Komasaufen ist bei Dortmunder Jugendlichen „uncooler“ geworden

mlzAlkoholvergiftung

Laut einer Statistik trinken sich weniger junge Dortmunder ins Koma oder müssen aufgrund einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Der Trend geht wohl aber zu anderen Rauschmitteln.

Dortmund

, 22.10.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein neuer Trend in den vergangenen Jahren zeigt, dass weniger Kinder und Jugendliche in Dortmund aufgrund einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Das geht aus einer kürzlich erschienenen Erhebung der Krankenkasse IKK classic hervor. Demnach sei die Zahl der Betroffenen im Jahr 2018 um 16,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken.

Trotz „erfreulicher Entwicklung“ bedenkliche Dunkelziffer

Laut aktuellsten Zahlen des Landesbetriebs IT.NRW mussten im Jahr 2018 in Dortmund 138 Kinder und Jugendliche wegen einer akuten Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Im Jahr 2017 betraf dies noch 166.

„Dies ist eine sehr erfreuliche Entwicklung“, meint Stefanie Weier von der IKK classic. Jedoch dürfe darüber nicht vergessen werden, dass „bei weitem nicht alle Kinder und Jugendlichen mit einem ‚Vollrausch‘ auch im Krankenhaus landen“. Die Dunkelziffer falle entsprechend hoch aus.

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Trotzdem müsse das Problem tiefergehend behoben werden, so Weier. Sie vermutet, der Grund für den hohen Alkoholkonsum sei der niedrige Preis. „Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, wo man sich noch immer für ein Taschengeld zu Tode trinken kann.“

Außerdem sei Alkohol beinahe zu jeder Zeit an Kiosks oder Tankstellen verfügbar. Hier müsse, ihrer Meinung nach, der Jugendschutz verstärkt durchgesetzt werden.

Präventionsangebot vom Jugendamt soll Kinder früh genug aufklären

Ähnlicher Meinung ist auch Kirsten Grabowsky vom Jugendamt in Dortmund. „Außerdem ist Alkoholwerbung überall präsent und zielt vor allem auf ein jüngeres Publikum ab“, sagt sie. Trotzdem sei sie froh über die aktuell rückläufige Entwicklung.

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„Ich habe bei den Jugendlichen den Eindruck, dass Saufen uncooler geworden ist“, so Grabowsky. „Der Umgang mit Alkohol ist bewusster geworden, weil es auch mehr in der Öffentlichkeit thematisiert wird. Und auch wir als Jugendamt reagieren auf solche Fälle.“

So gibt es verschiedene Beratungs- und Präventionsangebote durch das Jugendamt, wie zum Beispiel das Projekt „Halt“ – Kurzform für „Hart am Limit“. In Kooperation mit der Diakonie gilt das Projekt unter anderem als Prävention für exzessiven Alkoholkonsum unter Kindern und Jugendlichen und soll ihnen Aufklärung bieten.

Kinder sollen lernen, trotz Gruppenzwang Nein zu sagen

Warum Kinder überhaupt schon zum Alkohol greifen, erklärt sich Grabowsky durch den Gruppenzwang. „In Beratungsgesprächen wollen wir den Kindern daher helfen, bewusst Nein sagen zu können, wenn ihnen Alkohol angeboten wird.“

Doch viele Betroffene gaben in Gesprächen wohl auch an, es einfach einmal ausprobiert gehabt haben zu wollen. Das betreffe laut Grabowsky auch schon 12- bis 14-Jährige. „Wenn sie in kürzester Zeit große Mengen trinken, wird die Wirkung von Schnaps natürlich völlig falsch eingeschätzt.“

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Direktor der Kinder-Klinik in Dortmund ist besorgt über neuen Trend

Besonders vor zehn Jahren habe es eine deutliche Zunahme gegeben, „doch gerade bei diesem Komasaufen haben wir im Moment den Eindruck, dass es in den letzten Jahren besser geworden ist“, bestätigt Professor Doktor Dominik Schneider, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Dortmund die aktuelle Entwicklung.

Exzessiver Alkoholkonsum birgt für Kinder und Jugendliche dabei verschiedene Gefahren. Problematisch sei einerseits aus medizinischer Perspektive das Unterkühlen oder das Einatmen des eigenen Erbrochenen, sowie aus sozialer Perspektive der Kontrollverlust. Infolgedessen könne es häufiger zu gewalttätigen und sexuellen Übergriffen kommen, so Schneider.

Schneider beobachtet außerdem einen anderen Trend: „Es scheint nicht mehr der Partyknaller zu sein, sich die Birne zuzuknallen, sondern andere Sachen wie Marihuana und Partydrogen. Das ist eine Entwicklung, die wir mit Sorge betrachten.“

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