Die Stadt Dortmund hat das frühere Autohaus an der B1, das nun zum Automuseum wird, zum "Denkmal des Monats" gekürt. © Holtkötter/Stadt Dortmund
Denkmal des Monats

JP Kraemers Automuseum an der B1 war einst ein „Auto-Super-Markt“

Das geplante Automuseum von JP Kraemer in Dortmund interessiert nicht nur Autofans, sondern auch den Denkmalschützer. Denn das hat eine besondere Geschichte.

Die Geschichte des Automobils will Autotuner und Influencer JP Kraemer mit seinem Automuseum an der B1 erzählen. Aber auch das Museumsgebäude selbst erzählt ein Stück Automobil-Geschichte. Ein Grund für die Dortmunder Denkmalschützer, das Haus an der Ecke Westfalendamm/Voßkuhle jetzt zum „Denkmal des Monats Januar 2021“ zu küren.

Eröffnet ist das Automuseum von Jean-Pierre Kraemer (40) noch nicht. Das ist wegen des Corona-Lockdowns zurzeit nicht möglich. Doch das Interesse ist schon jetzt groß.

Regelmäßig versammeln sich Autofans vor den Schaufensterscheiben des früheren Autohauses, um einen Blick auf eines der ersten Exponate zu werfen – einen futurischen Lamborghini.

„Pace steht für ‚Performance And Car Education‘, heißt es zur Erläuterung auf der Facebook-Seite des geplanten Automuseums. „Auf mehreren Etagen geht es durch die Epochen des Automobils. Hier steht der Beginn der Massenfertigung neben der Zukunftsvision aus dem Designstudio.

Video ist Hit im Internet

Auch im Internet ist das Museum schon ein Hit. Eine Viertelmillion Menschen hatten am 16. Dezember nach nur 90 Minuten bereits das Video des neuen, mit geschichtsträchtigen Autos bestückten Museums an der B1 auf einem YouTube-Kanal gesehen und zum Teil euphorisch kommentiert, stellt die Stadt Dortmund in ihrer Mitteilung fest.

Die Neugier auf das Gebäude mit den historischen Fahrzeugen sei Grund genug, das 1961 entstandene Autohaus am Westfalendamm 106 – 108 als Denkmal des Monats Januar 2021 vorzustellen.

Die Stadt zitiert auch JP Kraemer als neuen Eigentümer, der das Autohaus vor gut einem Jahr erworben habe und sich damit einen Kindheitstraum erfülle. „Viel lieber als die Autos, wollte ich schon als Kind das Autohaus kaufen“, heißt es.

Er sei in der Nähe aufgewachsen – und die Faszination für die Autos und das Haus sei geblieben. Dabei sei der jetzige Eigentümer noch gar nicht geboren gewesen, als der Kaufmann Hans Wilke im Herbst 1961 sein Autohaus an der B1 eröffnete.

Ein Autohaus mit Geschichte

Ausführlich schildern die Denkmalschützer die besondere Geschichte des Hauses, die viel mit der Auto-Euphorie der 1960er-Jahre zu tun hat: Das Statistische Bundesamt meldete für 1961 bereits rund 5 Millionen Pkw, eine Verdoppelung des Bestandes innerhalb von vier Jahren. Das Auto entwickelte sich einerseits allmählich zum Statussymbol, wurde aber andererseits auch zum notwendigen Vehikel für den Weg zur Arbeit.

Die ersten Ausstellungsstücke des geplanten Automuseums wie dieser Lamborghini ziehen schon jetzt viele Autofans an.
Die ersten Ausstellungsstücke des geplanten Automuseums wie dieser Lamborghini ziehen schon jetzt viele Autofans an. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

Obwohl beim Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg die Planer die Weichen für autogerechte Städte stellten, verstopfte der Individualverkehr zunehmend die Innenstädte. 1961 führte Kassel als erste Großstadt die Parkscheibe ein.

Mit rund 2 Millionen produzierter Autos im Jahr 1960 war Deutschland weltweit der drittgrößte Produzent. Neben den deutschen Modellen stieg die Nachfrage auch nach außerhalb Deutschlands produzierten Automarken, allen voran Italien und Frankreich.

Werbung für „Auto-Super-Markt“

Hans Wilke nahm diese Tendenz auf und verkaufte in seinem Autohaus Wagen der Firmen Renault, Peugeot und Citroën. Größer als die Markennamen ließ der Inhaber die Bezeichnung „Autohaus Wilke“ anbringen. Ganz oben auf dem Dach aber prangten abends die Neon-Buchstaben „AUTO-SUPER-MARKT“.

Was heute fremd klingt, galt damals als modern, erklären die Denkmalschützer. Man kaufte seine Lebensmittel immer seltener im Tante-Emma-Laden, sondern im großzügig gestalteten Supermarkt mit vielfältigerem Warenangebot. Der erste große deutsche Supermarkt eröffnete 1957 in Köln.

Die Entwicklung startete allerdings schon 1930 in der Nähe von New York, als man den weltweit ersten Supermarkt in einer alten Autowerkstatt eröffnete. Ob Hans Wilke davon wusste, als er sich dafür entschied, sein Geschäft als Auto-Super-Markt zu bezeichnen, ist allerdings nicht überliefert. Er bot neben den französischen Neuwagen auch Gebrauchtwagen an und hatte dafür das zweite Obergeschoss reserviert. So wurde auch der Gebrauchtwagenkauf zum „gepflegten“ Erlebnis.

Besondere Bauweise

Das Autohaus betrat man über einen vorgelagerten eingeschossigen Pavillon auf schiefwinkligem Grundriss. Was wie eine Reminiszenz an die Architektur der 1950er Jahre anmutet, war der Linienführung von Westfalendamm und einmündender Voßkuhle zu verdanken, die der Architekt Will Schwarz berücksichtigte, berichten die Experten.

Aus dem Pavillon führte der Weg in das eigentliche Geschäftshaus, das als dreigeschossiger Kubus mit einer Kantenlänge von etwa 30 Metern errichtet wurde. Ein filigranes Raster aus schmalen Stahlstäben ist dem Stahlbeton-Skelettbau vorgelagert und ermöglicht die komplette Verglasung der Fassaden. Besonders stark wirkt die damit angestrebte elegante Ausstrahlung bei abendlicher Beleuchtung des Inneren.

Auch Oldtimer sind auf den Etagen des künftigen Automuseums ausgestellt.
Auch Oldtimer sind auf den Etagen des künftigen Automuseums ausgestellt. © Holtköter /Stadt Dortmund © Holtköter /Stadt Dortmund

Im Vergleich mit anderen zeitgleichen Autohäusern der Stadt zeigt sich das Haus am Westfalendamm bis heute, auch nach der Sanierung, fast unverändert, freuen sich die Denkmalschützer. „Es ist ein Teil der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Stellung, die das Automobil in den 1950er und frühen 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts in unserer Gesellschaft einnahm und macht damit den Denkmalwert aus.“

Will Schwarz war bekannter Architekt

Hervorgehoben wird auch die Rolle von Will Schwarz, dem damals wohl bekanntesten Dortmunder Architekten. Er hatte mit dem Gesundheitshaus an der Hövelstraße sowie dem Florianturm und dem Park-Cafe im heutigen Westfalenpark, die zur Bundesgartenschau 1959 entstanden waren, Bauten geschaffen, die heute Denkmalstatus haben. Sie gelten als typisch für die 1950er Jahre.

Mit dem Autohaus am Westfalendamm, das ganz in der Nähe des Büros von Will Schwarz lag, habe der Architekt seine Formensprache verändert, erläutern die Denkmalschützer. „Mit dem Autohaus Wilke begann auch Will Schwarz, den rationalistischeren, kantigeren Architekturtendenzen der Sechzigerjahre zu folgen.“

Die Wahl einer Stahlbetonkonstruktion für das Autohaus erlaubte im Inneren weite und großzüge Ausstellungsräume. Notwendige Büro- und Gemeinschaftsräume hatte Schwarz an die Seite und in das zurückspringende Dachgeschoss verlagert, das sich hinter dem Schriftzug „AUTO-SUPER-MARKT“ verbarg. Ein Autolift brachte die Wagen in die oberen Geschosse.

Autohaus wurde zur „Landmarke“

Hans Wilke hatte den Bauplatz am Westfalendamm ganz bewusst gewählt, stellen die Denkmalschützer fest. Die elegante und transparente Architektur war die beste Werbung an der vielbefahrenen B1. Und das Autohaus wurde schnell zur Landmarke mit hohem Wiedererkennungswert.

„Vieles davon werden wir im Pace Automobil Museum sehen können“, heißt es im Text. „Wir freuen uns, mit einem Spektrum vom Käfer bis hin zum Formel-1-Rennwagen in Auto- und Zeitgeschichte eintauchen zu können.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
Zur Autorenseite
Oliver Volmerich

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.