Wie schlimm ist die Lage in den Kinderkliniken? „Die Geschichten sind leider alle wahr“

Redakteur
Eine Intensivpflegerin versorgt auf einer Kinder-Intensivstation einen am Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) erkrankten Patienten, der beatmet wird.
In unserem Live-Talk "Wir müssen reden" haben wir mit zwei Kinderärzten über die aktuelle Krankheitswelle bei Kindern und Jugendlichen gesprochen. Sie zeichnen das Bild eines kaputten Systems. © picture alliance/dpa
Lesezeit

Über Deutschland und Nordrhein-Westfalen rollt eine heftige Erkrankungswelle. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Zahl der Atemwegserkrankungen aktuell hoch. Die Betten in den Kinderkliniken sind voll. Eltern stehen mit ihren Kindern Schlange vor den Kinderarztpraxen.

Aber droht ein Notstand? Und sind die Kinderärzte in den Praxen und Kliniken am Limit? Zu diesen Leitfragen hat sich Redakteur Ulrich Breulmann am Mittwoch (7.12.) die Kinder- und Jugendärzte Professor Dr. Michael Paulussen und Dr. Axel Gerschlauer in die digitale Diskussionsrunde „Wir müssen reden“ geholt.

„Wir versorgen gerade noch alle Kinder zeitnah und in qualitativ angemessener Weise. Wir sind allerdings an der Grenze des Machbaren“, sagt Michael Paulussen eingangs. Er ist ärztlicher Direktor der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, mit rund 250 Betten eine der größten Kinderkliniken Deutschlands.

Doppelschichten für Mitarbeiter

Das gehe allerdings nur, weil alle Mitarbeiter zurzeit Doppelschichten fahren würden. Viele Mitarbeiter seien krank. Bei Betten uns Personal würden Ressourcen fehlen.

„Die Katastrophen-Geschichten sind leider alle wahr“, sagt auch Dr. Axel Gerschlauer. Er ist niedergelassener Kinder- und Jugendarzt mit einer eigenen Praxis in Bonn. Zugleich ist er Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für Nordrhein-Westfalen. Die sehr frühe Grippewelle und die gleichzeitig heftige RS-Viruswelle treffe auf ein Gesundheitssystem, das kaputtgespart worden sei. „Das macht die aktuelle Lage so schwierig.“

Dr. Axel Gerschlauer ist Sprecher der des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für Nordrhein-Westfalen. Die Praxen seien aktuell am Limit, sagt er.
Dr. Axel Gerschlauer ist Sprecher der des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte für Nordrhein-Westfalen. Die Praxen seien aktuell am Limit, sagt er. © Ignatzy

Corona spiele bei Kindern und Jugendlichen aktuell eine untergeordnete Rolle, sagt Paulussen. Trotzdem spielt die Pandemie auch in der Debatte um die aktuelle Krankheitswelle eine Rolle. Die Hypothese: Durch die Hygienemaßnahmen seien die Immunsysteme der Kinder nicht ausreichend trainiert.

„Nach diesem Winter ist unser aller Immunsystem wieder gestählt.“ Eltern rät er, nicht in Panik zu verfallen, aber auf Warnsignale zu achten. Etwa, wenn Kinder Probleme haben beim Atmen oder das Fieber sprunghaft ansteigt.

„Zähne zusammenbeißen“

Es gebe zu wenige Studienplätze in der Pädiatrie, und die Arbeit sei für Nachwuchs unattraktiv geworden. Nur durch Überstunden würde das System aktuell am Laufen gehalten. „Kinder haben keine Lobby. Das gilt für unser Land noch immer. Und das ist furchtbar.“

Paulussen fügt hinzu, dass die Pandemie das deutlich gezeigt habe. Die psychischen, sozialen, aber auch gesundheitlichen Folgen seien enorm. „Die Rahmenbedingungen für Kinder und Jugendliche sind in diesem Land nicht gut“, sagt er. Auch für Kinderärzte und Kinderkliniken müssten sie verbessert werden, fordert Paulussen.

Prof. Dr. Michael Paulussen ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und zugleich ärztlicher Direktor der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, mit rund 250 Betten einer der größten Kinderkliniken Deutschlands. Er sagt: „Nach diesem Winter ist unser aller Immunsystem wieder gestählt.“
Prof. Dr. Michael Paulussen ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und zugleich ärztlicher Direktor der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln, mit rund 250 Betten einer der größten Kinderkliniken Deutschlands. Er sagt: „Nach diesem Winter ist unser aller Immunsystem wieder gestählt.“ © Britta Radike

Auf die Frage, ob das Schlimmste in dieser Krankheitswelle überstanden sei, antworten beide Ärzte wenig optimistisch: „Januar und Februar sind eigentlich die schlimmsten Monate. Ich glaube, dass wir die Zähne zusammenbeißen müssen“, sagt Axel Gerschlauer.

Hier können Sie den Live-Talk noch einmal anschauen: