In der Bachmannstube gab‘s Schnaps, Bier und BMW am acht Meter langen Tresen

mlzGeheimnisse des Westenhellwegs

In der Bachmannstube gab‘s keine Stühle, keine Aschenbecher, kein Essen. Dafür einen acht Meter langen Tresen und sehr viel Schnaps. Die Geschichte einer legendären Kneipe am Westenhellweg.

Dortmund

, 27.02.2019, 04:06 Uhr / Lesedauer: 7 min

Gäbe es die Bachmannstube heute noch, sie wäre wahrscheinlich noch immer ziemlich erfolgreich. Denn das Konzept dieser Kneipe, die nach dem Zweiten Weltkrieg gut zwei Jahrzehnte den Westenhellweg prägte, war so einfach wie gut: Hier wurde getrunken. Und das am Tresen.

Die Bachmannstube war, das bestätigt jeder, der dort einmal war, ein zentraler Treffpunkt, ein Stammlokal, ein Ort, an dem Direktoren neben Bauarbeiten standen und gemeinsam mit einem Bachmann-Likör anstießen, an dem die Männer nach dem Feierabend einen Kurzen tranken, während sie auf die Straßenbahn nach Hause warteten (und vielleicht auch erst zwei oder drei Bahnen später nahmen), an dem Frauen mit ihren Kindern einkehrten, um sich kurz mit einem Likör aufzuwärmen. Ein Ort, an dem Geschäfte besiegelt wurden, bevor der Notar dies auch offiziell tat. Ein Ort, der allein wegen seines acht Meter langen Tresens Kultstatus erlangte.

Die Geschichte der Familie Hageböck

Untrennbar mit der Geschichte der Bachmannstube verbunden ist die Geschichte der Dortmunder Familie Hageböck, die die Kneipe führte und den berühmten Bachmann-Likör produzierte.

Ende des 19. Jahrhunderts lernte der Dortmunder Heinrich Hageböck das Handwerk des Destillierens in Danzig. Am 1. August 1884 gründete er in Dortmund die Danziger Liqueurfabrik mit Sitz am Westenhellweg 7 – und bot dort unter anderem das Danziger Goldwasser an, einen mit Blattgold verfeinerten Likör. Die Familie Hageböck war auch zuvor schon im Wein- und Spirituosengeschäft aktiv, eröffente 1682 an der gleichen Adresse am Westenhellweg das Weinhaus Tomestern.

Der Westenhellweg 1910 mit der Danziger Liqeurfabrik vorne links im Bild.

Der Westenhellweg 1910 mit der Danziger Liqeurfabrik vorne links im Bild. © Hageböck

Der große Erfolg aber kam erst mit einem Mann, der gar nicht Hageböck hieß, sondern Bachmann. Jener Herr Bachmann – sein Vorname ist in den vielen Geschichten über ihn nie erwähnt worden – war Polizist in Dortmund. Nach seinen Streifengängen kehrte Herr Bachmann gerne in der Probierstube von Heinrich Hageböck am Westenhellweg ein, um sich einen zu trinken. Aus verschiedenen Getränken, die es in der Probierstube so gab, ließ er sich seine ganz eigene Mixtur erstellen, die er fortan täglich dort trank.

Diese Mixtur schmeckte aber nicht nur Wachtmeister Bachmann, sondern auch den anderen Gästen, die am Westenhellweg 7 einkehrten. Und so entschied Heinrich Hageböck, daraus eine neue Spirituose zu machen: den Magenlikör Bachmann. Im April 1897 meldete er die Marke beim Reichspatentamt in Berlin an. Und von da an wurde der Bachmann-Likör zum Verkaufsschlager der Danziger Liquerfabrik, die später, nach dem Zweiten Weltkrieg, zur Bachmann Likörfabrik wurde.

Das Rezept ist ein gut gehütetes Geheimnis

Hauptbestandteil des Bachmann-Likörs ist Rum, „echter Jamaika-Rum“, wie Heinrich Hageböck, der Enkel des Firmengründers, betont. Der Rest ist ein gut gehütetes Geheimnis. „Ich meine ja“, sagt Hageböck, „Bachmann schmeckt wesentlich besser als Jägermeister.“

So sah die Probierstube der Familie Hageböck am Westenhellweg vor dem Zweiten Weltkrieg aus.

So sah die Probierstube der Familie Hageböck am Westenhellweg vor dem Zweiten Weltkrieg aus. © Hageböck

Heinrich Hageböck, der Bachmann-Erfinder, starb 1925, danach führte zunächst seine Frau Ida das Unternehmen, 1930 stieg der gemeinsame Sohn – auch er hieß, wie alle in der Familie, Heinrich – mit ins Familien-Unternehmen ein. Er setzte den erfolgreichen Weg seines Vaters fort, hatte aber, wie so viele Geschäftsleute, im Zweiten Weltkrieg seine Schwierigkeiten, die Firma zu führen. Heinrich Hageböck durfte zwar auch während des Krieges weiter Bachmann produzieren, dieser wurde aber auf einen Alkoholgehalt von 36 Prozent – bis dahin (und auch danach wieder) waren es 42 Prozent – heruntergestuft. Und den Großteil musste Heinrich Hageböck an die Wehrmacht liefern.

Die Geschäfts- und Produktionsräume am Westenhellweg wurden in einer Bombennacht komplett zerstört, kurz vor Kriegsende wurde der Keller geplündert. „Mein Vater hat Glück gehabt, dass er überlebt hat“, sagt Heinrich Hageböck, der dritte und letzte Betreiber der Hageböckschen Likörfabrik. „Er war bei einem der Bombenangriffe gerade im Keller, um die Zuckersäcke zu retten.“

Eines der wenigen einstöckigen Häuser am Westenhellweg

Nach dem Krieg baute der Vater das Geschäft gemeinsam mit alten Mitarbeitern wieder auf – notdürftig. Beim Wiederaufbau des Hauses am Westenhellweg 7 beschränkte er sich auf das Nötigste – es ist bis heute eines der wenigen Häuser am Westenhellweg, das nur einen Stock hat. Ursprünglich waren weitere Stockwerke vorgesehen, aber dazu kam es nie. „Die Goldgrube ist doch unten im Erdgeschoss“, sagt Heinrich Hageböck. Deshalb habe er sich, nachdem er die Firma übernommen hatte, dagegen entschieden, das Haus aufzustocken.

Im Keller des Hauses am Westenhellweg wurde der Bachmann produziert.

Im Keller des Hauses am Westenhellweg wurde der Bachmann produziert. © Hageböck

Im Keller des Hauses wurden, wie schon vor dem Krieg, wieder Spirituosen produziert. Ab Anfang 1950 konnte die Familie den Bachmann-Likör wieder nach altem Hausrezept produzieren. „Dann durchzog ein süßer, mit kräftigem Alkohol versetzter zuckriger Duft den Westenhellweg bis hin zur Kampstraße“, erzählt Klaus Erich Seggelke, dessen Vater Erich mehr als 50 Jahre in der Hageböckschen Likörfabrik arbeitete und lange Zeit Geschäftsführer war. Der süße Likörduft sei eine „sehr angenehme duftige Überlagerung des sonst von der Rheinischen Straße her wehenden herben Biergeruchs“ gewesen, berichtet Seggelke.

Im Erdgeschoss richtete die Familie wieder einen Ausschank ein. Bachmannstube sollte er heißen – und für die nächsten knapp 20 Jahre zu einer legendären Anlaufstelle im Zentrum Dortmunds werden.

So sah sie Bachmannstube von außen aus.

So sah sie Bachmannstube von außen aus. © Hageböck

Die Bachmannstube war lang und schmal. Das Herzstück war ein acht Meter langer Tresen, an dem die Spezialitäten des Hageböckschen Hauses ausgeschenkt wurden. Die Wände waren gekachelt. In alten, schweren Holzregalen standen alle möglichen Flaschen, die die Hageböcks im Angebot hatten. Auf den Eichenbalken an der Decke waren – in Blattgold – typisch westfälische Sprüche zu lesen.

Ganz hinten, an der Rückwand der Stube, stand ein künstlicher Kamin. Daneben waren zwei Bänke angebracht. Die dienten aber nicht zum Sitzen, sondern lediglich dafür, Einkaufstüten oder Aktentaschen abzulegen. Ansonsten gab’s keine Tische. Und auch keine Stühle. In der Bachmannstube tranken die Gäste stehend am Tresen. „Das war das Ausgefallene“, sagt Heinrich Hageböck.

Die Kinder saßen auf dem Tresen

Die Arbeit hinter dem Tresen war genau aufgeteilt. Ganz vorne am Halbrund zum Eingang am Westenhellweg stand Fräulein Hedwig. „Sie war die einzige weibliche Ausschankmitarbeiterin, aber eine wichtige Anlaufstelle für die Dortmunder Damenwelt nach getanem Einkauf“, erinnert sich Klaus Erich Seggelke, der mit der Bachmannstube groß geworden ist, wie er sagt.

Diese Herren schenkten in der Bachmannstube pausenlos Schnaps und Bier aus.

Diese Herren schenkten in der Bachmannstube pausenlos Schnaps und Bier aus. © Hageböck

Fräulein Hedwig habe es geduldet, wenn die Frauen ihre Kinder auf den Tresen setzten, um sie im Blick zu halten – Stühle gab‘s schließlich nicht. „Und irgendwo mussten die Kinder ja bleiben“, sagt Klaus Erich Seggelke. Den übrigen Thekenbereich verwalteten vier bis fünf männliche Mitarbeiter, stets vornehm gekleidet. Sie schenkten den Schnaps nahezu pausenlos aus: Allen voran Bachmann-Likör und den ebenso beliebten BMW – Bachmann mit Weinbrand. „Der Gag war, dass man den aus zwei Flaschen einschenkte“, erzählt Heinrich Hageböck. Die Mitarbeiter hatten die Bachmannflasche in der einen, den Weinbrand in der anderen Hand – im Glas kam dann beides zusammen und wurde so zu BMW.

Ansonsten gab‘s alles, was der Hageböcksche Keller so hergab: Danziger Goldwasser, Boonekamp Magenbitter, Doppelkorn, Cherry-Brandy, Mocca-Likör. Zur Weihnachtszeit sei Anisette, Anisschnaps mit Rum, der Renner gewesen, sagt Heinrich Hageböck. Ganz am Ende der Theke wurde Bier gezapft. Die Bachmannstube war, anders als die meisten anderen Kneipen, nicht an eine Brauerei gebunden. So gab‘s verschiedene Sorten zur Auswahl.

Heinrich Hageböck (l.) mit Erich Seggelke, dem Geschäftsführer der Likörfabrik, an der Abfüllanlage im Keller der Produktionsstätte am Westenhellweg.

Heinrich Hageböck (l.) mit Erich Seggelke, dem Geschäftsführer der Likörfabrik, an der Abfüllanlage im Keller der Produktionsstätte am Westenhellweg. © Hageböck

Weil die Theke so lang war, wurden die Getränke meistens einfach durchgereicht, bis sie beim richtigen Abnehmer angekommen waren. Bezahlen funktionierte genauso: Wer gehen wollte, schickte Deckel und Geld durch mehrere Hände auf den Weg zur Theke. Wenn‘s voll war – und es war eigentlich immer voll in der Bachmannstube – standen die Gäste in Vierer- und Fünferreihen vor dem Tresen.

Um 9 Uhr morgens ging‘s los – manchmal auch noch eher

Essen gab‘s nicht. Und wer rauchte, der schnippte die Asche einfach auf den Boden. Mehrmals am Tag wurde durchgewischt, um den Dreck wieder wegzumachen.

Die Öffnungszeiten der Bachmannstube waren für heutige Verhältnisse ungewöhnlich: Die Türen wurden um 9 Uhr aufgeschlossen, an Markttagen sogar schon um 7 Uhr, dann kamen die Marktleute, um sich mit einem Schnäpschen von innen aufzuwärmen – vor allem an kalten Wintertagen. Von 13 bis 15 Uhr war Mittagspause in der Bachmannstube. Offizieller Öffnungsschluss war um 19 Uhr. „Danach ging‘s nur noch raus, nicht mehr rein“, sagt Klaus Erich Seggelke. Es sei denn, man war ein bekanntes Gesicht. Aber das habe nur auf ein paar wenige zugetroffen, sagt Seggelke. Gegen 23 Uhr sei dann meistens Feierabend gewesen. „Es war wirklich von morgens bis abends etwas los.“

In die Bachmannstube kamen auch viele prominente Gäste. Dieses Foto zeigt die Schauspielerin Luise Ullrich. Ein Stammgast war aber auch der in Dortmund geborene Schauspieler Rudolf Platte.

In die Bachmannstube kamen auch viele prominente Gäste. Dieses Foto zeigt die Schauspielerin Luise Ullrich. Ein Stammgast war aber auch der in Dortmund geborene Schauspieler Rudolf Platte. © Hageböck

In der Bachmannstube trafen sich Menschen aus allen Schichten der Dortmunder Bevölkerung. Mittags kamen oft Geschäftsleute zusammen, um Verträge zu schließen. „Erst danach ging es zum Notar“, sagt Klaus Erich Seggelke. Die Frauen tranken ihr Likörchen nach dem Einkaufen bei Fräulein Hedwig. Wer in der Stadt arbeitete, ging auch gern nach Feierabend auf ein Bier oder einen Bachmann vorbei. „Man fuhr anschließend auch noch Auto, man durfte sich nur nicht erwischen lassen“, sagt Klaus Erich Seggelke.

Die Kneipe sei auch oft die erste Anlaufstelle für eine Kneipentour gewesen, ein Treffpunkt, von dem aus die Meute dann weiterzog. „Das Schöne war, dass man sofort mit fremden Leuten in Kontakt kam“, sagt Heinrich Hageböck.

Rudolf Platte war Stammgast in der Bachmannstube

Der Ruf der Bachmannstube eilte ihr voraus, so schauten immer wieder auch Prominente vorbei. Ein Stammgast etwa war Rudolf Platte. Der in Hörde geborene und in Berlin lebende Schauspieler trank, wann immer er in Dortmund war, auch einen Kurzen in der Bachmannstube. Heinrich Hageböck erinnert sich noch gut an eine Begegnung mit dem Schlagersänger Billy Mo. Er habe ihm damals ein kleines Horn geschenkt. „Der hat da die tollsten Lieder darauf rausbekommen und in der Bachmannstube gespielt“, erinnert er sich.

Heinrich Hageböck hat das Familien-Unternehmen zuletzt geführt.

Heinrich Hageböck hat das Familien-Unternehmen zuletzt geführt. © Jana Klüh

Nachdem seine Eltern – 1954 der Vater, 1959 die Mutter – gestorben waren, erbte Heinrich Hagenböck die Likörfabrik. „Ich war auch der Übeltäter, der die Bachmannstube geschlossen hat“, sagt der 77-Jährige heute. Die Kneipe habe sich damals wirtschaftlich nicht mehr gerechnet. Und er habe ein Angebot von dem Juwelier Kraemer bekommen, dass er nicht habe ausschlagen können. Im Sommer 1969 öffnete die Bachmannstube ein letztes Mal. Viele Stammkunden seien tieftraurig darüber gewesen. „Als ich an diesem letzten Tag war, da gab es viele Tränen“, sagt Heinrich Hageböck.

Danach zog der Juwelier in die alten Kneipenräume, heute ist dort der Juwelier Pletzsch, der zu Kraemer gehört. Die Bachmannstube existierte für kurze Zeit noch an der Ecke Kampstraße / Hansastraße weiter, geführt von den in Dortmund bekannten Gastronomen Eisenbarth. Doch das war erstens nur von kurzer Dauer und zweitens nicht mehr so legendär wie am Westenhellweg.

Schnapsbrennerei ist 1998 endgültig Geschichte

Schnaps ließ Heinrich Hageböck weiterhin am Westenhellweg 7 und im sich anschließenden Haus an der Kampstraße produzieren. Bis er 1998 ein weiteres Angebot bekam, das er nicht ausschlagen konnte. Die Firma Schwarze und Schlichte aus Oelde habe ihn damals angerufen und gefragt, ob er die Bachmann Likörfabrik nicht verkaufen wolle. Heinrich Hageböck sagte Ja. Seither ist die Schnapsbrennerei am Westenhellweg endgültig Geschichte. Bachmann aber gibt‘s noch immer auf dem Markt. Die Firma Schwarze und Schlichte produziert ihn nach Hageböckschem Geheimrezept weiter.

Die Firma war es auch, die 2009, zum 125-jährigen Bestehen der Likörfabrik, die Idee hatte, die Bachmannstube wieder auferstehen zu lassen. Sie fragten dafür bei Frank Jülich an, der kurz zuvor die Gaststätte Zum Alten Markt übernommen hatte. „Ich bin der Tradition sehr verpflichtet“, sagt Jülich. Deshalb stimmte er zu.

Die Bachmann-Ecke in der Gaststätte Alter Markt gibt es seit 2009.

Die Bachmann-Ecke in der Gaststätte Alter Markt gibt es seit 2009. © Jana Klüh

In einer kleinen Ecke zwischen Seiteneingang und Theke entstand so im Alten Markt die Bachmann-Ecke. Die zwar optisch wenig mit dem zu tun hat, was die Bachmannstube einst ausmachte. Aber der Likör und BMW stehen auf der Karte. Und so stoßen hier auch heute ab und an noch ein paar Gäste an und erinnern sich daran, wie sie einst am acht Meter langen Tresen am Westenhellweg standen und bei einem Bachmann auf die Straßenbahn warteten.

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