Integrierter Kameruner muss von Dortmund nach Karlsruhe

Streit um Alter

Diese Geschichte hätte ein Paradebeispiel für gelingende Integration werden können: Ein Ehepaar aus Dortmund nimmt einen kranken Flüchtling aus Kamerun auf. Der junge Mann fängt an, sich ein Leben in Dortmund aufzubauen. Doch das Familiengericht in Dortmund schickt ihn nach Karlsruhe. Der Grund: ein Streit um sein Alter.

DORTMUND

, 27.01.2016, 03:13 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der junge Mann aus Kamerun wurde von Dortmund nach Karlsruhe geschickt.

Der junge Mann aus Kamerun wurde von Dortmund nach Karlsruhe geschickt.

Das Ehepaar, das seinen Namen aus Sorge vor Repressionen nicht lesen will, hörte von dem jungen Mann zum ersten Mal in einem Gottesdienst: Er sei krank, werde bald operiert und sich daher über Besuch freuen im Klinikum Nord, so der Pfarrer am Ende der Predigt in der Marienkirche. Das Paar besucht den Flüchtling, er wird später an der Lunge operiert, anschließend nehmen sie ihn bei sich daheim auf.

Er lebt für fünf Monate im ehemaligen Kinderzimmer. Die Eheleute wollen die Vormundschaft übernehmen, – doch das gelingt nicht. Der Flüchtling aus Kamerun, der angibt, 1998 geboren und also 17 Jahre alt zu sein, hat eine Geburtsurkunde dabei und einen Schülerausweis. Dem Familiengericht in Dortmund reicht das nicht aus, für sie ist der junge Mann älter, so wird er ein bürokratischer Vorgang und aufgefordert, sich in Karlsruhe zu melden.

Juristisch gesehen spielt Anbindung keine Rolle

Am 10. Januar fährt das Ehepaar mit dem jungen Mann nach Karlsruhe. Sie hoffen, vor Ort noch jemanden zu finden, den sie umstimmen können – vergeblich, sie fahren zurück nach Dortmund, ihr Schützling bleibt in Karlsruhe, inzwischen lebt er in Sigmaringen in einer Flüchtlingsunterkunft, einer ehemaligen Kaserne.

Dass er in Dortmund gut angebunden war, Menschen gefunden hatte, die sich um ihn kümmerten und die bereit waren, eine Vormundschaft zu übernehmen, spielt – juristisch gesehen – keine Rolle. Wiewohl die Justiz, so Ilda Kolenda von der Diakonie, inzwischen bei Altersprüfungen in der Regel zuungunsten des Asylsuchenden entscheide.

Umverteilungsantrag mögliche Lösung für das Problem

Doch die Rentner aus Dortmund hätten ihren Schützling gerne wieder bei sich. Einerseits muss er aufgrund seiner Erkrankung Medikamente nehmen, andererseits hat er seinen ersten Deutschkurs hier erfolgreich hinter sich gebracht und den zweiten begonnen, er singt in einem Kirchenchor und hat – ein Glück, das nur den wenigsten Flüchtlingen zuteil wird – einen Familienanschluss, der das Leben in Deutschland deutlich einfacher macht.

Ilda Kolenda sagt, dass es eventuell Möglichkeiten gäbe: So könnte der junge Mann einen Umverteilungsantrag in Karlsruhe stellen, gleichzeitig müsse sich dann aber die Stadt Dortmund gegenüber der Bezirksregierung Arnsberg bereit erklären, ihn aufzunehmen. Eine weitere Möglichkeit könne sein, dass kein Antrag auf Asyl gestellt würde, sondern Schutz aus humanitären Gründen beantragt würde. In diesem Fall müsste der junge Mann nicht den Weg normaler volljähriger Asylbewerber aus Kamerun durchlaufen, die werden nach Karlsruhe oder Eisenhüttenstadt geschickt.

"Wir wollen das, was wir angefangen haben, zu Ende bringen"

Für aus humanitären Gründen Schutzsuchende gelte das so nicht. Bei der Bezirksregierung in Arnsberg spricht man von einem „komplexen Sachverhalt“, den man prüfen will. Und das Ehepaar will eigentlich nur den jungen Mann zurück. „Wir wollen“, sagen sie, „das, was wir angefangen haben, zu Ende bringen.“ Dem nach 18 Monaten Flucht in Deutschland angekommenen jungen Mann ein stabiles Fundament bauen.

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