Martin Busch war 27 Jahre lang Chefredakteur von Radio 91.2. Jetzt hat sich der 63-Jährige in die Rente verabschiedet – nicht ohne einige Aufgeregtheiten Revue passieren zu lassen.

Dortmund

, 06.06.2020, 11:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wäre er jetzt auf dem Weg zum Nordkap. Doch Corona ist ihm in die Urlaubspläne gegrätscht. Martin Busch nimmt es gelassen; denn seit dem 29. Mai kann er jederzeit Urlaub machen. Der 29. Mai war sein letzter Arbeitstag beim Dortmunder Lokalsender Radio 91.2. Jetzt ist der langjährige Chefredakteur Rentner, hat den Staffelstab an seinen Kollegen und Nachfolger Mathias Scherff übergeben.

Als Busch 1993 mit 36 Jahren die Redaktionsspitze des Dortmunder Lokalsenders übernahm, dachte er, „jetzt machst du mal drei, vier Jahre in Dortmund“. Es wurden 27. In dieser Zeit habe er viel erlebt und die Stadt sich sehr verändert. Auch Buschs Gesicht ist nicht mehr dasselbe. Der dunkle, markante Schnauzbart ist irgendwann mal verloren gegangen.

Bevor Busch für seinen neuen Job „zufällig“ nach Dortmund kam, hatte er keinerlei Beziehung zu der Stadt, von Besuchen der Westfalenhalle und im Stadion abgesehen. Geboren ist er in Ostberlin – seine Eltern machten 1960 nach Westdeutschland rüber – und aufgewachsen ist er in Münster, wo er auch studiert hat: Germanistik, Philosophie und Pädagogik.

Schon als Kind ein Radio-Fan

Schon als Kind hockte Martin Busch häufig vor dem Radio. In den Bildungsbürgerhaushalt seiner Familie zog erst 1972, als er 15 Jahre alt war, ein Fernseher ein, und das auch nur, weil sein sportbegeisterter Opa, der vier Wochen aus der DDR zu Besuch war, die Olympischen Spiele sehen wollte. „Ich höre bis heute gern und viel Radio“, sagt er.

Von Radio NRW, dem Verbund der NRW-Privatradios in Oberhausen, kam er nach Dortmund auf den Chefsessel von Radio 91.2., das schon zwei Jahre auf dem Äther war, damals noch in der Karl-Zahn-Straße.

„Der Sender hatte einen schweren Start“, erinnert er sich. Neben Radio 91.2 gab es Radio Dortmund, den Lokalsender des WDR. Beide Sender zusammen hatten weniger Hörer als im Schnitt jedes einzelne der 44 Lokalradios in NRW. „Die durchschnittliche Reichweite lag bei 28 Prozent, 91.2. hatte 11 Prozent, der WDR 9 Prozent“, berichtet er. Doch das reizte ihn ebenso wie die Konkurrenz zum WDR.

Lokale Identität

Dortmund war für ihn anfangs ein weitgehend unbekanntes Pflaster. Er musste sich in die Themen reinfinden, musste lernen, „dass das Mallinckrodt-Gymnasium und das Helmholtz-Gymnasium zwei unterschiedliche Kulturkreise sind.“

Busch erkannte schnell, dass die Dortmunder ihre Stadt und ihren Stadtteil lieben. Entlang dieser lokalen Identität strickten er und die Redaktion das Programm. „Wir lernten, Lokalradio zu machen.“ Maßgeschneidert für Dortmund. Vor 27 Jahren spielte noch die Montanindustrie eine Rolle, natürlich Borussia, aber auch die ausgeprägte Veranstaltungsszene, Kunst und Kleinkunst. „Das musst du aufgreifen“, dachte er.

Der markante Schnauzbart von Martin Busch ist irgendwann in den 27 Jahren verloren gegangen.

Der markante Schnauzbart von Martin Busch ist irgendwann in den 27 Jahren verloren gegangen. © Vahlensieck (A)

Und war damit erfolgreich. Seit zehn Jahren habe Dortmund eine Reichweite im Schnitt von 42 und 43 Prozent, sagt er. „Wir gehören heute zu den Reichweiten starken Radios.“

Dortmund sei in den 27 Jahren ein spannendes Feld für Lokaljournalisten gewesen, resümiert Busch. Ob ein OB-Kandidat auf dem Straßenstrich, ein OB, der einen Tag nach der Kommunalwahl ein 100-Millionen-Loch im Haushalt einräumen musste, ob eine Wiederholungswahl, gegen die Ratsmitglieder klagten, oder die Rathaus-Mitarbeiterin, die zur Finanzierung ihrer Kokainsucht mehrere hunderttausend Euro veruntreute – „Dortmund war immer wieder für einen kleinen Skandal gut.“

Fünf deutsche Meisterschaften

Der Hubschrauberabsturz bei der You-Messe 1996 ist ihm noch gut in Erinnerung ebenso wie viele Großereignisse, darunter die Fußball-WM 2006, die Dortmund wie ganz Deutschland für drei, vier Wochen verändert hat. Das erste, einschneidende Großereignis, das er als Chefredakteur erlebte, war die Deutsche Meisterschaft des BVB 1995. „Ich bin der einzige Chefredakteur von 44 NRW-Radios, der in seiner Amtszeit eine deutsche Meisterschaft feiern durfte, Ich habe sogar fünf davon gefeiert.“

Den Plan von Ex-OB Dr. Gerhard Langemeyer, Phoenix-Ost zu fluten und einen See daraus zu machen, hat Busch anfangs für einen Aprilscherz gehalten genau wie die Bungee-Absprungrampe auf dem Fernsehturm. Beides wurde realisiert.

Anderes nicht, wie das Ufo am Hauptbahnhof. Dortmund habe sich in den 27 Jahren gravierend verändert, sagt er und zählt das Konzerthaus auf, die Botta-Bibliothek, den Umbau des U-Turms, dessen Kostenexplosion er wie all die anderen Themen immer wieder mit sonorer Stimme kritisch kommentiert hat.

Am Wahlabend wieder im Rathaus

Dortmund habe sich von der Arbeiterstadt zur Dienstleistungs- und Wissenschaftsstadt, zum Logistik- und High-Tech-Standort gewandelt. Heute sagt er: „Dortmund ist um ein Vielfaches lebenswerter als früher, die Luft ist sauber, die Stadt ist schöner geworden.“

Allerdings macht er eine Einschränkung: „Vor 27 Jahren hätte ich keine Bedenken gehabt, mich um Mitternacht an der Reinoldikirche aufzuhalten. Da wäre ich heute vorsichtiger.“

Er ist damals wegen der Arbeit nach Dortmund gekommen. Und wird auch als Rentner bleiben. Und falls der Familienvater und Großvater am 13. September, am Tag der Kommunalwahl, nicht irgendwo im Urlaub ist, geht er zur Wahlparty ins Rathaus und wird sich das Geschehen von der Balustrade aus ansehen. Auch wenn er es nicht mehr journalistisch begleiten muss, „interessieren tut es mich immer noch.“

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