Corona-Schutzimpfungen bei vielen Menschen auch in Dortmund real ist.

Erst Impfdosis als Kontaktperson

Das zeigt die Situation, in der sich Jan Meischein befindet. Weil die Eltern seines Patenkindes ihn als Kontaktperson angegeben haben, hat der 33-Jährige vor Kurzem die erste Impfdosis erhalten. Das Kind hat eine geistige Beeinträchtigung und ist deshalb wie seine beiden Eltern bereits geimpft.

„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jemandem etwas wegnehme. Aus meiner Sicht geht es darum, so schnell wie möglich Menschen mit beruflichen und familiären Kontakten zu impfen“, sagt Meischein.

Menschen sprechen im persönlichen Umfeld nicht gerne über ihre Impfung

Dennoch sei er in seinem persönlichen Umfeld vorsichtig gewesen, über dieses eigentlich positive Ereignis zu sprechen. „Man trifft sofort auf Leute, die dann fragen, warum das so ist und offen fragen, ob ich das nicht ausnutze.“

Er nutzt es nicht aus, weil er eine Kontaktperson mit allen formalen Voraussetzungen ist. Und weil es aus seiner Sicht hilft, damit die Pandemie schneller überwunden werden kann.

Impf-Abstauber auf Phoenix-West

Wie sich die Volksemotion der Stunde in der Realität ausdrückt, lässt sich regelmäßig auch am Impfzentrum auf dem Phoenix-West-Gelände in Hörde beobachten.

Dort stehen Abend für Abend Menschen ohne Termin an und hoffen darauf, dass eine Impfdosis von einem abgesagten Termin übrig bleibt.

Darunter war in den vergangenen Wochen auch mehrmals der Dortmunder Alexander Christoph. Er ist 35 Jahre alt, Vater einer kleinen Tochter und nach eigener Aussage jemand, der sich seit über einem Jahr strikt an alle Kontaktregeln halte.

„Ich treffe meine Mutter nicht, bis sie nicht geimpft ist, wir halten uns nur im Umfeld unserer Wohnung auf, gehen möglichst nur einmal in der Woche einkaufen“, sagt Alexander Christoph.

„Ich will nicht dreist sein oder mich vordrängeln.“

Er weiß, dass er in der Reihenfolge, wie sie aktuell noch gilt, noch nicht vorgesehen ist. Doch auch er ist der Meinung, dass so schnell wie möglich auch jüngere Menschen geimpft werden sollten, bevor Impfstoff ungenutzt bleibt. „Ich will nicht dreist sein oder mich vordrängeln“, betont Christoph.

Er hat sich in den vergangenen Wochen mehrmals vor den Eingang des Impfzentrums gestellt. Oft gemeinsam mit bis zu 30 Menschen, wie er berichtet.

„Ich habe nie selbst mitbekommen, wie jemand auf diesem Weg erfolgreich war“, sagt der Dortmunder.

Ein Erlebnis am 17. April hat seinen Blick auf das Thema verändert. Ein Arzt sei an diesem telefonierend aus dem Gebäude gekommen und habe offensichtlich ihm bekannte Personen zu sich gewunken. Die Personen seien dann in das Gebäude gegangen und dort geimpft worden.

„Wie ein Mensch zweiter Klasse.“

Christoph erzählt unaufgeregt davon, dass er sich als „Mensch zweiter Klasse gefühlt habe“. Bei anderen Wartenden, die zum Teil drei Stunden lang vor der Warsteiner Music Hall gestanden hätten, habe die Beobachtung größere Wut ausgelöst.

Nach offizieller Aussage des medizinischen Impfzentrum-Leiters Dr. Reinhard Büker von Mitte April gibt es solche Impfungen aufgrund persönlicher Beziehungen in Dortmund nicht. Rest-Dosen werden zurzeit ausschließlich an Personal von Feuerwehr und Polizei ausgegeben.

Wer wen jetzt genau reingelassen hat, ist gar nicht entscheidend. Es geht darum, dass die Zahl derer zunimmt, die auf unterschiedlichen Wegen schon außerhalb der Reihenfolge geimpft wurden.

Impfneid ist deshalb bei vielen Menschen in Dortmund Gegenstand von Gesprächen im privaten Raum. Geimpft werden immer die anderen. Das dürfte abnehmen, wenn, wie angekündigt, die Priorisierung ab spätestens Juni aufgehoben wird. Selbst dann dauert es noch Monate, bis ein Großteil der Bevölkerung geschützt ist – die Debatte wird weitergehen.

Es gibt auch diejenigen, die gönnen und warten können

Was zumindest hoffnungsfroh stimmt: Es ist auch ein gegenteiliges Gefühl zu spüren. Dortmunderinnen und Dortmunder berichten in Gesprächen mit dieser Redaktion, dass sie sich freuen, dass ihre Eltern und Freunde, die im Gesundheitswesen arbeiten, geschützt sind. Dass sie noch etwas durchhalten können.

Der medizinische Leiter des Dortmunder Impfzentrums, Dr. Reinhard Büker, hatte sich zuletzt deutlich dafür ausgesprochen, dass sobald wie möglich so viel geimpft werden sollte wie möglich. Es komme dadurch zu weniger Impfneid, weil Impfungen „entkriminalisiert“ würden, wenn Dosen theoretisch für jeden verfügbar seien.

Psychoanalytiker: „Neid kann sehr wohl positiv sein.“

Laut einer Forsa-Umfrage empfinden rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland Neid auf bereits immunisierte Personen.

Aus psychologischer Sicht ist Neid ein zutiefst menschliches, schwer zu unterdrückendes Gefühl. Es ist nicht falsch, es zuzulassen – wenn man es konstruktiv nutzt. Ein Beispiel für einen solchen konstruktiven Umgang ist laut dem Berliner Psychoanalytiker Eckehard Pioch etwa die aktuelle Entwicklung bei der Aufhebung der Impfreihenfolge.

„Neid kann sehr wohl positiv sein. Er kann dazu führen, dass ich mich dafür einsetze, dass sich bestimmte Dinge verändern. Er kann Menschen in Aktivität führen“, sagt Pioch in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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