Hungerstreik in Berlin: Aktivisten protestieren vor dem Reichstag © Hannah Lübbert
Radikaler Protest

Klimawandel: Dortmunderin seit zehn Tagen im Hungerstreik in Berlin

Lina Eichler fühlte sich von der Politik ignoriert. Nun sorgt die 18-Jährige mit einer radikalen Aktion für Schlagzeilen - und bekommt einen Anruf von Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock.

Es reichte irgendwie nicht, wie Lina Eichler in den letzten Jahren feststellte: Ob Demonstrationen oder Schulstreiks, Straßenblockaden oder Hausbesetzungen. Die junge Aktivistin engagierte sich bei all diesen Protestaktionen. Sie wollte, wie sie es ausdrückt, ein Zeichen setzen, damit in absehbarer Zukunft die schlimmsten Folgen des Klimawandels abgewendet würden.

Deswegen engagierte sich die 18-Jährige bei der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion. Mit circa 60 weiteren Aktivisten blockierte sie in diesem Juni die Bundesstraße 1. Auf ihrer Facebook-Seite wirbt Eichler für Tierrechte und vegane Ernährung.

Doch von der Politik würde Lina Eichler nicht gehört, wie sie beklagt: „Es hatte nicht den Effekt, den ich mir gewünscht habe. Wir werden immer noch ignoriert.“ Gemeinsam mit anderen jungen Aktivisten trat sie daher am 30. August in den unbefristeten Hungerstreik. Zwar trinken sie noch Wasser, doch auf die Nahrungsmittelaufnahme verzichten sie.

Gesicht des radikalisierten Klimaaktivismus: Die Dortmunderin Lina Eichler trat aus Protest in den Hungerstreik © Carsten Witte © Carsten Witte

Körper zeigen erste Symptome

Knapp zehn Tage ist das bereits her, dass sie ihr Camp im Berliner Regierungsviertel aufschlugen. Den radikalen Schritt hält Eichler für angemessen, wie sie betont: „Wir hungern lieber jetzt freiwillig, als später zu verhungern.“ Doch ihre Körper zeigen bereits Symptome: „Wir sind schwächer geworden und können nicht mehr so weit laufen, auch das Aufstehen fällt schwerer“, schildert Eichler am Telefon. „Meine Gliedmaßen tun weh und ich habe ganz starke Stimmungsschwankungen.“

Vor Ort betreut medizinisches und psychologisches Fachpersonal die Aktivisten. Das ist auch notwendig, da nach wenigen Tagen erste Symptome auftreten. Bereits nach 72 Stunden komme es zu Magenkrämpfen und einem Hungerstoffwechsel, da die Körperreserven – vereinfacht formuliert – die Zufuhr an Kohlenhydraten selbst ankurbeln müssen. Der „Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte“ hat exemplarische Zeitabläufe mit den typischen Symptomen und Hungerphasen einmal skizziert. Demnach könne zwischen dem 4. und 13. Tag ein täglicher Gewichtsverlust von ein bis zwei Kilo erfolgen, während der Stoffwechsel beginne, in einen Sparmodus zu schalten. Nicht ungefährlich also.

Umso beunruhigter sind Linas Familie sowie ihre Freunde: „Sie machen sich superdolle Sorgen.“ Doch die 18-Jährige entgegne ihnen immer wieder mit dem Verweis auf die globale Situation, wie sie sagt: „Nicht ich bin es, um die sie sich sorgen sollten, sondern die Zukunft des Planeten.“

Zwei Forderungen an Politik

Beenden wollen die sieben Aktivisten ihren Hungerstreik erst, sobald ihre zwei Forderungen erfüllt sind: erstens, ein sofortiges und live ausgestrahltes Gespräch mit den drei Kanzlerkandidaten. Einen ersten Versuch wagten sie während eines Wahlkampfauftritts von Olaf Scholz. Doch der Sozialdemokrat zeigte sich von dem Protest wohl nicht beeindruckt, wie Eichler beklagt: „Er hat demonstrativ weggeschaut und uns nicht beachtet.“ Und die Grünen-Kandidatin? „Baerbock hat versucht, Kontakt aufzunehmen, lehnt aber jedes Gespräch ab“. Laut Eichler habe Baerbock aber angerufen: „Sie möchte, dass wir wieder essen.“

Auch die zweite Forderung richtet sich an die drei Kanzlerkandidaten. Von ihnen wollen die Hungerstreikenden das Versprechen hören, dass von der nächsten Regierung ein „Bürger*innenrat“ einberufen wird. Von dieser demokratischen Institution erhofft sich auch Eichler eine Diskussion und eine zügige Umsetzung von Sofortmaßnahmen gegen den Klimawandel.

Viele bekundeten bereits ihre Solidarität mit den Hungerstreikenden in den Sozialen Medien oder auf Demonstrationen. Diese Sympathisanten und Unterstützer warnt Lina jedoch davor, sich dem Hungerstreik unvorbereitet und vereinzelt anzuschließen.

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