In der Klinik für Forensische Psychiatrie haben Mitarbeiter in einem Selbstversuch erfahren, wie psychosekranke Menschen die Welt erleben. Vor allem dominiert ein Gefühl: Überforderung.

Dortmund

, 08.04.2019, 19:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist, als hätte ich harte Drogen genommen. Solche, die den Verstand blockieren und alle äußeren Reize auf Maximum schrauben. Meine Stimme und die Stimmen der Leute um mich herum hallen in meinem Kopf wider wie in einer winzigen Kathedrale, wieder, wieder, wieder. Es ist laut. Gemurmel. Gerede. Andere Stimmen übertönen die Geräusche in der Kathedrale, viele Stimmen, fremde Stimmen, die mir sagen, was ich tun soll. Beweg deine Arme. Geh nach links. Hör nicht auf sie. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als regungslos auf einem Fleck stehen zu bleiben und den Kopf starr zu halten. Es flackern Erinnerungen auf. Füße, die einen Gang entlang laufen, eine Nachrichtensendung, kurz eine Katze, dann sehe ich eine Steckdose, die mich mit leeren Augen beobachtet. Das Gesicht der Frau, die vor mir steht und auf mich einredet - „Kann ich dir helfen?“ -, bekommt Beulen und zerteilt sich ganz langsam in farbige Kristalle.

Die Mitarbeiter des niederländischen Kunstprojekts „Labyrinth Psychotica“ nennen den Anzug, den sich am Montag nicht nur ich, sondern vor allem mehrere Mitarbeiter der LWL-Klinik und der Klinik für Forensische Psychatrie in Aplerbeck anzogen, „The Wearable“, „das Tragbare“. Das so genannte „Augmented Reality System“ - ein realitätserweiterndes System - simuliert eine Wahrnehmung, die derjenigen von Menschen mit akuter Psychose besonders nahe kommen soll.

Man trägt den Computerrucksack ganze 15 Minuten lang und wird dabei von den Projektleitern immer wieder angesprochen, Dinge gefragt, in soziale Handlungen eingebunden - „Kennst du David schon?“. Sie tippen einen an, führen einen durch den Raum - „Komm, wir gehen ein paar Schritte“ -, kommentieren das eigene Verhalten - „Warum guckst du ihn nicht an, wenn du ihm die Hand gibst?“ Die Folge: totale Überforderung, Kopfschmerzen, Beklemmungen, Angst.

Aus Gesprächen mit Psychosekranken entwickelt

Die Künstlerin Jennifer Kanary entwickelte das System, nachdem sich ihre an Schizophrenie erkrankte Schwägerin 2005 das Leben nahm. Diese sprang aus dem 7. Stock eines Hochhauses. „Nach ihrem Tod wurde mir klar, wie wenig ich über Psychosen wusste und darüber, warum sie ihr Leben beenden wollte“, schreibt Kanary auf der Webseite des Projekts. Sie wollte das Handeln ihrer Schwägerin verstehen, nachvollziehen können, promovierte zum Thema und sprach dafür mit ehemals und aktuell psychosekranken Menschen. Aus ihren Erfahrungen und Beschreibungen entwickelte sie zusammen mit einem Programmierer unter anderem „The Wearable“.

Der Computer-Rucksack liefert die für die Simulation notwendigen Daten.

Der Computer-Rucksack liefert die für die Simulation notwendigen Daten. © Bastian Pietsch

Seit 2010 ist Labyrinth Psychotica mit dem Projekt schon in Kliniken in 20 Ländern gewesen und hat bereits rund 12.000 Menschen auf den Psychose-Trip geschickt. Eine Kooperation mit der niederländischen Polizei ist ebenfalls in Arbeit. Die Teilnehmer sollen vor allem lernen, dass die von einer Psychose betroffenen Menschen „vor der konstanten Entscheidung stehen, auf welche Welt sie sich gerade konzentrieren sollen“, sagt Marie-Anne Soyez vom Projekt. Und dass sie das derart überfordere, dass sie manchmal gar nicht oder für ihre Gegenüber völlig unverständlich reagieren - wie ich, zum Beispiel, als mir David vorgestellt wurde und ich ihn nicht einmal angesehen habe.

Etwas mehr als die Hälfte in Aplerbecker Forensik psychotisch

Einige wenige leiden nicht unter ihrer Psychose, empfinden sie gar als etwas Schönes - das ist jedoch eher die Ausnahme. Andere begehen Straftaten, Körperverletzung oder Brandstiftung beispielsweise. Das passiere häufig aus Angst, um sich vor einer vermeintlichen Gefahr zu verteidigen, berichteten Mitarbeiter der Klinik, oder weil es die Stimmen in ihrem Kopf tatsächlich so befehlen. Dann werden sie in forensischen Kliniken behandelt.

In der Aplerbecker Klinik sind laut Schätzung etwas mehr als die Hälfte der 62 Patienten psychotisch, andere werden dort vor allem wegen Suchterkrankungen behandelt. Patienten bleiben durchschnittlich acht Jahre dort, bis sie entweder - durch eine Kombination aus medikamentöser und psychologischer Behandlung - von der Psychose weitestgehend geheilt wurden oder aber gelernt haben mit ihr zu leben, ohne für sich und andere zu einer Gefahr zu werden.

„Das war eine heftige Erfahrung“

Bereits vor zwei Jahren kamen Mitarbeiter der Aplerbecker Forensik und LWL-Klinik bei der Bundeskonferenz Forensische Pflege mit dem Konzept der Psychose-Simulation in Kontakt. Stefan Deimel, Stationsleiter und stellvertretender Pflegedirektor der Klinik für Forensische Psychatrie, war damals zwar vor Ort, probierte die Simulation aber erst jetzt selbst aus. „Das war eine heftige Erfahrung“, sagt er beim anschließenden Gespräch. „Man bekommt so einen ganz anderen Zugang zu der Erkrankung.“

Inhaltswarnung: Falls sie unter Epilepsie leiden, können die blinkenden Lichter in diesem Video zu einem Anfall oder Bewusstlosigkeit führen.

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So sieht die simulierte Psychose aus

Natürlich treffe die Simulation so nicht auf alle Patienten zu - das System versammelt in der kurzen Zeit immerhin insgesamt 33 psychotische Erfahrungen -, trotzdem bleibe eine wichtige Konsequenz: „Der Zeitfaktor ist wichtig“, sagt Deimel. „Geduld zu haben, die Patienten immer wieder zu motivieren und ihnen Hilfe zu leisten, ihnen mit mehr Empathie zu begegnen.“

Besonders wichtig sei die Einfachheit in der Ansprache: „Kann ich dir helfen?“ ist für jemanden im Zustand einer akuten Psychose eine viel zu komplexe Frage, das spürten die Teilnehmer am eigenen Leib. Tatsächlich verhielten sie sich während des Versuchs „genau wie manche Leute hier auf der Station“, sagte eine Mitarbeiterin. Man stelle sich vor, sie trügen keine Brillen und Kopfhörer und Tablets auf dem Rücken - das Bild ist das von Menschen, die zu der Realität um sie herum den Zugang verloren haben. Manche nur für 15 Minuten. Andere über lange Jahre hinweg.

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