Für seine Bachelorarbeit hat Juri Schäffer ein Boot aus recycelbaren Materialien gebaut, um damit Plastikmüll am Hafen zu sammeln. Dabei hat er auch einige skurrile Dinge gefunden.

von Alexandra Wachelau

Nordstadt

, 06.08.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Juri Schäffer (30), FH-Student aus Dortmund, baut seit mehr als einem Jahr Boote. Das hat er sich selbst beigebracht – große Erfahrungen mit Booten hatte er vorher noch nicht. Trotzdem fährt er nun regelmäßig mit seinen Booten über den Dortmund-Ems-Kanal und sammelt dabei kiloweise Plastik ein.

„Das hier ist schon mein neuntes Boot“, sagt er. Für den Bau nutzt er nur gebrauchte und recycelte Materialien: Lkw-Planen, Bambus und alte Fahrradschläuche. Für den Antrieb wechselt er zwischen Segel, Paddel und Elektromotor – natürlich mit Solarantrieb. Bei seinen Ausflügen hat er immer einen Kescher mit dabei, auch der ist selbst gebaut. In einem alten Duschvorhang, den er im Boot auslegt, landet der Müll, den andere in den Kanal geworfen haben. Vor allem Plastikverpackungen, Tetrapacks und Flaschen aller Art. Schon nach zehn Minuten ist der Stauraum im Boot fast voll.

Juri Schäffer (30) sammelt mit seinem Boot Plastikmüll aus dem Hafen

Schäffer wechselt zwischen den Antrieben. Hier hat er einen Fahrradantrieb, aber auch per Segel oder Elektromotor kann er auf dem Kanal fahren. © Juri Schäffer

„Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist manchmal ganz interessant. Ich hatte schon was aus den 90ern“, sagt er. Für Umweltschutz interessiere er sich schon seit Jahren, beispielsweise ernähre er sich schon lange vegan.

Das Boot ist auch sein Projekt für die Bachelorarbeit

Erst durch sein jetziges Projekt seien ihm die Umweltprobleme, die durch den Plastikmüll entstehen, so richtig bewusst geworden: „Das meiste hiervon ist einfach nicht abbaubar. Rund 450 Jahre braucht es, bis sich Plastik abgesetzt hat – das meiste davon verwandelt sich in Mikroplastik“, weiß der Student.

Juri Schäffer (30) sammelt mit seinem Boot Plastikmüll aus dem Hafen

Der Hafen in Dortmund ist besonders vermüllt. Besonders Tiere, so Schäffer, leiden unter dem Müll im Wasser. © Juri Schäffer

Der Dortmund-Ems-Kanal ist ein gutes Beispiel für die Vermüllung, die durch den Menschen entstehen kann. „An einer Stelle hat sich eine Art Müllinsel gebildet. Da waren mindestens 20 tote Tiere drin – nicht nur Fische, auch Wildgänse und Möwen“, erzählt er. Er vermutet, dass die Tiere Plastik verschluckt hatten: „Sie verhungern dann, weil der Magen voller unverdaulicher Plastikteile ist“, sagt er.

Inzwischen sei er sehr abgehärtet, was den Müll im Hafen angeht. Auch bräuchte er nicht mehr so lange wie am Anfang: „Für eine Ecke im Hafen, wo sich der Müll gesammelt hat, brauche ich nur noch zehn Minuten“, sagt er. Wo der Müll herkommt, kann er nur vermuten: „Wahrscheinlich ist viel von Kanal-Picknicks hineingeweht worden“, sagt er.

Der 30-Jährige schreibt über dieses Projekt seine Bachelorarbeit in Objekt- und Raumdesign, am 19. September hat er sein Kolloquium. Sein Kommilitone, Thomas da Silver, studiert Fotografie und Film und dreht gerade einen Dokumentarfilm über das Projekt von Schäffer. „Solche Umweltprojekte sieht man an der FH immer häufiger“, sagt da Silver. Er findet, das Projekt seines Kollegen sei eine gute Sache, obwohl er sich selbst nicht so stark für den Umweltschutz einsetzen würde, wie es Schäffer tut.

Juri Schäffer (30) sammelt mit seinem Boot Plastikmüll aus dem Hafen

Schon nach zehn Minuten kommt eine beachtliche Menge zusammen. Vor allem Flaschen, Tetrapacks und Süßigkeitenverpackungen findet der Student. © Alexandra Wachelau

Schäffer hat auch ein kleines Unternehmen, mit dem er Graffiti-Kunst anbietet. Jetzt möchte er sich damit etwas zurückziehen. „Ich bin zwar auf ökologische Farben umgestiegen, aber die Spraydosen landen ja trotzdem auf dem Müll“, sagt er. Das sei auch der Grund gewesen, warum er als Objekt- und Raumdesigner kein klassisches Produkt entworfen habe: „Designer verbrauchen nun mal sehr viel Plastik. Selbst, wenn man es vorschriftlich recycelt, ist es erst mal für mehrere hundert Jahre Müll“, sagt er.

Nach der Bachelorarbeit möchte er eine Tour machen

Sein Vorbild ist „Precious Plastik“, ein Projekt aus den Niederlanden. „Ich muss momentan den Müll noch zur EDG bringen“, sagt er. „Precious Plastik sammelt auch Müll, aber die schmelzen den ein und bauen daraus neue Sachen. Das ist natürlich besser.“ Dazu fehlten ihm bisher die Mittel.

Auch in Rostock hat er sich eine Idee abgeguckt: „Da gibt es schwimmende Inseln aus Algen, die das Wasser filtern. Das wäre super, wenn man das hier auch machen könnte“, sagt er. Auch Plastikmüll würde sich meistens in diesen Inseln verfangen und könnte so besser aus dem Gewässer gefischt werden. Deshalb habe Schäffer auch schon Algen als biologische Grundlage für diese Inseln gesammelt. Seine Idee habe er schon bei der Stadt Dortmung eingereicht.

Juri Schäffer (30) sammelt mit seinem Boot Plastikmüll aus dem Hafen

Auch auf dem Land erweist sich das selbstgebaute Boot von Schäffer als praktisch. Nach seiner Bachelorarbeit möchte er so durch die Niederlande reisen – Naturschutzgebiete hat er schon herausgesucht. © Juri Schäffer

Wenn er seine Bachelorarbeit abgegeben hat, möchte er mit seinem Boot eine Tour durch die Niederlande machen und den dort lebenden Organisationsgründer von „Precious Plastik“ besuchen. Auch Naturschutzgebiete mit Flüssen möchte er dort abklappern. Sein Boot kann nämlich auch an Land fahren – zumindest zusammengeklappt, als Fahrradanhänger.

Nur rund 17 Kilo wiegt sein recyceltes Boot, das schwerste sei die Lkw-Plane. „Ich brauche inzwischen nur etwas mehr als einen Tag, um ein Boot zu bauen“, sagt er. Das, womit er jetzt den Kanal abfährt, sei bestimmt nicht sein letztes, sagt er.

Ein Hausboot, als eine Art schwimmendes „tiny house“, sei sein nächster Traum. Vielleicht wird er es für seine Masterarbeit umsetzen. Bis dahin sammelt Juri Schäffer weiter Müll. Er ist sich sicher: „Wenn man hier richtig sauber machen würde und wir diese schwimmenden Inseln hätten, wäre das Wasser im Kanal glasklar.“

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