Schwerbehinderte Tilda: Eltern bekommen 500.000 Euro – auf Versicherungen kommen Millionen zu

mlzLandgericht

Bei ihrer Geburt wurde Tilda viel zu lange nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Heute ist sie schwerbehindert. Die Eltern waren gegen die Verantwortlichen vor Gericht gezogen.

Dortmund

, 22.01.2020, 16:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vier Jahre nach einem folgenschweren Behandlungsfehler im Kreißsaal müssen das Knappschaftskrankenhaus, eine Ärztin und zwei Hebammen zusammen 500.000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz zahlen. Das Geld bekommen die Eltern der schwerbehinderten Tilda. Das Mädchen, das im realen Leben anders heißt, ist seit der Geburt schwerbehindert und wird für immer ein Pflegefall bleiben.

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Die beiden Hebammen, die bei der Geburt im Einsatz waren, hatten schon früh die Verantwortung übernommen und ihre Schuld anerkannt. Tildas Eltern wollten aber unbedingt erreichen, dass sich auch das Krankenhaus und die Versicherung der Ärztin an den Kosten beteiligen müssen. Deshalb haben sie vor dem Landgericht geklagt - und das letztendlich mit Erfolg.

Geburt dauerte rund 18 Stunden

Es steht laut Gericht fest, dass die erfahrenere der beiden Hebammen während der rund 18 Stunden dauernden Geburt viel zu selten die Herztöne und Wehentätigkeit aufgezeichnet hat. Für das Schreiben dieses sogenannten CTG gibt es klare Richtlinien. Und diese wurden von den Hebammen nicht eingehalten. Ziemlich sicher wäre die eintretende Sauerstoffunterversorgung mit regelmäßigen CTG früher erkannt worden.

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Nach Ansicht der Richter haben aber nicht nur die Hebammen diesen schweren Fehler gemacht. Auch eine damals diensthabende Ärztin muss sich nach Ansicht der Kammer die Folgen des Behandlungsfehlers zurechnen lassen.

Denn sie hatte gesehen, dass so gut wie keine CTG-Aufzeichnungen existierten und hätte - so die Richter - die Hebamme anweisen müssen, dies unverzüglich nachzuholen.

Mehrere Sachverständige vernommen

Das Gericht hatte zur Klärung der medizinischen Fragen mehrere Sachverständige vernommen. Vor allem der Kölner Professor Werner Neuhaus hatte sich am letzten Verhandlungstag Ende 2019 ziemlich eindeutig festgelegt. „Die Überwachung war nicht fachgerecht“, hatte der Fachmann auf dem Gebiet der Geburtsbegleitung den Richtern gesagt. Und: „Entsprechend hätte die Ärztin eingreifen und ein CTG anordnen müssen.“

Nur der Oberarzt des Knappschaftskrankenhauses muss sich laut Urteil nicht an den Schmerzensgeld- und Schadenersatzkosten beteiligen. Mit ihm hatten die Eltern keinen gesonderten Behandlungsvertrag geschlossen. Deshalb sei er nicht in der Haftung, so die Richter.

Neben den 500.000 Euro sprach die Kammer Tildas Eltern auch die Begleichung aller zukünftig anfallenden Kosten zu, die auf den Behandlungsfehler zurückzuführen sind. Dabei können leicht mehrere Millionen Euro zusammenkommen, die dann ebenfalls von den Versicherungen getragen werden müssen.

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