Etwa 17 Prozent aller Studierenden leiden unter psychischen Krankheiten. Ein ehemaliger Physik-Student der TU Dortmund erzählt, wie Psychosen und Depressionen sein Studium begleiteten.

von Anna Maria Stock

Dortmund

, 08.03.2020, 16:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Unser Protagonist möchte kein Foto machen. Auch keines, auf dem man sein Gesicht nicht sieht. Die Idee für das Foto war: Er in einem leeren Vorlesungssaal, von hinten fotografiert. Findet er nicht gut. Viel besser würde ein Foto passen, das ihn inmitten des vollen Audimax‘ zeige. Alle sitzen. Er steht. „Damit man sieht, dass ich da nicht reinpasse“, sagt er.

Er soll hier Tim heißen. Der 30-Jährige, den ich auf dem Campus der TU Dortmund treffe, möchte anonym bleiben. Denn seine Geschichte ist sehr intim. Es ist die eines Physik-Studenten mit psychischer Krankheit.

Schizoaffektive Störung heißt diese Krankheit. Sie ist eine Mischung aus Schizophrenie, also Wahnvorstellungen, und einer affektiven Störung, wie Depression oder Manie. Tims Studium an der TU Dortmund hätte nach der Regelstudienzeit zehn Semester gedauert. Durch seine Krankheit hat er bis zum Masterabschluss 17 Semester gebraucht.

Viele Studierende mit psychischen Krankheiten

Tim ist kein Einzelfall. Dr. Carsten Bender leitet den Bereich „Behinderung und Studium“ an der TU Dortmund. Wie viele Studierende es in Dortmund mit psychischen Problemen gibt, dafür gebe es keine Zahlen, sagt er. Er verweist allerdings auf eine Barmer-Studie aus dem Jahr 2018, nach der etwa 17 Prozent der Studierenden eine psychische Krankheit haben – das ist etwa jeder sechste.

Tim erzählt ruhig, er habe schon früher Winterdepressionen gehabt, sich aber nicht weiter Gedanken deswegen gemacht. Dann, während seines Zivildienstes 2009/10, ein Einschnitt, eine Trennung: „Und die habe ich sehr, sehr schwer verkraftet.“ Seine Reaktionen wurden unter „Liebeskummer“ verbucht. Seine Hausärztin verschrieb ihm Medikamente gegen Unruhe. Geholfen haben die nicht.

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Im Wintersemester 2010/11 begann er sein Physik-Studium. Er spürte einen hohen Leistungsdruck. „Ich war immer an der Belastungsgrenze“, erzählt er. Dazu war die Beziehung zu seiner neuen Partnerin schwierig. „Ich kam nie zur Ruhe.“

Er hält inne. Hat den Faden verloren. Vorher hat er erzählt, dass er manchmal unter Konzentrationsschwierigkeiten leidet. Nebenwirkungen von den Medikamenten, sagt er. „Stellen Sie eine Frage, das ist besser“, sagt er zu mir. Ich frage, ob er sich denn nicht mit Physik für ein sehr anspruchsvolles Studium entschieden habe?

Er bejaht. „Ich dachte, der Stress sei normal“, sagt er. Doch seine Krankheit ließ ihm keine Ruhe, Gedankenkarusselle hielten ihn vom Lernen ab. 2014, nach der Trennung von seiner Freundin, wurde das Grübeln schlimmer: „Warum bin ich so ein Versager, warum hat sie mich verlassen, was habe ich falsch gemacht?“

„Dann bringe ich mich um“

Anfang 2017 wurde eine Prüfung im Studium – inzwischen eine Master-Klausur – dann zum Scheideweg zwischen Leben und Tod. „Plötzlich war da der Gedanke, wenn ich diese Klausur nicht bestehe, dann bringe ich mich um“, erzählt Tim. Das sei kein logischer Zusammenhang. „Das macht die Krankheit“, sagt er.

Dann das Ergebnis der Klausur: durchgefallen. „Und dann stand ich da und musste mich umbringen“, erinnert sich Tim nüchtern. Noch am gleichen Tag wandte er sich an die Psychologische Studienberatung der TU, zu der er schon vorher sporadisch Kontakt hatte. Als er von seinen Selbstmordgedanken schrieb, bekam er sofort einen Termin. „Dann ging alles sehr schnell“, erinnert er sich.

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Tim wies sich selbst in die Psychiatrische Klinik im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ein. Dort erhielt er Medikamente und Gesprächstherapie. Die Klinik ist anthroposophisch ausgerichtet, sodass Tims Behandlung zusätzlich aus Bewegungstherapie, Handwerksarbeit und langen Spaziergängen bestand. Den Schritt in die Klinik machen nur wenige, sagt Carsten Bender, die Regel seien ambulante Behandlungen. Neun Wochen blieb Tim insgesamt.

„Geholfen hat das Krankenhaus auf jeden Fall“, sagt er. Nach seiner Entlassung habe er über mehrere Monate eine tiefe innere Ruhe verspürt. Eine Ruhe, die er so nicht kannte. Heute übe er sich in autogenem Training, erzählt Tim. Und macht Musik – er spielt Klavier. Diese Art der Achtsamkeit musste er erst lernen.

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Hilfsangebote der TU Dortmund

Nach einem Pause-Semester kehrte er im Spätsommer 2016 an die Uni zurück. Und besuchte von da an einmal die Woche eine Selbsthilfegruppe, ein Angebot der Universität. Tim sagt: „Es hat gutgetan, dort andere Studenten zu treffen, die ähnliche Probleme haben.“

Vonseiten der Uni gebe es genügend Angebote, sagt Tim. Carsten Bender sieht das ähnlich. Aber: „Die Beratungsangebote werden oft nicht wahrgenommen.“ Dabei ist Tims Rat an Betroffene: Rechtzeitig Hilfe holen. Professionelle Hilfe. Denn Familie und Freunde – die er immer gehabt habe – könnten oft nur hilflos zusehen. Und noch etwas sei wichtig: „Für die, die dir helfen wollen, ist es schwer, in dich hineinzuschauen. Deshalb kann ich nur raten, alles zu erzählen, so ehrlich wie möglich.“ Für ihn anfangs eine große Überwindung.

Während er seine Masterarbeit schrieb, sorgte seine Krankheit noch mal für Verzögerungen. Die Medikamente hatten sein Blutbild sehr verschlechtert. Er musste umstellen. Und bis er das richtige Medikament gefunden hatte, vergingen Monate. Oft war er krankgeschrieben.

Im März 2019 gab er schließlich seine Abschlussarbeit ab. Heute, ein knappes Jahr später, ist er Doktorand der Geophysik an der Uni Bochum und arbeitet in einem Essener Unternehmen. Seine Krankheit begleitet ihn weiterhin. „Aber ich habe mit der Zeit gelernt, damit umzugehen.“

An der TU Dortmund kümmert sich das Zentrum für Hochschulbildung um die Belange psychisch Kranker. Dr. Carsten Bender leitet den Bereich „Behinderung im Studium“ (DoBuS). Er sagt: „Wir denken da immer an Blinde oder Hörgeschädigte. Dabei sind Personen mit psychischen Belastungen die größte Gruppe.“ Für sie gibt es vonseiten der Universität verschiedene Angebote: Eine Anlaufstelle ist die Psychologische Studienberatung. Dort gibt es Sprechstunden, sowohl offene vor Ort als auch telefonische. Weitere Infos gibt es unter www.tu-dortmund.de/studierende/beratung/psychologische-studienberatung. Darüber hinaus gibt es bei DoBus verschiedene Angebote. Neben Einzelberatungen gibt es die wöchentliche Gesprächsgruppe für Studierende mit einer psychischen Erkrankung, an der auch Tim regelmäßig teilnahm. Außerdem ermöglicht eine Kooperation zwischen der TU Dortmund und dem Klinikum Westfalen eine schnelle Vermittlung zu psychiatrischen Behandlungen. Während die Wartezeiten für Gesprächstherapien oft Monate betragen, können betroffene Studierende dank der Kooperation innerhalb von zwei Wochen einen Termin bekommen, sagt Carsten Bender. Infos zu DoBus unter www.zhb.tu-dortmund.de/zhb/dobus/de/home.
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