Wie auf dem Luftbild zu erkennen ist, weist die Allee an der B1 mit den nachgepflanzten Linden auf dem Teilstück zwischen Vosskuhle und Max-Eyth-Straße Lücken auf. © Blossey
Linden und Platanen

Initiative will 200 Allee-Bäume an der B1 in Dortmund opfern – für eine Idee

Über Jahre tobte in Dortmund der Kampf um jeden Baum, der für den Umbau von Stadtbahn-Stationen an der B1 gefällt werden muss. Jetzt will eine Initiative gleich 200 Allee-Bäume opfern.

Die Sache war längst entschieden. Der Rat hat im Dezember 2018 nach jahrelanger Diskussion beschlossen, die fünf Stadtbahn-Haltestellen zwischen Vosskuhle und Max-Eyth-Straße barrierefrei umzubauen – größtenteils auf der alten Trasse. Vorausgegangen war ein anderthalbjähriges Dialogverfahren mit den Bürgern, weil B1-Anwohner um jeden einzelnen Baum der B1-Allee kämpften.

Ursprünglich sollten 78 Linden und Platanen geopfert werden. Mittlerweile müssen nach vielen Überlegungen und Diskussionen nur noch 27 Bäume für die notwendige Verschwenkung der Gleise und die Verbreiterung der Bahnsteige weichen. Im Herbst sollen drei Planfeststellungsverfahren starten und im nächsten Jahr der Umbau – wenn alles glattläuft.

Doch jetzt könnte alles wieder auf Anfang gestellt werden; denn eine 50-köpfige Initiative, in der seit anderthalb Jahren viele Fachleute vertreten sind, hat abseits der Öffentlichkeit neuen Anlauf für einen radikalen Gegenentwurf genommen, der sich im Dialogverfahren nicht durchsetzen konnte.

Die nachhaltigere Lösung

Der „Befürworterkreis Neue Platanen für Dortmunds Lebensader“, so der Name der öffentlichkeitsscheuen Initiative, setzt auf eine ganzheitliche und nachhaltigere Lösung als das beschlossene Planungskonzept von Stadt und DSW21, das sich allein an der Notwendigkeit eines barrierefreien ÖPNV orientiert. Die Gruppe möchte die Stadtbahntrasse in die Mitte der Allee legen und die Allee selbst im ursprünglichen, einheitlichen Charakter als 100 Jahre alte Stadt- und Verkehrsachse wiederherstellen.

Dazu müssten jedoch 200 Linden und Platanen gefällt beziehungsweise noch vitale Bäume umgepflanzt werden. Im nächsten Schritt würde die Strecke zwischen Max-Eyth-Straße und Vosskuhle für den historischen Lückenschluss mit Platanen wieder neu aufgeforstet. Platanen gelten auch heute als klimaresistente Zukunftsbäume.

Schon vor einem Jahr hatte der Befürworterkreis den Vorstand von DSW21 und den damaligen Oberbürgermeister Ullrich Sierau von ihrer Variante zu überzeugen versucht, erhielt von Sierau aber mit Hinweis auf den geltenden Ratsbeschluss einen Basta-Brief.

Nach Korb bei Sierau bei Westphal angeklopft

Doch die Gruppe ließ nicht locker und klopfte erneut bei Sieraus Nachfolger, OB Thomas Westphal, an. Der lud am 11. Mai zu einer Planungswerkstatt in den Goldsaal der Westfalenhallen. Als Vertreter der Gruppe legten Dortmunds ehemaliger Wirtschaftsförderungsdezernent Dr. Burkhardt Dreher, der Planer Prof. Dr.-Ing. Bert Leerkamp sowie der frühere Dortmunder Baudezernent Klaus Fehlemann die Argumente für ihre Idee dar, die über die Wiederherstellung des historischen Allee-Charakters hinausgehen.

  • Mit der Verlegung des Gleisbetts in die Mitte der Allee werden die verschwenkten Fahrspuren auf der B 1 an den Haltestellen beseitigt.
  • Zusätzlich gibt es mehr Platz für Geh- und Radwege an der Südseite bei regelgerechten Fahrbahnbreiten.
  • Die Querungsanlagen ermöglichen mit dem Bahnsteig eine vollständige Barrierefreiheit.
  • Durch Vergrößerung der Abstände von Fahrbahn und Schiene verringern sich allgemeine Unfallgefahren.
  • Der Umbau des Gleisbetts kann bei laufendem Betrieb erfolgen.

Die Erneuerung des Schienenweges soll statt bisher im aufgeheizten Schotterbett ökologisch als grünes Gleis auf unversiegelter Rasenfläche angelegt werden.

Ausweg aus dem Dilemma

Nach verschiedenen Gutachten müsste ohnehin rund die Hälfte des Baumbestandes erneuert werden, so die Platanen-Befürworter. Doch bei der bislang beschlossenen Variante müssten die Nachpflanzungen einen Mindestabstand von der Gleistrasse haben und würden aber gleichzeitig unter den vorhandenen Untergrundverhältnissen weiter leiden. Die Gutachter legten deshalb eine Wiederherstellung der vollständigen Platanenallee als Ausweg aus dem Dilemma von Bäumen und Schienen nahe.

Seit anderthalb Jahren hat die Gruppe auch an einem Netzwerk gehäkelt und die Fach- und Umweltverbände, den Naturschutzbeirat der Stadt Dortmund, Hochschul- und Praxisexperten der Landschaftsökologie, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und das Präsidium der Deutschen Alleenstraße e. V. für die Wiederherstellung der Allee mit Platanen gewinnen können.

Für die Fraktionen im Rat der Stadt dagegen sind noch viele Fragen offen, vor allem zum Zeitverzug beim barrierefreien Umbau und zu den Kosten. Allerdings gibt es in Teilen eine Bereitschaft, sich trotz Ratsbeschlusses noch einmal mit dem Vorschlag zu beschäftigen.

SPD ist zwiegespalten

„Wir sind zwiegespalten“, sagt SPD-Fraktionschefin Carla Neumann-Lieven. Die SPD hatte dazu bereits DSW-Vorstandschef Guntram Pehlke, Planungsdezernent Ludger Wilde und Baudezernent Arnulf Rybicki in die Gesamtfraktion eingeladen, wolle aber noch die B1-Anwohner-Initiative dazu hören. „Wir haben uns noch nicht entschieden, sind aber bereit, uns das Ganze noch mal anzusehen und offen für eine neue Diskussion“, so Neumann-Lieven.

Um entscheiden zu können, will die SPD „eine echte Gegenüberstellung von beiden Varianten“ mit allen Vor- und Nachteilen, zumal wegen absehbarer Arbeiten an dem 100 Jahre alten Kanal unter der Bahntrasse ohnehin Bäume gefährdet seien und bei Begradigungen der B1-Fahrbahn der Bund zu beteiligen sei.

„Es macht Sinn, dass man sich das anguckt“, sagt auch für die Grünen-Fraktionssprecherin Ingrid Reuter. Schon die beschlossene Verwaltungsvariante sei für die Grünen „nur suboptimal gewesen.“ Die Grünen wollten so viele Bäume wie möglich erhalten und so schnell wie möglich die Barrierefreiheit der Haltestellen erreichen. Doch auch die Naturschutzverbände und das Behindertenpolitische Netzwerk stünden hinter der ganzheitlichen Allee, so Reuter: „Wir sind dafür, dass man sich das anschaut. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Aber eine Entscheidung ist damit noch nicht getroffen.“

CDU will beim Ratsbeschluss bleiben

Für die CDU-Fraktion dagegen ist klar: „Ich gehe davon aus, dass die CDU bei der Vorzugsvariante der Verwaltung bleibt“, so Fraktionschef Dr. Jendrik Suck mit Blick auf das zurückliegende Dialogverfahren, den erneuten Zeitverzug durch neue planungsrechtliche Fragen und Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe bei unklaren Fördermöglichkeiten.

„Wir haben eine lange Zeit eine andere Stadtansicht als wir sie kennen. Das muss eine stadtgesellschaftliche Diskussion geben. Es müssten Grundstücke erworben werden und der uralte Kanal in den Blick genommen werden“, sagt Suck, „die Stadt hat keine Idee, wie sie das organisieren soll.“

Verwaltungspapier nach der Sommerpause

Die Maßnahmen seien alle förderfähig, erklärt dagegen der Befürworterkreis, das Dialogverfahren sei wegen Zeitdrucks nicht vollständig gewesen und Genehmigungs- sowie Zeitrisiken gebe es immer in Planfeststellungsverfahren.

OB Westphal jedenfalls hat in der letzten Sitzung des Ältestenrats vor den Sommerferien (26.6.) mitgeteilt, dass es nach den Ferien ein Papier der Verwaltung geben werde. „Ob als Vorlage, weiß ich noch nicht“, sagte Planungsdezernent Ludger Wilde auf Nachfrage, „wir wollen die Diskussion objektivieren. Ob der Ratsbeschluss noch mal aufgemacht wird, muss die Politik entscheiden.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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