Keine Berührungsängste

Er ist 19, sie ist 81. Sie liegen eng beieinander, sie hat ihre Arme um ihn gelegt. Dann rollt er sich unter sie, steht auf und trägt sie huckepack davon.

27.09.2007, 18:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Szene, die demnächst Hunderte Zuschauer erleben werden. Im Studio des Schauspielhauses wird für die Premiere von Shakespeares "King Lear" geprobt. Zum ersten Mal arbeiten bei diesem neunten Laien-Projekt unter der Regie von Theaterpädagogin Martina Droste Jugendliche und Senioren zusammen.

Ilse Apker ist mit ihren 81 Jahren die älteste Darstellerin. Es ist ihr erstes Laien-Projekt im Schauspielhaus, "vorher habe ich im Hansmann-Haus ein bisschen auf der Bühne gestanden, aber das war gar nichts im Vergleich", sagt sie. Schließlich spielt Ilse Apker, pensionierte Grundschullehrerin, diesmal die Titelrolle, den König Lear, der in dieser Inszenierung eine Königin ist, und schließlich geht es dabei höchst professionell zu: Zehn Wochen lang haben die neun Darsteller jeden Tag geprobt; das Stück gehört ganz regulär zum Spielplan. Mindestens 25 Vorstellungen sind geplant.

"Als ich die Textmenge sah, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen", sagt die 81-jährige, "ich wollte sofort wieder absagen." Martina Droste lacht. "Ilse ist sehr perfektionistisch", sagt sie, "sie kann ihren Text sehr gut." "Aber ich zittre immer noch", erwidert die Seniorin.

Davon merkt man beim Spiel allerdings nichts. "Wie unsere Ilse auf der Bühne rumturnt, das ist schon Wahnsinn", lobt Claudio Gatzke, mit 19 Jahren der jüngste Darsteller. Auch für ihn, der den verstoßenen Sohn Edgar gibt, ist es das erste Mal auf der Bühne. Einen so intensiven Kontakt mit alten Menschen wie in den vergangenen neun Wochen hatte Claudio, der gerade sein Abitur hinter sich hat, noch nie. Berührungsängste gab es dennoch nicht, sagt er: "Ich empfinde das als sehr angenehm." Oft sei er richtig erstaunt, wie viele Gemeinsamkeiten es gebe zwischen Jung und Alt. Auch Ilse Apker gefällt der enge Kontakt mit der Jugend. "Man darf die auch mal anfassen", sagt sie, kneift Claudio in die Seite und grinst.

Ist das denn nicht zu anstrengend für eine 81-jährige, täglich unter vollem Körpereinsatz zu proben? "Nö", sagt Ilse Apker sofort. Ende des Diskussion. Ob ihre drei Kinder, sechs Enkel plus Urenkel zur Premiere kommen? "Ich will gar nicht wissen, dass überhaupt jemand kommt", wehrt sie ab und schaut ganz erschrocken. Auch Claudio hat bislang nur seine Eltern eingeladen. Auch Lampenfieber ist generationsübergreifend. Katrin Pinetzki

Termine: 5., 11., 17., 20. Oktober. Karten unter 50-27222

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