Es war für Wolfgang Wenzel eine emotionale Achterbahnfahrt, am Ende mit krachendem Aufprall. Der Krebspatient wähnte sich geheilt. Doch dann kam die Schockdiagnose. Er weint – und lacht.

Brackel

, 10.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Dank ist süß. Mit weißer Zuckerschrift. Der Anlass zartbitter. Wolfgang Wenzel verschenkt kleine Lebkuchenherzen als Dankeschön an Ärzte, Schwestern, Pfleger und Freunde. Auch wenn es für den 66-jährigen Krebspatienten keine Aussicht auf Heilung gibt, ist er zur Cranger Kirmes gefahren, um „mit letzter Kraft“ die 15 Lebkuchenherzen zu kaufen für die Menschen, die ihn durch das vergangene Jahr gebracht haben. Durch die Höhen und Tiefen. Wobei es mehr Tiefen waren.

Die ersten Symptome verspürte er im Frühjahr 2018. „Ich konnte nicht mehr essen, habe damals 20 Kilo abgenommen.“ Ende Mai 2018 ging er mit seinem Koffer ins Knappschaftskrankenhaus in Brackel, weil es die nächstgelegene Klinik zu seiner Wohnung in Körne war. „Ich habe erst hinterher mitbekommen, dass es ein Krebszentrum ist.“

Neun Stunden in der Notaufnahme

Eine Überweisung vom Arzt hatte Wenzel nicht. Er saß neun Stunden in der Notaufnahme, ehe man ihn untersuchte und stationär aufnahm. Am vierten Tag dann die Magenspiegelung, und mit ihr kam der Tumor in sein Leben. „Seitdem bin ich hier Stammgast.“

Es folgten Bauchspiegelung, Darmspiegelung, und Computer-Tomografie (CT). Diagnose: Magenkrebs. Dann die OP, über die er nicht viele Worte verliert:. „Speiseröhre weg, Magen hochgezogen.“ Als nächstes Intensivstation und die Chemo.

Er glaubte sich auf einem guten Weg. Die Ärzte auch. „Ich habe gedacht, ich bin gesund.“ Doch dann die Schocknachricht: Der Tumor hatte bereits gestreut. Metastasen in der Lunge. „Unheilbar“, sagt er – und lächelt dabei, während die Zytostatika über einen Port an der Schulter in seinen Körper tropfen. Trotz der fatalen Gewissheit, hält er die Chemo nach wie vor für „eine tolle Sache. Der Krebs hat mich persönlich verändert. Ich bin gelassener geworden und dankbar für jede Minute, die ich noch leben kann“, sagt er.

Zu viel in sich hineingefressen

Er glaubt zu wissen, warum ausgerechnet er Magenkrebs bekommen hat. Wenzel ist Erzieher und Sozialpädagoge, hat Jugendliche und Alte, Junkies und Straftäter betreut. „Ich habe gern gearbeitet. Aber die Arbeit hat mich auch krank gemacht. Ich habe viel in mich hineingefressen.“ Wohl zu viel.

Immer, wenn er zu den Behandlungen ins Krankenhaus kommt, nimmt er gerahmte Fotos mit, die seine verstorbene Mutter, zwei erwachsene Töchter, Freunde und auch ihn zeigen. Einen anderen Mann als heute. 30 Kilo schwerer und mit längeren Haaren. „Ich erkenne mich manchmal selbst im Spiegel nicht wieder.“ Die Bilder braucht er um sich: „Sie geben mir Sicherheit.“

Wolfgang Wenzel (66) wird sterben – und will anderen Krebs-Patienten Mut machen

Bilder aus besseren Tagen: Wolfgang Wenzels verstorbene Mutter (l.) und er selbst (r.) mit einem Freund. Wenzel nimmt immer viele gerahmte Bilder von Freunden und Familie mit ins Krankenhaus. © © Schaper

Depressionen bei der Chemo

Es sind auch die Gespräche mit Freunden und Familie, die ihm durch die Depressionen helfen, die vor allem bei der Chemo immer wieder kommen. Er weint dann viel. Seine Psycho-Onkologin Tina Bauer sagt, Wolfgang Wenzel habe den Mut, „die schlimmen Gefühle auszudrücken und zu weinen.“ Das sei sein Weg, der ihn durch die schwere Zeit bringe. Die Konfrontation mit dem Tod sei ihm schwergefallen, sagt er, „aber ich denke, ich habe verstanden“.

Wenzel ist gläubig. Er war dabei, als seine Mutter mit 82 Jahren in Herne im Krankenhaus starb. „Ihr letzter Atemzug war für mich ein unglaublicher Moment. Ich habe ihren Engel gesehen.“ Er glaubt an ein Leben nach dem Tod. „Davon bin ich überzeugt. Wir leben in einer anderen Form weiter. Meine Gedanken, die Seele, das Bewusstsein werden weiterleben. Die Hoffnung darauf ist doch auch toll.“

Schmerzen halten sich in Grenzen

Er fühlt sich immer müde und schwach. Er wohnt allein, hat jetzt Pflegestufe 1. Seine Schmerzen, sagt er, hielten sich in Grenzen. Er nimmt zusätzlich das Schmerzmittel Methadon, eine aus der Drogenersatztherapie bekannte Substanz. Sein behandelnder Arzt Dr. Peter Ritter, Chefarzt der Onkologie, verordnet es ihm nicht. Wenzel besorgt es sich woanders her, seitdem er gelesen hat, dass Methadon – eine Zufallsentdeckung der Krebsmedizin – wahre Wunder gegen Krebs wirken soll. Patienten, vor allem solche mit sehr schlechter Prognose, haben oft eine andere Sicht auf medizinische Forschung als Wissenschaftler. Die Hoffnung stirbt zuletzt, den Tod zur Umkehr zu bewegen. Auch bei Wolfgang Wenzel.

Auch wenn die Endstation seiner Reise feststeht, arbeitet Wenzel daran, gut zu leben. Und gut zu sterben. Der Krebs hat seinen Körper kaputtgemacht, aber er soll nicht seine Seele zerstören. Auch deshalb ist er zu Bernd Rosenberg vom Sozialdienst des Krankenhauses gegangen und hat ihm von seiner Idee erzählt. Er wolle sich öffentlich bei Ärzten und Pflegepersonal für deren schwere Arbeit bedanken und anderen Krebspatienten Mut machen. Rosenberg habe ihn erst gar nicht verstanden: „Was wollen Sie?“

Ein Neuanfang mit dem Ende vor Augen

Doch Wenzel blieb hartnäckig. Am Dienstag (6. Juli) gab es den Pressetermin. Und Wenzel verteilte seine Lebkuchenherzen. „Wir fühlen uns alle tief berührt, dass Sie Danke sagen“, sagt Chefarzt Ritter, seit 25 Jahren in der Onkologie. Wenzel habe mit dem Ende vor Augen einen Neuanfang für sich gefunden: „Ein Mensch, der sich mit der Endlichkeit berührt sieht und trotzdem lachen kann.“

Wolfgang Wenzel (66) wird sterben – und will anderen Krebs-Patienten Mut machen

Ärzte, Pfleger und Freunde lud Wolfgang Wenzel zum Pressetermin, mit dem er seinen Dank öffentlich und anderen Patienten Mut machen will. © © Schaper

Es werde viel gelacht auf der Krebsstation, sagt Ritter. „Wir versuchen dem Leben das abzutrotzen, was es uns gibt.“ Dazu gehöre das Glücklichsein. Auch damit der Mensch, dem die Metastasen gehörten, einen Nutzen aus allen Bemühungen von Ärzten und Pflegepersonal ziehen könne. Selbst wenn es keine Heilung gibt.

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