Klinikum Dortmund will mit Antikörpern Corona-Patienten retten

mlzNRW-weit erste Studie beantragt

Antikörper von Genesenen können schwerkranke Corona-Patienten retten. Dortmund liegt bei der Erforschung dieser Methode weit vorne und will am Klinikum die erste Studie in NRW starten.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 01.06.2020, 15:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Plastik-Beutel mit der gelben Flüssigkeit sehen harmlos aus wie portionierte Lebensmittel, sind tatsächlich aber Lebensretter. Es sind die ersten 60 freigegebenen Plasma-Spenden mit Antikörpern von 20 Dortmunder Patienten, die Covid19 überstanden haben. Sie liegen im Institut für Transfusionsmedizin des Klinikums Dortmund bereit für den Einsatz auf der Intensivstation.

Kann jeder Genesene mit seinen Antikörpern andere Patienten retten? Wie funktioniert das? Und ist das etwa schon die dringlichst erwartete Therapie für schwere Covid19-Fälle?

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„Es ist eine Übergangs-Therapie, aber noch kein zugelassenes Arzneimittel. Dennoch haben wir die Genehmigung, es in schweren Fällen als individuellen Heilversuch einzusetzen und standen im Klinikum auch schon kurz davor“, berichtet Institutsleiter Privatdozent Dr. Uwe Cassens. Dann trat bei den Patienten, denen es zunächst sehr schlecht ging, aber eine spontane Besserung ein.

Blutgruppen B und AB gesucht

Die Erfahrung aus solchen individuellen Heilversuchen (zum Beispiel an der Uniklinik Erlangen) zeigt, dass die Antikörper-Therapie bei vielen Patienten das Virus neutralisieren und einen schweren oder gar tödlichen Krankheitsverlauf verhindern kann. Es fehlen aber noch belegbare Studienergebnisse. „Die möchten wir gern liefern“, sagt Cassens.

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Das Klinikum hat die Zulassung zu einer solchen Studie beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel) beantragt. Es kann dabei auf die enge Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern vom Leibniz-Institut der TU Dortmund und dem Max-Planck-Institut zählen.

Erst zwei Studien bundesweit hat das PEI im April und Mai genehmigt, aber noch keine in NRW. „Wir hoffen, dass wir in einigen Wochen starten können“, sagt Cassens.

Privatdozent Dr. Uwe Cassens, Leiter des Institutes für Transfusionsmedizin am Klinikum Dortmund.

Privatdozent Dr. Uwe Cassens, Leiter des Institutes für Transfusionsmedizin am Klinikum Dortmund. © Sueleyman Kayaalp

Darum werden auch weitere Plasma-Spenden gebraucht. Cassens: „Vor allem suchen wir dringend Plasma der Blutgruppen B und AB. Bisher haben wir überwiegend A und 0.“ Das Gesundheitsamt hatte den Aufruf an alle insgesamt 700 positiv Getesteten verschickt. Gemeldet haben sich bisher 239 Personen aus Dortmund und dem Umland. Darunter die 20 Ex-Patienten, deren Spenden jetzt bereits einsetzbar sind.

Forscher entwickeln Test

Der Untersuchungsaufwand ist nämlich groß und beileibe nicht jeder Ex-Patient hat die geeigneten Antikörper. Zunächst muss der Spender positiv getestet, inzwischen aber gesund und ohne andere Vorerkrankungen sein, das Plasma frei von anderen Viren wie HIV oder Hepatitis.

Und schließlich kommt es auch noch auf Menge und Qualität der Antikörper an. Denn am Ende der Untersuchungen wird das Plasma ohne Weiterverarbeitung den Schwerkranken verabreicht - und sollte dann auch möglichst nebenwirkungsfrei sein.

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Darum ist ein optimaler Test, der das alles möglichst schnell herausfindet, so wichtig. Und hier kommt das Dortmunder Wissenschafts-Netzwerk, das gerade in der Biomedizin ein bundesweiter Schwerpunkt ist, ins Spiel. Das Klinikum hat die Immunologen des Leibniz-Institutes an der TU und die Bio-Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes (MPI) um Unterstützung gebeten, um die effizientesten Test-Methoden zu erforschen.

„Antikörper sind Waffen des körpereigenen Abwehrsystems, sie können an die Hüllproteine anbinden und verhindern, dass das Virus weitere Zellen infiziert. Diese Neutralitätsfunktion von Antikörpern ist entscheidend, um einen schützenden Immunstatus aufzubauen“, beschreibt Prof. Dr. Carsten Watzl die Wirkungsweise der Antikörper-Therapie. Er ist Leiter der Forschungsabteilung Immunologie des Leibniz-Institutes.

Nicht jedes Plasma wirkt

Die Immunologen erforschen derzeit mit Hochdruck, welche Art und Konzentration von Antikörpern für eine Immunität gegen das Corona-Virus relevant sind und entwickeln die Testmethoden dafür. Dank seiner zackenförmigen Hüllproteine schafft es das Virus, sein Erbgut in die menschliche Zelle einzuschleusen. Als Grundlage für den Test stellt das MPI eine genaue Kopie der Bindungsstelle des Spike-Proteins her.

Gemeinsam will man ein verlässliches Nachweis- und Test-System entwickeln, das wiederum dem Klinikum hilft, eine gezieltere Antikörper-Therapie zu entwickeln. Dabei wird eng mit dem gesamten Corona-Krisenstab der Stadt zusammengearbeitet.

Für ihre Forschungsarbeit können die Wissenschaftler unter anderem Proben der Blutbank des Klinikums nutzen, die bereits vor zwei Jahren, also vor Sars-CoV-2 entnommen wurden, und somit als Negativ-Kontrolle dienen. Gleichzeitig untersucht das Team Proben von nachweislich Infizierten als Positivkontrolle.

Nicht beim ersten Husten

Nur rund 25 Prozent der Plasma-Spenden genesener Patienten sind letztlich geeignet. Hat man endlich die geeigneten Spenden, ist es aber wichtig, den richtigen Moment beim Erkrankten abzupassen. „Wenn der Patient schon seit zwei Wochen auf der Intensivstation beatmet wird, wirkt die Methode nicht mehr“, erläutert Dr. Cassens.

„Andererseits setzt man sie auch nicht beim ersten Husten ein, weil es eben noch das Risiko möglicher Nebenwirkungen gibt.“ Die Zielgruppe derzeit sind Intensiv-Patienten, bei denen drei Gaben der Plasma-Spenden von je 200 bis 250 Milliliter das Virus so erfolgreich bekämpfen, dass dann das eigene Immunsystem wirken kann.

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