Die Profis an der Corona-Front verzweifeln, weil sie sich und ihre Mitarbeiter nicht mehr schützen können. Schutzmasken fehlen in Dortmund, weil viele, die nicht helfen, sie zuhause horten.

Dortmund

, 06.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es sind verzweifelte Rufe um Hilfe, die aus den Arztpraxen dieser Stadt im luftleeren Raum verhallen. Es fehle an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln - besonders Masken, die einen ausreichenden Infektionsschutz bieten, seien knapp. Statt, wie vorgesehen, nur einen Tag lang, werden diese Masken über mehrere Tage getragen, um wenigstens ein wenig Sicherheit zu bieten. Das ist trügerisch.

„Wir können uns und unsere Mitarbeiter nicht mehr schützen“, sagte ein Dortmunder Arzt den Ruhr Nachrichten. Er wollte auf den Missstand aufmerksam machen, der derzeit die meisten trifft, die an der Front gegen das Coronavirus in vorderster Linie stehen.

Diese Leute brauchen ausreichenden Schutz, damit auch in den nächsten Wochen noch die medizinische Versorgung in dieser Stadt gewährleistet ist. Eine Praxis in Quarantäne, in der womöglich sogar Mitarbeiter schwer erkrankt sind, kann keine Patienten mehr versorgen.

Auch nicht die, die zwar nicht mit Covid-19 infiziert sind, die aber trotzdem medizinische Hilfe nötig haben. Chronisch Kranke etwa. Insofern trifft das Problem uns alle. Früher oder später.

Jetzt lesen

Das ist allen Beteiligten bewusst. Doch woher nehmen, was nicht da ist? Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe verwies darauf, dass es wegen der großen Nachfrage zu Engpässen komme, auch seien die geschlossene Grenzen für einen reibungslosen Warenstrom von Schutzartikeln eher hinderlich.

Und doch kam etwas an und wurde von der KVWL prompt verteilt. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das Paket, das schnelle Hilfe versprach, das einige Arztpraxen kürzlich erhielten, reicht unter normalen Umständen nicht einmal für eine Woche, jetzt, in der Krise noch kürzer. Wann es wieder etwas gibt? Unklar. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann versprach ebenfalls Nachschub. In den Praxen kam davon nur wenig an.

Mit einem Bein im Gefängnis

Eine Dortmunder Praxisgemeinschaft soll so weit gegangen sein und sich selbst bei der zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg angezeigt haben - wegen mangelnden Arbeitsschutzes. Dieser Fall wird in den Dortmunder Arztpraxen heftig diskutiert.

Unklar war zum Beispiel, ob die Berufsgenossenschaft im Falle einer Erkrankung einer Mitarbeiterin eintritt oder Ärzte als Arbeitgeber haften müssten. Ärzte wähnten sich mit einem Bein im Gefängnis, sollte Schlimmeres passieren.

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass eine Sprechstundenhilfe im Falle einer Corona-Erkrankung auch ohne ausreichenden Schutz versichert und mit Krankengeld versorgt ist, die Ärzte selbst sind es nicht. Und krank wäre die Mitarbeiterin trotzdem.

Den niedergelassenen Ärzten - aber auch den Physiotherapeuten, Pflegediensten und anderen Helfern - hilft es da auch nicht, wenn ihnen gesagt wird, sie seien für die Ausrüstung ihrer Praxen selbst zuständig. Das haben die meisten im vernünftigen Maße getan. Dann kam die Corona-Katastrophe. Dann gab es einfach nichts mehr, was nachgeordert werden konnte.

Die Wohnungen sind voll

Dabei ist der Markt leergefegter, als er eigentlich sein müsste. Die Wohnungen von Privatleuten sind voll mit gehorteten Materialien, nicht anders ist es zu erklären, dass es auch in Baumärkten keine geeigneten Masken mehr gibt.

Apotheken müssen Desinfektionsmittel wieder selbst herstellen, weil die großen Firmen nicht mehr nachkommen, weil die Menschen flaschenweise davon zuhause haben.

Menschen hocken zuhause, schauen Netflix und sitzen auf einem Berg gehorteter FFP2-Masken, die von den qualifizierten Helfern in den Arzt- und Physiotherapiepraxen, bei den Pflegediensten und in den Kliniken viel dringender gebraucht würden. Ihnen will ich zurufen: Rückt die Masken raus!

Wir sollen ohnehin so viel es geht zuhause bleiben, und wenn wir uns ernsthaft an das Kontaktverbot halten, dürfte unser Infektionsrisiko weitaus geringer sein als das der Sprechstundenhilfe in der Arztpraxis. Wer ohnehin nicht rausgeht - und das auch nicht soll - braucht auch keine Maske.

Für uns reichen selbstgenähte Stoffmasken

Für uns Normalos gibt es immer noch die Stoffmasken, die leicht selbst geschneidert werden können. Sie dienen immerhin dazu, dass das Risiko, dass wir andere anstecken, verringert ist.

Eine Chance bieten auch noch die vielen Betriebe, die in diesen Tagen ohnehin weniger Aufträge haben oder die derzeit gar nicht arbeiten. Auch dort gibt es Schutzartikel und Desinfektionsmittel.

Erkannt hat dies etwa die Firma Thyssen-Krupp Industrial Solutions. Deren Lager war pickepackevoll mit den begehrten Materialien. Sie hat die Sachen einfach gespendet. Andere könnten es ihnen gleichtun.

Mich würde es nicht wundern, wenn die Dortmunder Ärzte einfach resignieren und die Brocken hinwerfen. Wer will verlangen, dass jemand seine Gesundheit aufs Spiel setzt, wo andere sehr darauf bedacht sind, ihre eigene Gesundheit über alle anderen zu stellen - etwa durch das Horten geeigneten Schutzmaterials.

Nicht alle sind Risikopatienten, nicht alle brauchen diesen speziellen Schutz.

Diese Leute sollten ihre Wohnung außer für den einen oder anderen Spaziergang allein oder zu zweit oder für den nötigen Einkauf nur noch einmal verlassen: um bei der nächsten Arztpraxis oder beim nächsten Pflegedienst vorbeizugehen, um die gehorteten Schutzmasken zu spenden.

Lesen Sie jetzt