Zwei Jungen (12, 13) setzten einen 14-Jährigen im U-Bahn-Gleis fest. 12- bis 14-Jährige sollen eine Frau vergewaltigt haben. Sind härtere Strafen für Kinder nötig? Nein! Bestraft die Eltern!

Dortmund

, 22.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Es sind zwei aktuelle Fälle, die die Gesellschaft aufgeschreckt haben. An der U-Bahn-Haltestelle Clarenberg bringen Jugendliche einen Altersgenossen in Lebensgefahr, als sie ihn auf die U-Bahngleise nötigen und dort festsetzen, bevor ein Zug einfährt. In Mülheim an der Ruhr kommt es im Juni zu einer Vergewaltigung einer 18-Jährigen durch vier mutmaßliche Täter im Alter von 12 bis 14 Jahren.

In beiden Fällen werden die Beteiligten nicht angeklagt. Konsequenzen drohen ihnen durch das Jugendamt. Vielen reicht das nicht.

Betrachtet man die Reaktionen Menschen auf die Berichterstattung zu den Fällen, findet sich an vielen Stellen eine klare Haltung wieder. Harte Strafen seien das einzige, was solchen Jugendlichen noch helfen würde. Kinder in den Knast! Das hört man schon die Ersten rufen. Rainer Wendt, der dauermaximalfordernde Polizeigewerkschafter, hat schon vorgeschlagen, die Strafmündigkeit auf 12 Jahre herabzusetzen. So wie es zuletzt die NSDAP 1943 gemacht hatte.

Kinder unter 14 einsperren - das haben zuletzt die Nazis gemacht

Junge Täter wegsperren, Problem gelöst? Das mag eine verlockend einfache und auch alles andere als neue Forderung sein. Aber dahinter steht eine gefährliche Denkweise. Die verschiedenen Abstufungen des Jugendstrafrechts gibt es aus gutem Grund.

Diese Humanisierung geht in die Zeit der Weimarer Republik zurück. Die Nazis nahmen diesen Schritt wieder zurück. Seit 1953 gilt für minderjährige Straftäter der Grundsatz „Erziehung vor Strafe“. Dahinter steht der Gedanke, dass Heranwachsende die Folgen ihres Handelns nicht ausreichend überblicken können.

Um das einzuordnen: Es geht in den geschilderten Fällen nicht um ein bisschen „Scheiße bauen“ mit 12 Jahren. Sondern um brutale Straftaten, die bei den Opfern Spuren hinterlassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Die Fälle von Hörde und Mülheim sind drastisch - aber sie sind nicht der Alltag

Dennoch sind diese drastischen Fälle nicht der Alltag. Die Zahl der Jugendlichen, die straffällig werden, ist rückläufig. Dafür gibt es gefühlt eine höhere Brutalität als in der Vergangenheit. Kriminalitätsstatistiken zeigen außerdem: Für einen hohen Anteil der Straftaten ist ein sehr geringer Anteil von Intensivtätern verantwortlich.

Es hilft also nicht, pauschal jeden unter 14-jährigen Straftäter noch härter zu sanktionieren. Stattdessen müssen die Wiederholungstäter noch intensiver betreut werden. So wie im Programm „Kurve kriegen“, das präventiv mit potenziellen Intensivtätern ab acht Jahren arbeitet. Jedoch: Einer der Mülheimer Täter war Teil von „Kurve kriegen“. Das hat die Tat nicht verhindert.

Es gibt Elfjährige mit regelrechten kriminellen Karrieren. Es gibt Strukturen von Erwachsenen, in denen die Strafunmündigkeit von unter 12-Jährigen ausgenutzt wird.

Wie werden aus Kindern rücksichtslose Straftäter? Diese Frage stellen sich alle Eltern, egal, aus welchen Verhältnissen sie stammen. Eltern müssen bei sich selbst anfangen. Sie legen die Grundlage dafür, wie ihre Kinder zu Normen und Gesetzen stehen.

Das Problem der verrohten Jugend ist ein Problem der Elterngeneration

Das Problem der vermeintlich verrohten Jugend ist in Wirklichkeit ein Problem der Elterngeneration. Wenn 12-Jährige die Würde eines anderen Menschen so wenig achten, dass sie sein Leben aufs Spiel setzen, dann ist in der Erziehung viel mehr schiefgelaufen, als sich hier überhaupt aufschreiben ließe.

Effektiver als härtere Jugendstrafen wären wahrscheinlich Sanktionen für Eltern, durch die sie verpflichtet würden, sich wieder mehr mit ihren Kindern auseinanderzusetzen. Wenn sie denn überhaupt noch greifbar sind, oder es mit 12 nicht schon viel zu spät dafür ist. Oder sogar davon profitieren, dass ihre Kinder Straftaten begehen.

Dass Eltern, wie in Mülheim bei einem 12-Jährigen Tatverdächtigen geschehen, die Unterstützung des Jugendamts einfach ablehnen können, darf in Zukunft nicht möglich sein. Solche Leute müssen bestraft werden.

Statt härterer Strafen für jüngere Kinder sollten vielmehr Jugendämter personell und in ihren Kompetenzen gestärkt werden - zum Beispiel, Kinder noch früher aus den Familien zu nehmen. Und es sollten freie Initiativen für die Betreuung straffällig gewordener Jugendlicher gefördert werden.

Welche Kinder soll eine Gesellschaft produzieren, in der es immer mehr Hass gibt?

Ich frage mich auch: Was erwarten wir eigentlich? Was für Kinder soll eine Gesellschaft eigentlich produzieren, in der körperliche und sexuelle Gewalt verharmlost werden, in der Erwachsene unreflektierten Medienkonsum vorleben, in der beinahe jedes Rauschmittel jederzeit verfügbar scheint und wo in der öffentlichen Debatte Hass und Rassismus vorgelebt werden?

Es ist schwer zu entschuldigen, was in Hörde, Mülheim und in anderen Orten passiert ist. Aber: Es macht zurecht einen Unterschied, ob eine Tat von einem Erwachsenen oder einem Heranwachsenden begangen wird. Kinder haben das Recht aus Fehlern - auch aus den besonders großen - zu lernen und ein Bewusstsein für Reue zu entwickeln. Wir, die Älteren, haben die Pflicht, ihnen beizubringen wie das geht. Wenn wir aufhören, das zu versuchen, haben wir ohnehin schon verloren.

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