Dortmunder soll bei Schmerzmittel plötzlich kräftig draufzahlen

mlzTeure Medikamente

Gibt es Lieferengpässe für Medikamente? Oder geht es darum, Kassenpatienten zur Selbstzahlung zu bewegen? Apothekenkunde Günter Figur soll plötzlich mehr bezahlen - und ist sauer.

Dortmund

, 27.07.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zwei neue Hüften. Probleme mit der Wirbelsäule, Arthrose im Knie. Günter Figur (78), Rentenversicherungsberater und selbst Rentner, plagt sich seit Jahren mit Gelenkschmerzen. Seit 2016 verschreibt ihm sein Orthopäde das Medikament Meloxicam, das den gleichnamigen Wirkstoff enthält. „Das hilft“, sagt Figur. Als er vor einigen Tagen in der Apotheke mal wieder sein Rezept einreichte, hieß es, das Medikament sei zurzeit nicht lieferbar. Die gleiche Auskunft erhielt er in der zweiten Apotheke - zunächst. Umso verblüffter war Figur, als ihm dort in Aussicht gestellt wurde, man könne den Wirkstoff vielleicht doch besorgen. In dem Fall müsse er aber 60 Euro zahlen. Aus eigener Tasche. Figur weigerte sich und ließ das Rezept in der Apotheke. „Können Sie behalten.“

Günter Figur ist bei der Knappschaft versichert. Er ist Kassenpatient, stinksauer und vermutet eine „Zwei-Klassen-Medizin“. Wie kann das sein, fragt er sich? „Entweder ist eine Arznei lieferbar oder sie ist es nicht.“ Auch ein Anruf beim Medizinischen Dienst der Knappschaft habe nicht weitergeholfen. „Eine richtige Auskunft konnten die nicht geben.“ In seiner Not ließ sich Figur ein alternatives Medikament verschreiben: Piroxicam. Nach dem Lesen des umfangreichen Beipackzettels inklusive möglicher Nebenwirkungen entschied sich Figur, besser die Finger davon zu lassen. „Da steht ausdrücklich, dass Über-70-Jährige das Medikament nur in enger Absprache mit dem Arzt einnehmen dürfen und 80-Jährige gar nicht mehr“, sagt er. Von ständigen Schmerzen geplagt, möchte er einfach nur sein vertrautes Medikament zurück – ohne privat draufzahlen zu müssen.

Apotheker: „Es fehlen 87 Arzneimittel“

Möglicherweise wird sich Figur noch etwas gedulden müssen. „Das Medikament ist zurzeit tatsächlich schwer lieferbar“, sagt Michael Mantell, Vorsitzender des Dortmunder Apothekervereins und Inhaber der Hörder Stifts-Apotheke. Gründe dafür könnte Mantell einige anführen. Das Problem in diesem Fall sei: Der Wirkstoff Meloxicam werde im Ausland hergestellt. Da die Produktion ins Stocken geraten sei, sei die Arznei wie etliche andere Schmerzmittel, darunter sogar das gängige Ibruprofen, kaum zu bekommen. Mittlerweile fehlten 87 Arzneimittel, sagt Mantell. Es ärgert ihn selber. „Die Hälfte meiner Zeit geht inzwischen fürs Organisieren und für die Abfrage bei Großhändlern drauf.“

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Wie kann es dann aber sein, dass bei Selbstzahlung von Kassenpatienten bestimmte Arzneien eben doch beschafft werden können? Auch dafür hat Mantell eine Erklärung: Das Medikament Meloxicam, das Günter Figur bislang verschrieben wurde, sei ein Nachahmerpräparat. Es handele sich um ein Generikum, das die gleichen Wirkstoffe enthalte wie das Originalmedikament Mobec.

Billigeres Nachahmerpräparat

Das Nachahmerpräparat sei üblichlerweise deutlich billiger. Da es aber kaum zu erhalten sei, habe die von Figur besuchte Apotheke das teurere Originalpräparat beschaffen wollen. Eine 100 Tabletten-Packung mit je 7,5 Milligramm Wirkstoff kostet nach Angaben von Mantell 80,93 Euro. „Die Krankenkassen zahlen aber höchstens 21,11 Euro“, weiß der Apotheker. Soll heißen: „Den Rest müssen die Versicherten tatsächlich selber tragen.“ Allerdings sei auch an das Original kaum heranzukommen. Ein Großhändler in Herne habe gerade noch „zwei Packungen“ vorrätig, sagt Mantell.

Etwas Hoffnung kann er Rentner Günter Figur allerdings doch machen. Ein Hersteller habe vor Kurzem angekündigt, das gewünschte Nachahmerpräparat möglicherweise Ende August wieder zu liefern. Figur erwägt angesichts seiner ständigen Schmerzen inzwischen eine andere Lösung: „Ich überlege ernsthaft, den Arzt um ein Cannabis-Medikament zu bitten.“

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