Gebäudereiniger kämpfen gegen das Virus – und für besseres Ansehen

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Die Mitarbeiter der AJP Gebäudereinigung desinfizieren Seniorenheime und Krankenhäuser. Ihr Chef hadert mit der Bürokratie – und kämpft für mehr Wertschätzung der Reinigungskräfte.

Dortmund

, 02.04.2020, 11:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Keine Frage: Ärzte, Pflegepersonal, Polizei oder Feuerwehr sind gerade in Coronazeiten ungemein wichtig. Aber auch zahlreiche Beschäftigte in Bereichen wie Ernährung, Verwaltung und Transport arbeiten in sogenannten „kritischen Infrastrukturen“, denen große Bedeutung für das Gemeinwesen beigemessen wird. Aber gilt das auch für Menschen, die momentan für die lebensnotwendige Hygiene in Pflegeheimen oder Krankenhäusern sorgen?

Wer ist systemrelevanter?

„Wir haben keine genauen Informationen darüber, ob Reinigungskräfte systemrelevant sind“, sagt der Dortmunder Tim Jessinghaus, Geschäftsführer der AJP Gebäudereinigung. Und mit einem Blick auf die vielen Erkrankten und Toten gerade in Altenheimen fügt er an: „Da frage ich mich: Wer ist momentan denn systemrelevanter als diejenigen, die dort für Flächendesinfektionen verantwortlich sind?“

Sein Unternehmen ist mit über 600 Mitarbeitern auf die Reinigung von Seniorenheimen, caritativen Einrichtungen sowie Krankenhäusern spezialisiert – und hat derzeit dementsprechend zu tun. „Viele Senioreneinrichtungen fahren die Desinfektionsmaßnahmen zusätzlich zu den turnusmäßigen Reinigungen weiter hoch“, weiß der Gebäudereiniger-Meister und Betriebswirt. Das bedeutet: Kontaktflächen wie Türklinken, Fenstergriffe oder Handläufe werden noch häufiger mit Desinfektionsmitteln behandelt.

Glasklare Definition fehlt

Das erfordert logischerweise einen erhöhten zeitlichen Aufwand - doch gerade hier liegt die Schwierigkeit. „Das Problem bei vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Betreuung ihrer Kinder“, erläutert Jessinghaus. „Die Kitas sind geschlossen und in sogenannte Notgruppen dürfen Kinder nur, wenn die Eltern einem systemrelevanten Beruf nachgehen.“

Tim Jessinghaus hat momentan alle Hände voll zu. Einerseits erfolgen in Seniorenheimen und Krankenhäusern verstärkt Desinfektionsmaßnahmen, andererseits muss der Personalplan angepasst werden, da viele seiner Mitarbeiter Probleme mit der Kinderbetreuung haben.

Tim Jessinghaus hat momentan alle Hände voll zu. Einerseits erfolgen in Seniorenheimen und Krankenhäusern verstärkt Desinfektionsmaßnahmen, andererseits muss der Personalplan angepasst werden, da viele seiner Mitarbeiter Probleme mit der Kinderbetreuung haben. © Michael Schuh

„Und dafür fehlt eine glasklare Definition“, bemängelt Jessinghaus, der nicht genau weiß, ob auch die AJP-Reinigungskräfte zum Personenkreis der kritischen Infrastrukturen zählen. Denn die Leitlinie des NRW-Arbeitsministeriums lässt viele Fragen offen.

Für jeden der mehreren Hundert vorwiegend weiblichen Mitarbeiter eine individuelle Bescheinigung auszustellen, die deren Systemrelevanz belege, sei auf jeden Fall eine kaum zu erbringende bürokratische Leistung, findet der Geschäftsführer.

Ein Fehler im System

Zumal der Teufelskreis aus Mehrarbeit und geschlossenen Kindergärten ohnehin einen deutlich erhöhten Aufwand bedeute: „Es bedarf einer individuellen, zeitintensiven Personalplanung. Da liegt doch ein Fehler im System.“

Das alles funktioniere nur, weil sein Personal mitspiele, sagt der 45-Jährige: „Unsere Beschäftigten haben den Ernst der Lage erkannt. Und sie wissen von dem Beitrag, den sie in der jetzigen Situation leisten.“

Jessinghaus hofft deshalb, dass die Arbeit dieser Menschen künftig mehr geschätzt wird - und das Ansehen der früher vielfach als „Putzfrauen“ bezeichneten Arbeitnehmerinnen steigt. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch auf dem Lohnzettel: „Bei den Tarifen müsste die Bedeutung der Reinigungskräfte mehr gewürdigt werden.“

„Dann sterben Menschen“

Dass Seniorenheime in Zukunft nicht mehr von Epidemien wie dem Coronavirus betroffen sind, kann sich der Experte, dessen Firma schon mit Noroviren oder MRSA-Keimen zu tun hatte, nicht vorstellen. „Das System Seniorenheim basiert auf Gemeinschaft und Kontakten. Solche Einrichtungen müssen deshalb generell auf Keime und Viren vorbereitet sein. Wenn es an der Desinfektion mangelt, dann sterben Menschen.“

Probleme mit dem Nachschub an Desinfektionsmitteln hat die AJP Gebäudereinigung übrigens nicht. Und auch sonst sei sein spezialisiertes Unternehmen auf eine Pandemie vorbereitet: „Wir mussten den Betrieb nicht an das Coronavirus anpassen. Wir mussten nur das Portfolio ein Stück erweitern.“

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