Professor Dr. Dominik Schneider leitet die Dortmunder Kinderklinik. Im Gespräch kritisiert er den Beschluss der Gesundheitsminister, Impfzentren bald auch für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 zu öffnen. © Kevin Kisker
Covid-Infektionen

Kinderklinik-Chef aus Dortmund: Nicht die Corona-Fälle sind die „großen Katastrophen“

Eine Corona-Inzidenz von über 250 bei den Schülern – den Direktor der Kinderklinik in Dortmund überrascht das nicht. Die „großen Katastrophen“ seien nicht Corona-Fälle, sondern etwas anderes.

Schulstart bei gleichzeitig steilem Anstieg der Corona-Inzidenz – wie beunruhigend ist das? Dr. Dominik Schneider unterstreicht zunächst einmal: „Das ist etwas, womit fest zu rechnen war.“ Für den Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund steht fest: Das lag am Urlaubsverhalten.

„Die meisten Länder um Deutschland herum haben eine höhere Inzidenz. Und im Urlaub bewegt man sich relativ frei und hat viele Sozialkontakte.“ Soll heißen: viele Möglichkeiten, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

Durchseuchung der Schüler – eine gute Idee?

Jetzt komme eben der „Inzidenzsprung“, denn die Gruppe der 6-bis-18-Jährigen „wird nun in der Schule komplett durchgetestet“. Deutschlandweit gehe die Inzidenz aktuell in mehreren Ländern hoch, in denen die Sommerferien vorbei und alle wieder zu Hause seien.

Was also tun? „Man könnte es natürlich durchlaufen lassen“, erläutert Schneider. Weniger Abstand, weniger Masken in den Schulen, also die Durchseuchung der Kinder und Jugendlichen.

Kinderklinik-Chef: Lüften, Masken und Abstand bleiben wichtig

„Davon bin ich aber kein Freund“, stellt Schneider klar. Es gelte, auch die Kinder weiter zu schützen. Die Hygiene-Konzepte an den Schulen sollten seiner Meinung nach beibehalten werden.

Wie sorge man für genügend Luftaustausch im Unterrichtsraum? Mische man die Gruppen nicht zu viel? Das seien wichtige Fragen. Wobei Schneider auch deutlich macht: „Man kann das Risiko nicht auf null bringen.“

Long-Covid gibt es auch bei Kindern, aber selten

Kinder erkrankten seltener schwer an Covid als Erwachsene. Daran habe wohl auch die Delta-Variante nichts geändert, schätzt der Chef der Kinderklinik. Im Gegenteil: Neueste Daten aus England könnten sogar darauf hinweisen, dass es etwas weniger schwere Verläufe gebe. Aber es bleibe die Frage der Masse.

Ein Drittel der infizierten Kinder hätten keine Symptome, die meisten anderen maximal solche wie bei leichten bis schweren Erkältungen. Vier Prozent der Kinder hätten nach einem Monat noch Long-Covid-Folgeschäden, zwei Prozent nach zwei Monaten, nur ein Prozent nach drei Monaten.

„Long Lockdown“: Kinderschutz-Ambulanz ist voll

Klingt wenig. Bei mehr als 50.000 Schülern in Dortmund sind ein Prozent aber mehr als 500 Kinder. „Wenn wir das also im großen Umfang durchlaufen lassen, haben wir einige Fälle“, gibt Schneider zu bedenken. Zudem sei Long-Covid ja „eine große Unbekannte“.

„Wir haben aber nicht nur die Erkrankungsfolgen, wir haben auch die schweren Belastungen“, sagt der Kinderklinik-Chef. Kinder wie Eltern in Angst, erschöpfte Familienressourcen – „es gibt auch ein sogenanntes Long Lockdown“.

Gerade Kinder aus sozial schwachen Haushalten seien betroffen. „Da sehen wir eine krisenhafte Entwicklung“, macht Schneider deutlich: „Wir haben eine volle Kinderschutz-Ambulanz. Das sind die großen Katastrophen.“

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Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
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Björn Althoff

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