Seit Mai hat sich die Anzahl der Medikamente, auf die Dortmunder Apotheken lange warten müssen, verdoppelt. Längst gibt es Engpässe bei Präparaten, auf die akut Erkrankte angewiesen sind.

Dortmund

, 18.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Nerven liegen blank bei Michael Mantell. Der Betreiber der Hörder Stifts-Apotheke und Vorsitzende des Apothekenverbands Dortmund ist traurig und frustriert. Immer wieder musste er in den vergangenen Wochen Kunden vertrösten, die auf dringende Medikamente warteten.

„Es ist ein mieses Gefühl, wenn ich einem Krebspatienten sagen muss, dass das Präparat, das er für seine lebenswichtige Therapie benötigt, nicht vorrätig ist", sagt Mantell. Es sind solche Situationen, die den Apotheker sagen lassen, dass ihm der Beruf kaum mehr Freude bereite.

Und diese Situationen, sie häufen sich in den vergangenen Monaten. Dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte, sieht Mantell nicht: „Es wird wohl eher schlimmer."

Apotheker bekommen Ärger ab

Die Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind in den vergangenen vier Monaten drastisch angestiegen. Waren es im Mai noch 63 Präparate, auf die die Kunden der Stifts-Apotheke länger warten mussten, so spricht der Apotheker jetzt von 120 Präparaten.

„Die Verunsicherung unter den Kunden ist bereits groß. Den Ärger über die Situation, den bekommen wir Apotheker direkt ab", schildert Michael Mantell. Probleme mit der Beschaffung von Medikamenten haben aktuell auch alle anderen Apotheken in Dortmund.

Weil selbst die Großhändler nicht mehr bei der Belieferung nachkommen, versuchen die Apotheker, die Situation für ihre Kunden transparent zu machen. Bei Ausbüttels Apotheken liegen derzeit überall an den Kassen daher Info-Flyer, die die Kunden darüber aufklären sollen, was da gerade eigentlich passiert. „Es ist wichtig, die Kunden aufzuklären, bevor manche befürchten, sie würden als gesetzlich Versicherte gar schlechter behandelt als andere", sagt Apothekerin Gisela Ausbüttel.

Es gibt mehrere Gründe für die drastische Situation. „Der Fehler liegt im Gesundheitssystem und bei den Wirtschaftslieferwegen", so Michael Mantell.

Verträge mit den Krankenkassen

Zum einen seien da die Krankenkassen, die mit einzelnen Herstellern der Pharmaindustrie sogenannte „Rabattverträge" abschließen. Das bedeute, dass die Hersteller hohe Rabatte auf die normalen Abgabepreise einräumten, sofern die Kassen ihren Mitgliedern ausschließlich eine Versorgung mit den Präparaten des jeweiligen Erzeugers bedienten. 2007 verpflichtete der Gesetzgeber Gesundheitskassen und Pharmafirmen zu „Rabattverträgen". Die bundesweite Verpflichtung zum Sparkurs führe dazu, dass Herstellerfirmen sich primär auf die ausländischen Märkte konzentrieren, da hier mehr zu verdienen sei.

Zum anderen sei es in Deutschland ebenfalls nicht möglich, dass Apotheken durch Großhändler eine ausreichende Bevorratung bekämen. „Bei der geforderten möglichst hohen Qualität der Medikamente ist man in Deutschland nicht bereit, entsprechende Preise zu zahlen. Das führte dazu, dass die Arzeneien nur noch von großen Firmen bezogen wurden, kleine Lieferanten hat man so kaputt gekriegt", erklärt Michael Mantell.

Auswirkung der Preisdrückerei

Doch nicht nur die „Geiz-ist-geil"-Mentalität räche sich nun. Auch die Komplexität der Lieferkette ist laut Mantell ein entscheidender Faktor für die derzeitige Situation: „Ein kleines Sandkorn im Getriebe lässt alles zusammenbrechen."

So war es ein Serverproblem bei einem Lieferanten der Hörder Stifts-Apotheke, das jüngst die Versorgung mit einem Präperat für die Behandlung von Prostatakrebs behindert hat.

Brexit verschlimmert Situation

„Es darf unter keinen Umständen sein, dass so wichtige Therapien aufgrund von solchen Dingen unterbrochen werden", entrüstet sich Mantell. Es gehe hier schließlich um Menschen - und da steckten Einzelschicksale hinter. Mantell befürchtet, dass sich die Situation durch den drohenden Brexit noch weiter verschlimmern könnte.

Aber wie könnten Lösungen für das Problem aussehen? Ein Ansatz wäre laut Michael Mantell zum Beispiel eine Verbesserung bei den Kooperationen im Gesundheitswesen. Krankenkassen, Ärzte und Apotheken müssten mehr zusammenrücken, das Wohl der Patienten müsse endlich wieder vor Profit gehen. „Andernfalls stehen uns und den Patienten noch schlimme Zeiten bevor", so Mantell. Gisela Ausbüttel findet, dass ein Nachbessern der Politik längst überfällig sei.

Man habe zwar immer noch über Umwege die Medikamente für die Kunden besorgen können, doch das sei auch im höchsten Maße eine Suche nach Nadeln in Heuhaufen. Bei den Apotheken der Familie Ausbüttel beschäftigt man aufgrund der Situation eine Vollzeitkraft, die sich nur allein darum kümmert, die aktuelle Verfügbarkeit von Präparaten zu prüfen und alternative Beschaffungswege zu finden. „Wir müssen einen enormen personellen Aufwand treiben, um trotz dieser Mangelwirtschaft die notwendigen Präparate zu bekommen“, so Ausbüttel.

Der Pharmazeutische Index „Gelbe Liste“ informiert unter www.gelbe-liste.de/lieferengpaesse tagesaktuell über Lieferengpässe. Diese fünf Präparate sind neu ausgewiesen:

  • Glucophage 500 mg, 850 mg und 1000 mg Filmtabletten
  • Memantine Merz Startpackung
  • Sayana 104mg/0,65 ml Injektionssuspension
  • Valsartan Filmtabletten verschiedener Hersteller
  • Hepa-Merz Infusionslösungs-Konzentrat
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