Lebensgefährliche Werbetafeln: Dortmunder Radfahrer sammeln Beweisfotos

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Werbetafeln, die Autofahrern die Sicht auf Radfahrer nehmen und schwere Unfälle provozieren: Damit muss Schluss sein, drängen Radfahrer und Politiker – und erhöhen den Druck auf die Stadt.

Dortmund

, 29.03.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Marius Vornweg schien der Kragen zu platzen. Man wolle sich nicht länger „mit lapidaren Ankündigungen des Tiefbauamtes“ zufrieden geben und die Angelegenheit „auf den Tag X verschieben“, schimpfte der CDU-Sprecher in der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord. Stein des Anstoßes sind die Werbetafeln an der Kreuzung Mallinckrodtstraße/Schützenstraße. Radfahrer klagen seit geraumer Zeit über „lebensgefährliche Situationen“.

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Nicht nur, dass der Radweg erst kurz vor der Kreuzung auf die Straße geführt wird. Als mindestens ebenso gefährlich empfinden Radfahrer die dort installierten Werbeanlagen. Sie nähmen abbiegenden Autofahrern die Sicht auf geradeaus fahrende Radfahrer, hatte ein Bürger Anfang Februar die Bezirksvertreter alarmiert. Wirklich passiert ist seitdem nichts.

Lange Diskussionen über Werbung für Tabak

Der Standort der Werbetafel werde „im Rahmen des neuen Vertrages zur Stadtwerbung genau begutachtet und gegebenenfalls verlagert“, hatte das Tiefbauamt damals auf Anfrage der Redaktion mitgeteilt.

Hintergrund: Die bisherigen Verträge zwischen der Stadt und der Betreiberfirma der Werbeanlagen laufen Ende Juni aus. Die europaweite Ausschreibung der Stadt für die Neuvergabe der Konzession ist abgeschlossen; das Ergebnis liegt den politischen Gremien seit Wochen vor.

Doch anstatt zügig über die Vorlage zu entscheiden, wurden teilweise lange Diskussionen geführt, ob man weiterhin Werbung für Alkohol, Tabak und Glücksspiel zulassen wolle.

„Die Gefahrenstelle muss da weg"

Anders die Bezirksvertreter. Sie machen Nägel mit Köpfen: Auf Vorschlag der CDU hat die Bezirksvertretung einen Antrag verabschiedet, in dem die Verwaltung unmissverständlich aufgefordert wird, „die Werbetafeln im direkten Umfeld der Kreuzung entfernen zu lassen.“ Den Zeitpunkt, bis wann das zu geschehen habe, lassen die Bezirksvertreter offen.

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Unendlich dürfte die Geduld der Politiker nicht sein. Ausdrücklich erinnern sie an den tödlichen Unfall aus 2018. Und daran, dass die Verwaltung angekündigt habe, die Anlagen an der Kreuzung Schützenstraße/Mallinckrodtstraße zu prüfen.

Damals war ein Radfahrer von einem abbiegenden LKW erfasst und mitgeschleift worden. Der Senior starb Tage später im Krankenhaus. „Die Gefahrenstelle muss da jetzt weg“, sagt Bezirksvertreterin Brigitte Jülich (SPD).

Werbetafel kurz vor der Einmündung von der Märkischen Straße in den Heiligen Weg.

Werbetafel kurz vor der Einmündung von der Märkischen Straße in den Heiligen Weg. © Beushausen

Beim Radfahrer-Netzwerk VeloCityRuhr kennt man die Probleme nur zu gut. „Wir haben Radfahrer in Dortmund gebeten, uns Fotos von weiteren kritischen Standorten zu schicken“, sagt Peter Fricke von VeloCityRuhr.

„Keine große Bereitschaft zur Lösung"

Innerhalb kurzer Zeit seien „rund 30 Fotos“ eingegangen. Sie zeigen die Einmündung Wittekindstraße/Am Rabenloh. Sie zeigen den Hiltropwall in Höhe der früheren Bundesbankfiliale. Dort müssen parkende Autofahrer aufpassen, beim Türöffnen keine Radfahrer zu übersehen, die unversehens hinter der Werbetafel auftauchen.

Manchmal stehen die Anlagen auch mitten auf dem Gehweg: Auf dem Wall in Höhe des Hauptbahnhofs müssen Fußgänger teilweise auf den Radweg ausweichen.

Nachts werden Werbevitrinen von innen beleuchtet - und können erst recht zum Problem werden. So auf der westlichen Seite des Heiligen Wegs, südlich der Ernst-Mehlich-Straße: Die Werbetafel ist für Autofahrer auch im Dunkeln auf den ersten Blick zu erkennen – das Licht eines Radfahrers dagegen nur schwer.

Die Fotos sollen der Verwaltung übergeben werden. Nach mehreren Gesprächen mit der Stadt habe man „den Eindruck, dass es in Teilen der Verwaltung keine große Bereitschaft zur Lösung des Problems gibt“, formuliert Fricke. Er fordert einen städtischen Kriterienkatalog für das Aufstellen von Werbeanlagen. "Die Stadt soll klar sagen, wie sie das künftig regeln möchte", so Fricke.

Tiefbauer klappern jeden Standort ab

Und was sagt das Tiefbauamt? Lege man allein den rechtlichen Rahmen (etwa die Verkehrsregeln) zugrunde, seien alle Anlagen, die seit den 1990er Jahren aufgestellt wurden, „noch immer zulässig und unkritisch“, heißt es. Der tödliche Unfall von 2018 sei nicht auf die Werbetafel zurückzuführen.

Autofahrer, die ausparken, haben kaum eine Chance, Radfahrer zu sehen, die an der Werbevitrine vorbeifahren.

Autofahrer, die ausparken, haben kaum eine Chance, Radfahrer zu sehen, die an der Werbevitrine vorbeifahren. © Beushausen

Das habe die Prüfung durch die Unfallkommission ergeben, in der neben den städtischen Tiefbauern das Ordnungsamt, die Polizei und die Arnsberger Bezirksregierung vertreten sind.

Die Werbetafel habe im Ergebnis keine Sichtbehinderung dargestellt. Weshalb sie auch nicht verlegt worden sei. Würde man den Radweg anders führen, sei das nur mit einem Komplettumbau der Kreuzung zu machen. Das sei "kurzfristig nicht machbar", melden die Tiefbauer.

Einmal mehr kündigen sie an, nach Abschluss des Konzessionsvertrages gemeinsam mit dem Anlagenbetreiber Standort für Standort abzuklappern „und neu zu bewerten.“ Dabei werde erstmals auch der städtische Fahrradbeauftragte mit von der Partie sein.

Es sei damit zu rechnen, dass es unter dem Strich künftig weniger Werbeanlagen gebe. Eine Zahl nennt das Amt nicht. Die Stadt werde aber dem „veränderten Bewusstsein und den Ideen zur Verkehrswende Rechnung tragen und in die Beurteilung jedes Standortes einfließen lassen."

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