Katja Lämmerhirt verrät, wie viel Phantasie in historischen Romanen steckt

mlzVHS-Vortrag

Katja Lämmerhirt hat das Erzählen zu ihrem großen Lebensinhalt gemacht: In der Bonifatius-Buchhandlung liest die Dortmunderin aus historischen Romanen und klärt auf über Fakten und Fiktion.

von Nicola Schubert

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, 19.03.2019, 17:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wahrheit und Fiktion im historischen Roman: Das ist eines von vielen Themen, die Katja Lämmerhirt, Pädagogin und Erzählerin, umtreiben. Unter dieser Überschrift hält sie am Donnerstag (21. März) ab 19 Uhr einen VHS-Vortrag in der Bonifatius-Buchhandlung (Probsteihof 6). Dabei liest sie auch aus verschiedenen Büchern.

Die Zeitgenossen Marx und Darwin sind sich nie begegnet

Gut recherchierte Romane sind es, die Katja Lämmerhirt interessieren. Am meisten solche mit Nachwort, in denen transparent wird, was an der jeweiligen Geschichte historischen Fakten entspricht und was mit Phantasie aufgefüllt wurde. „Als Bach nach Dresden kam“ (Ralf Günther) ist ein solcher Titel oder „Und Marx stand still in Darwins Garten“ (Ilona Jerger). Die sind für sie Romane mit „klugem Zugriff und für die jeweilige Zeit echter Sprache“, wie sie sagt. Als solchen Zugriff empfindet sie die Herangehensweise der Autorin Ilona Jerger, die die Zeitgenossen Marx und Darwin, die sich in Wirklichkeit nicht persönlich begegnet sind, über ihren gemeinsamen Londoner Arzt zusammenbringt.

So gehe die Autorin zunächst fast wissenschaftlich bei der Recherche vor, entdecke Überschneidungen und phantasiere diese weiter. „Sie bleibt bei der Sprache, die in den Krankenakten des Arztes anklingt und bietet so einen authentischen Eindruck des Lebensgefühls dieser Zeit.“

Keine „Wanderhure“ auf dem Programm

Anders etwa als in Romanen wie „Die Wanderhure“. Sie wolle einen solchen Typus des historischen Romans keineswegs abwerten. Aber hier stehe eben die Unterhaltung im Vordergrund und nicht unbedingt der Anspruch, aus dem jeweiligen Zeitgeist heraus zu erzählen. „Sowohl die Sprache, die in dieser Art von Geschichten verwendet wird, als auch manche gesellschaftliche Norm sind oft nicht authentisch. Beispielsweise ein emanzipatorisches Streben von Frauen: das kam noch nicht im Mittelalter.“ Weniger Fakten als vielmehr eine Portion in die Historie projizierte Wünsche machten solche Bücher aus.

Warum also historische Romane und nicht Geschichtsbücher lesen? „Die Fiktion schlägt eine Brücke zu unseren Emotionen. Und was mit Emotionen verbunden ist, ist eingängig“, sagt Lämmerhirt. Fiktion sei nicht das Problem, nur bedacht gemacht müsse sie sein unter Berücksichtigung von wichtigen Fakten.

Bekannt ist sie für ihre Leidenschaft für Märchen

Am liebsten beschäftigt sich die 78-Jährige mit dem Genre Märchen. Der Ursprung dieses Interesses liegt in ihrer Kindheit. Ihre Mutter, eine Buchhändlerin in Dortmund, brachte heimlich die „heiße Ware“ Märchenbücher mit nach Hause. Denn nachdem die Nazis versucht hatten, die Grimmschen Märchen in ihre Ideologie einzubauen, waren diese in der britischen Besatzungszone verboten. Während ihrer Volksschulzeit begann die achtjährige Katja anderen Kindern Geschichten zu erzählen.

Später hat sich ihre Zielgruppe allerdings etwas verändert. Die studierte Pädagogin ging in die Erwachsenenbildung, begann ihre Arbeit vor 40 Jahren unter anderem für die VHS und die Stadt Dortmund. Parallel dazu wuchsen ihre private Bibliothek an allerhand besonderen Ausgaben und auch ihre Erzähl-Programme.

Die Qualität von Märchen liegt in der Klarheit

Was als intuitives Interesse begann, schlüsselte Katja Lämmerhirt im Laufe der Jahre immer weiter für sich auf. Was ist es, was dieses Genre auch für Erwachsene so wertvoll macht? „Die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist manchmal eine gute Orientierung.“ Lämmerhirt ist weit davon entfernt, sich eine unterkomplexe Welt zu wünschen und nicht zu differenzieren. „Aber gerade unser - wichtiges und richtiges - Bedürfnis nach Differenzierung kann uns manchmal im Weg stehen. Emotional sind wir ziemlich geradeaus gepolt.“

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