Liedermacher, Komiker und Brausekopf: Rainald Grebe bringt das Konzerthaus zum Giggeln

Konzerthaus

Oft arbeitet er mit Kapelle, im „Münchhausenkonzert“ steht Rainald Grebe allein auf der Bühne. Auch als Solist lief der gewitzte Tausendsassa am Samstag in Dortmund zu Hochform auf.

Dortmund

, 23.02.2020, 16:10 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein begnadet-bissiger Entertainer war am Samstag (22.2.) im ausverkauften Konzerthaus Dortmund zu Gast: Rainald Grebe

Ein begnadet-bissiger Entertainer war am Samstag (22.2.) im Konzerthaus Dortmund zu Gast: Rainald Grebe © picture alliance/dpa (Archiv)

In Tunika mit Teppichmuster, um den Kopf Caesaren-Lorbeer aus LED-Lichtern, betritt Rainald Grebe die Bühne des ausverkauften Konzerthauses. „Merhaba, Peace, Welcome! Setzt Euch! Ich liebe es, in diesen kleinen Kaschemmen aufzutreten!“

Der Willkommens-Applaus ist stark, beim Großteil der Besucher hat Grebe schon gewonnen. Und das zu Recht: Es folgen zweieinhalb hochamüsante Stunden im unnachahmlichen Grebe-„Sound“.

Der Mann ist ein Tausendsassa: Komiker, Sprachakrobat, Pianist und Sänger. „Das Münchhausenkonzert“ ist Grebes sechstes Soloprogramm, dabei ruft er all seine Talente ab.

Schräge, bissige Chansons

In schrägen, hinterfotzig bissigen Chansons nimmt er sich den Zeitgeist zur Brust. Er besingt die Diktatur der Algorithmen, mokiert sich über „die Genderei“ am Theater, über Verschwörungs-Theoretiker, die für ihren Schwachsinn Toleranz einfordern.

Seine Agentur („Nur junge Leute, die mich siezen“) habe gefordert, Grebe müsse unbedingt auf Instagram gehen. Seitdem poste er „Bowles“, also Schüsseln.

Bilder vom „Food-o-grafen“

Hinter Grebe erscheinen Bilder der Bowles auf der Bühne. Als „Food-o-graf“ macht er Schnappschüsse bekloppter Menüs, Porridge mit Schrauben und Dübeln oder ein „Buddha-Brot“.

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Als Running Gag sehen wir Fotomontagen von Promis mit Bowles: Camilla Parker-Bowles, Bowl McCartney, DJ Bo-Bowl mit Schüsseln auf dem Kopf.

Blödsinn mit Tiefgang

Ja, das ist ein kindischer Jux, aber den Spaß gönnt sich Grebe. Blödsinn und Tiefgang gehen Hand in Hand bei ihm. In seinen Liedern geht er vom Leichten zum Schweren, von banal zu böse, von heiter zu höhnisch.

Etwa beim Lied vom Klick: „Aufstehen, klick. Duschen, klick. Zum Bäcker, klick. Die Welt ein Klick, das ist der Sound all around. Beim Werkeln und Mähen, beim Pullern und Gehen – klick-klick-klick. Gyros mit Zazik, im Fernsehen Politik, Lampedusa langweilick.“

Am Ende steht die Conclusio: „Dem Klick ist alles gleichgültick. Wenn die Welt zusammenbrickt, sagt der Klick, ick war es nickt!“ Unter leichtem Humor-Dressing lauert das schwerere Hauptmenü – das ist das Rezept des „Food-o-grafen“ Grebe, um die Wirklichkeit kabarettistisch zu vernaschen.

Spinner haben das Wort

Ein schönes Beispiel ist auch die Nummer um Fake News und abstruse Theorien. „Gletscher schmelzen seit ner Weile, es ist ein Aufschrei, den ich teile. 120 Minuten sind zwei Stunden, das hab ich immer so empfunden.“

Danach haben die Spinner das Wort: „Putin ist ein lupenreiner Demokrat, Deutschland ist kein souveräner Staat. Fakten, Fakten, auf die wir kackten! Wissenschaft ist eine Meinung, und die wird man doch sagen dürfen?“ Ein Lügner wie Münchhausen hätte heute Hochkonjunktur.

Die hohe Kunst des zweckfreien, saukomischen Nonsens beherrscht Rainald Grebe ebenfalls, was ihn manchmal in die Nähe eines Helge Schneiders rückt.

Ein Gaga-Lied geflötet

Mit Hilfe der „Auto-Tune“-Software (die Stimmen dehnt und verzerrt wie in Chers Hit „Believe“) flötet er sich durch ein Gaga-Lied, das Westernhagens „Sexy“ zitiert und die Blumenkinder des „Fusion“-Musikfestivals verkaspert.

„Hey, hey, Veggie Day-ay-ay“ trompetet es durchs Konzerthaus. „Foholge der Doholde, hör auf die Halme, leck keine Kröhöte, leck lieber rote Beeteee!“ Da kommt man aus dem Giggeln und Glucksen nicht heraus.

Kulturminister von der AfD

Zurück zu ernsten Themen: Was wäre, wenn die AfD in „Westpolen“ den Kulturminister stellte? Dann würden die Stadttheater eben auch die rechte Community einbinden, malt Grebe sich aus.

Ein bunter Theaterabend sähe so aus: Im Großen Saal liefe „Höcke, das Musical“, das Foyer wird mit dem Horst Wessel-Lied in der Version von Milva beschallt, und im kleinen Haus gibt es Oi-Punk mit „Biggy und den braunen Stadtmusikanten“.

Am Ende gab es rauschenden Beifall für einen begnadet bissigen Entertainer.

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