Katholische Kirche zieht Lehren aus Missbrauchs-Fällen

mlz„Kinder-schützen“-Schulung

Mitarbeiter im Pastoralen Raum Dortmund-Ost, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, müssen künftig eine Schulung besuchen. Dabei geht‘s um Distanz und Nähe.

Brackel, Wickede, Asseln, Neuasseln

, 29.03.2019, 16:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der sexuelle Missbrauch in der Katholischen Kirche beherrscht derzeit die Schlagzeilen – ein Thema, das auch bei den Einrichtungen vor Ort angekommen ist. Schon im vergangenen Frühjahr machte sich der Pastorale Raum Dortmund-Ost auf den Weg zur Erarbeitung eines institutionellen Schutzkonzeptes. In diesem Zusammenhang wurde eine „Kinder schützen“-Schulung geplant, die jetzt erstmals stattfand. Wir sprachen darüber mit Gemeindereferentin Andrea Kreklau und Antje Bettermann. Letztere ist Leiterin der Kita St. Nikolaus von Flüe in Neuasseln und zugleich Präventionsfachkraft.

Hallo Frau Kreklau, hallo Frau Bettermann, erzählen Sie ein bisschen über diese Schulung.

Kreklau: Es ging um das Verhältnis von Nähe und Distanz. Das ist nämlich für jeden etwas anderes. Der eine möchte gerne umarmt werden, der andere mag schon ein einfaches Händeschütteln nicht. Schulungsleiterin war die Präventionsfachkraft Vera Sadowski. Sie hat sich mit Präventionsprogrammen zum gesamten Themenkomplex „Sexuelle Belästigung“ selbstständig gemacht. Angesprochen waren alle Gruppenleiter, die auch bei gemeinsamen Übernachtungen anwesend sind.

Wie lief das ab? Mit Gesprächen?

Kreklau: Nicht nur. Es gab auch praktische Übungen. Zum Beispiel mussten die Teilnehmer zeigen, ab welchem Abstand zu einem anderen Menschen Nähe für sie unangenehm wird. Dabei ist herausgekommen, dass das für jeden unterschiedlich ist.

Also kann nicht die Empfehlung Ziel sein, generell jeden Körperkontakt zu unterlassen.

Bettermann: Nein, wichtig ist, die Zeichen, die ein Kind oder Jugendlicher aussendet, zu verstehen und zu akzeptieren. Zum Beispiel wenn jemand bei dem Versuch einer Umarmung zurückweicht. Es geht darum, die Teilnehmer für dieses Thema zu sensibilisieren.

Andererseits könnte es Kinder geben, die gerade bei Ferienfreizeiten Heimweh verspüren und es vielleicht gerne hätten, wenn ihnen mal jemand über den Kopf streichelt.

Bettermann: Richtig – zumal wir uns als katholische Kirche ja auch die Nächstenliebe und die Seelsorge auf die Fahnen geschrieben haben. Das richtige Maß an Nähe zu finden, ist sicherlich ein Drahtseilakt.

War die Teilnahme an der Schulung Pflicht?

Kreklau: Damit sich Kinder, Eltern und auch die Leiterinnen und Leiter in ihrer Rolle sicher fühlen, ist die Teilnahme an dieser Schulung verpflichtend, übrigens nicht nur bei uns. Es gibt klare Vorgaben vom Jugendamt, das wird auch stichprobenartig nachgeprüft. Vor Kurzem ist einer unserer Jugendverbände überprüft worden und hat die Rückmeldung bekommen, dass alle Vorgaben erfüllt sind.

Ich habe kürzlich mit einem Vertreter des Fußballvereins SC Husen-Kurl gesprochen. Er sagte, es gebe Menschen mit perversen Veranlagungen, die sich gezielt zum Beispiel für Trainerjobs bewerben. Das könnte auch für die katholische Kirche gelten.

Kreklau: Ja, auf jeden Fall. Darum ist es so wichtig, von vorneherein klarzustellen, dass wir genau hinsehen. Deswegen verlangen wir von allen Betreuern von Jugendgruppen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und außerdem eine Selbstverpflichtungserklärung. Darin enthalten ist zum Beispiel unser Verhaltenskodex, den wir bei einem Klausurtag im September 2018 erarbeitet haben. Das Thema war „Für ein respektvolles Miteinander“ und jeder, der wollte, konnte teilnehmen. 20 bis 25 Leute waren dabei. Der Verhaltenskodex bildet das Kernstück des Schutzkonzepts.

Diese Frauen und Männer nehmen an der ersten „Kinder-schützen“-Schulung teil.

Diese Frauen und Männer nehmen an der ersten „Kinder-schützen“-Schulung teil. © Pastoraler Raum Dortmund-Ost


Was steht da drin?

Kreklau: Es geht ganz allgemein darum, wie wir miteinander leben wollen. Wir haben das ausgeweitet und nicht nur auf Kinder und Jugendliche bezogen. Die schon beschriebenen Fragen von Distanz und Nähe spielen dabei eine große Rolle. In der Selbstverpflichtungserklärung haben wir bewusst die Formulierung „Ich verpflichte mich“ gewählt und nicht „Wir verpflichten uns“. Wir wollten es auf diese Weise noch persönlicher machen.

Hatten Sie im Pastoralen Raum Dortmund-Ost schon einmal Fälle von sexueller Belästigung oder Schlimmerem?

Bettermann: Grenzverletzungen gab es schon. Zum Beispiel, wenn jemand immer wieder einem anderen Menschen sagt, wie schön er ist und dass er sich gerne einmal privat mit ihm treffen möchte.

Was machen Sie in so einem Fall?

Kreklau: Wir schreiten natürlich ein und suchen das Gespräch mit den Betroffenen. Wir wollen generell in allen Bereichen, in denen wir mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, ein wachsames Auge haben. Wir suchen dabei die Transparenz. Zum Beispiel bleibt bei einem Beichtgespräch mit dem Pfarrer die Tür offen stehen, oder die beiden sind nur durch einen Paravant von anderen getrennt. Wir haben übrigens auch eine Fragebogenaktion gemacht, wie wohl sich die Menschen in unseren Gemeinden fühlen. 300 haben mitgemacht und die allermeisten fühlen sich sehr wohl.

Fühlen sich die Teilnehmer Ihrer Schulung nicht unter einen Generalverdacht gestellt, wenn Sie sie dazu verdonnern?

Kreklau: Das müssten Sie die Teilnehmer selbst fragen. Aber ich habe nicht den Eindruck. Es ist allen ein Anliegen, dass die Kinder und Jugendlichen eine gute Zeit verbringen, dafür nehmen die Leiter alle auch an anderen Kursen teil, wie Gruppenleitung, Erste Hilfe etc.

Bettermann: Ich persönliche finde es gut, dass sich die katholische Kirche jetzt dem Thema Missbrauch und allem, was damit zusammenhängt, stellt und dass wir das auch in die Öffentlichkeit tragen. Ich hoffe, wir bilden damit Vertrauen bei den Eltern, die wieder das Gefühl haben, dass sie uns ihre Kinder und Jugendlichen anvertrauen können.
Kreklau: Es gibt überall in unserer Gesellschaft viel mehr Betroffene als die meisten Menschen sich vorstellen können, daher sollten wir alle an einem Strang ziehen. Bisher muss ein Kind durchschnittlich sieben Menschen ansprechen, bis ihm jemand Glauben schenkt. Wir tun unseren Teil, um das zu ändern.

Zum Pastoralen Raum Dortmund-Ost gehören vier katholische Gemeinden: St. Nikolaus von Flüe Neuasseln, St. Clemens Brackel, St. Joseph Asseln und Vom Göttlichen Wort Wickede.
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