Ist der Dortmund-Tatort schädlich für das Image der Stadt?

mlzTV-Krimi

Im neuesten Tatort wurde Dortmund vor einem Millionenpublikum als abgehängte Stadt dargestellt. Der OB und viele Dortmunder toben deswegen. Doch schadet der Tatort wirklich Dortmunds Image?

Dortmund

, 22.01.2019, 18:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

In der Kulturausschuss-Sitzung ging es hoch her: Der Film sei der „Höhepunkt in der Kette der Zerrbilder“ über die Stadt, wetterte der Bürgermeister, „hier werden Geschäfte und Quoten auf Kosten der Stadt und der Einwohner gemacht.“ Immer würden nur die dunkelsten Seiten der Stadt gezeigt: jede Menge Dreck im Schatten der Hochöfen, Drogen, Mafia, Prostitution. Kurzum: Der Film beschädige den Ruf der Stadt.

Das alles hört sich nach der aktuellen Debatte um den Dortmund-Tatort an. Doch tatsächlich fand diese Ausschuss-Sitzung bereits vor über 20 Jahren statt, 1998, und zwar in Duisburg, nicht in Dortmund. Auch damals ging es um einen Fernseh-Kommissar, sogar um eine Fernsehlegende: Horst Schimanski.

Mit der Sorge nach seinem Ruf steht Dortmund nicht alleine da

Die historische Episode zeigt: Mit der Sorge, ein Fernsehfilm könnte dem Ruf der Stadt schaden, steht Dortmund nicht alleine da. Wer am Tag nach dem in Briefform gegossenen Wutanfall des Dortmunder Oberbürgermeisters zum jüngsten Dortmund-Tatort mit Marketing-Experten spricht, hört erst einmal immer das Gleiche: Ja, in der Sache hat Ullrich Sierau vollkommen recht. Ja, dieser Tatort rund um den Mord an einem Ex-Bergmann strotzte vor veralteten Klischees und hat nichts mehr mit dem aktuellen Dortmund zu tun.

Doch beeinflussen die schaurig-grauen Bilder einsturzgefährdeter Häuser, trauriger Industrieanlagen und verzweifelter Alkoholiker auch das Bild Dortmunds bei den über neun Millionen Zuschauern negativ? Dazu gibt es unterschiedliche Ansichten.

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Das sagen Dortmunder Prominente zum Dortmund-Tatort

Wir haben uns unter den Dortmunder Prominenten umgehört, wie sie den Dortmund-Tatort finden und was sie zu der Kritik von Oberbürgermeister Ullrich Sierau sagen.
22.01.2019
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Gregor Lange, Polizeipräsident: „Ich habe den Tatort am Sonntagabend gemeinsam mit einigen Familienmitgliedern gesehen. Die Darstellung der Stadt Dortmund, mit Fokussierung auf Bergbau und auf die sonstigen Rahmenbedingungen (Stahlproduktion), waren so weit weg von dem aktuellen Bild unserer Stadt, dass eine Verwechslung mit dem realen Dortmund nahezu ausgeschlossen ist. Keine Verwechslungsgefahr besteht auch mit der tatsächlichen professionellen und kompetenten Arbeit der Kripo Dortmund. Alles andere ist Geschmackssache.“© Peter Bandermann
Dirk Rutenhofer, Vorsitzender Cityring: "Als ich 2015 den Cityring an Ballettdirektor Xin Peng Wang verliehen habe, liefen schon die ersten Dortmund-Tatorte. Damals habe ich gesagt: Wie Dortmund da präsentiert wird, das ist unter aller Kanone. Einer vom WDR hat mir gesagt: Der Tatort ist aber nicht die Tourismus-Abteilung für Dortmund. Da war der Groschen dann gewechselt. An sich bin ich Tatort-Gucker, aber ich habe einfach keinen Bock mehr, den zu sehen. Wir Dortmunder sehen den Tatort aber immer subjektiv. Es gibt Tatort-Fans, die sagen: Der Faber ist der beste Kommentar. Der hat zwar einen an der Waffel, aber genau das will ich sehen."© Westfälischer Industrieklub Dortmund
Heinz-Herbert Dustmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK): „Es ist nicht Aufgabe der IHK, Medien zu kritisieren. Die Darstellungen des Wirtschaftsstandortes im letzten Tatort entsprechen aber ganz und gar nicht der Realität. Es könnte durch derartige klischeehafte Bilder dazu führen, dass mögliche Investoren und Fachkräfte einen falschen Eindruck gewinnen.“© Stephan Schütze
Sabine Poschmann, SPD-Bundestagsabgeordnete: „Ich würde das nicht so hoch hängen, denn es handelt sich um einen Film. Hier gilt die Freiheit der Kunst. Aber ein bisschen weniger Klischee würde dem Dortmunder Tatort guttun. Vielleicht könnte der nächste Filmmord ja mal im Technologiezentrum oder an der Uni stattfinden.“© Stephan Schütze
Prof. Dr. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität (TU) Dortmund: „Im Jahr 1987 hat die letzte Zeche in Dortmund geschlossen. Am vergangenen Donnerstag hat die TU Dortmund einen Zuschlag für ein „Exzellenz Start-up Center“ erhalten, gefördert vom Land NRW. Der Tatort vom Sonntag ist wirklich ein Dortmund-Tatort ohne jeden Realitätsbezug.“© Dieter Menne
Holga Rosen, Kinobetreiber: "Als Michael Rummenigge 1988 vom FC Bayern zum BVB wechselte, fragte das Fußballfachmagazin Kicker, wieso jemand freiwillig aus München ins kohlestaubgraue, von Armut und Verzweiflung umzingelte Dortmund zieht. Jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Der letzte Tatort sah aus, als hätten die Drehbuchschreiber den Artikel von 1988 als Inspiration gewählt. Ein antiquiertes Dortmund-Bild. Ich persönlich könnte ja mit all den Klischees leben, wenn das Wesentliche stimmen würde: die Story! Stattdessen langweilt uns der WDR mit faden, spannungslosen Fällen."© Tilman Abegg
Tirzah Haase, Schauspielerin: "Lustig haben wir ja mit dem Münster-Tatort. Es musste in Dortmund also etwas anderes sein. Düster, depressiv musste es sein. Da hat man sich schon in vorhergegangen Folgen dran gestoßen. Jetzt im aktuellen Fall galt wohl: Das Volk braucht etwas, um sich aufzuregen. Als Ruhrgebietskind muss ich sagen, das ist alles zu viel. Man tut ja auch den Menschen hier weh. Ich möchte ja auch, dass meine Stadt gut wegkommt. Es geht aber um noch eine Sache: Im Tatort geht es um Morde, darum, den Täter zu überführen. Hier gab es aber von Anfang an nur Düsternis, das hat mich schlichtweg gelangweilt."© Tilman Abegg
Heiko Wasser, Formel-1-Kommentator: "Ich war bisher mit keinem der Dortmund-Tatorte zu 100 Prozent glücklich. Dass ein Tatort kein Hochglanz-Werbefilm für Dortmund sein kann, ist jedem klar, aber diesmal kam zum ohnehin nicht leicht erträglichen Faber eine ganz schwache Story. Und so morbid-depressiv wie der Pott gezeigt wurde, das war lächerlich. Ich glaube, so sieht es noch nicht mal in Gelsenkirchen aus."© Thomas Thiel
Bruno „Günna“ Knust, Kabarretist: "Mit seiner Kritik ist der Ulli Sierau auf der richtigen Spur, ich fand die Klischees auch ziemlich heftig. Aber Absetzen würde ich den Dortmund-Tatort nicht, da gibt es schlimmere Tatorte. Ich finde zum Beispiel die Figur des Kommissars Faber ziemlich cool. Es wäre nur mal gut, wenn die Drehbuch-Autoren das nächste Mal nach Dortmund kommen würden, bevor sie etwas schreiben."© Stephan Schütze
Adolf Winkelmann, U-Turm-Bebilderer und Ruhrgebiets-Filmemacher (unter anderem „Jede Menge Kohle“ von 1981, „Nordkurve“ von 1993, „Junges Licht“ von 2016): „Es ist, wie es ist: Dieser Tatort hat mit Dortmund nichts zu tun. Man sollte das alles nicht so ernst nehmen. Es ist nur schade, dass die vielen Zuschauer durch den Dortmund-Tatort ein schräges Bild von Dortmund vermittelt bekommen.“© Dieter Menne
Gabriella Wollenhaupt, Krimi-Autorin (Grappa-Reihe), sagt zum Klischee-Vorwurf des OB: „Ja, es war Klischee, das allerdings schon seit 30 Jahren nicht mehr stimmt und mobben kann man Menschen, aber keine ganze Stadt – insofern: Drüberstehen, Herr Sierau! Schwache Story, gestörte Ermittler – da kommt es auf falsche Drehorte, die nichts mit Dortmund zu tun haben, auch nicht mehr an.“© Oliver Schaper
Claus Dieter Clausnitzer, Schauspieler (unter anderem als Taxifahrer und Vater des Ermittlers im Tatort aus Münster), sieht die Diskussion entspannt: „Ich liebe die Stadt Dortmund und lebe sehr gerne hier. Aber im Tatort wird nur eine Geschichte erzählt. Der Tatort ist ja nicht als PR gedacht, damit wird keine Stadt verkauft. Außerdem gibt es doch in jeder großen Stadt auch miese Gegenden.“© Stephan Schütze
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Für Hartmut Holzmüller ist die Sache klar. Der Professor lehrt Marketing an der TU Dortmund und sagt: „So etwas ist höchst schädlich für das Image Dortmunds.“ Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender dafür verantwortlich ist, sei umso ärgerlicher.

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Die Stadt und mit ihr das gesamte Ruhrgebiet hätten sowieso nicht den besten Ruf, da verstärke das Hervorkramen der „immer selben Klischees“ das alte Narrativ der düsteren Industriestadt wieder - ein Bild, das Wirtschaftsförderungen und Tourismusverbände seit Jahren mit viel Geld zu ändern versuchen. Natürlich kämen auch andere Städte wie Berlin oder Köln nicht immer gut in ihren Tatorten weg, fügt Holzmüller noch an, doch würden diese von ihren grundsätzlich besseren Images profitieren.

Das touristische Image Dortmunds hält zwei Dortmund-Tatorte pro Jahr aus

Dortmund gut zu präsentieren, gehört zum Job von Sigrun Späte: Sie ist Sprecherin von Dortmund-Tourismus. Im Gegensatz zu Holzmüller sieht sie die Sache mit dem Dortmund-Tatort aber relativ entspannt. „Wenn Sie andere Tatorte anschauen, wird dort doch auch mit Klischees gearbeitet“, meint sie. Münster sei immer das beschauliche Idyll, während in Hamburg ständig die Russen-Mafia am Hafen rumballere.

Zwar hat in Spätes Augen der Oberbürgermeister mit seiner Kritik „vielen Bürgern aus dem Herzen gesprochen“, aber zum Image-Problem für Dortmund taugt der Tatort für die Touristikerin nicht. Bei den Anfragen der Gäste seien Faber und Co. kein Thema. Das touristische Image Dortmunds halte zwei Dortmund-Tatorte pro Jahr aus, meint Späte und verweist auf die seit Jahren steigenden Übernachtungszahlen: 2017 waren es 1,25 Millionen, bis 2024 soll ihre Zahl auf 2 Millionen steigen.

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Vielleicht hilft auch ein Blick darauf, wie die Geschichte in Duisburg ausging. Dort ist der Ärger über Schimanski längst verflogen. „Die Inhalte der Filme sind im Laufe der Jahre vergessen worden, die Figur und der positive Charakter Schimanskis aber nicht“, sagt Kai Uwe Homann von Duisburg-Kontor, einem städtischen Unternehmen, das auch für Duisburgs Städtemarketing zuständig ist.

Die Stadt weiß das inzwischen durchaus für sich zu nutzen: Im Tourismus-Shop gibt es mittlerweile „Schimi“-Pullover und -Tassen. Und im Stadtteil Ruhrort gibt es seit 2014 eine Horst-Schimanski-Gasse. „Viele Touristen, die nach Duisburg kommen, haben Schimanski auf dem Zettel“, sagt Duisburg-Kontor-Geschäftsführer Uwe Kluge. „Er funktioniert nach wie vor.“

In Dortmund sind Peter-Faber-Tassen momentan nicht in Planung. Aber das kann ja noch werden.

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