„Manche Kunstwerke sind wie eigene Kinder – die verkauft man nicht“

mlzKunst in Dortmund

Als Ulrich Kortmann in Papua-Neuguinea Schnitzereien der Einheimischen in die Hände fielen, war es um ihn geschehen. Seit 30 Jahren vertreibt er diese Kunst jetzt am Brackeler Hellweg.

Brackel

, 23.06.2020, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit rund 30 Jahren gibt‘s am Brackeler Hellweg 65 eine Galerie, die kaum ein Kunde betritt, der nur zufällig daran vorbeigeschlendert ist. „Laufkundschaft haben wir so gut wie nicht – wenn einer in zwei Jahren reinkommt“, sagt Inhaber Ulrich Kortmann (68), „dann war das schon viel.“

Und doch lebt „Tribal Art Kortmann“ und daran soll sich auch in der Zukunft nichts ändern. Heute laufe fast alles über den Internetverkauf, sagt der Besitzer. Mit dem Begriff „Tribal Art“ wird die Stammeskunst indigener Völker bezeichnet.

Kunstwerke aus Ozeanien und Südostasien

Spezialisiert hat sich Kortmann auf die Kunst Ozeaniens und Südostasiens. Stücke aus Afrika sind nur wenige dabei. Den überwiegenden Teil der Objekte vor Ort hätten er und „sein Team“ bei den Stämmen Papua Neuguineas, Indonesiens, den Philippinen und Indochinas vor Ort gesammelt.

Werke wie dieser Vogel sind in Ulrich Kortmanns Galerie am Brackeler Hellweg 65 zu sehen

Werke wie dieser Vogel sind in Ulrich Kortmanns Galerie am Brackeler Hellweg 65 zu sehen. © Andreas Schröter

Kortmanns Interesse für diesen Teil der Welt keimte in den 70er-Jahren auf, als er mit Frachtschiffen durch die Südsee getrampt ist. „Das ging für ganz wenig Geld“, sagt er, „meist brauchte man nur etwa 10 Dollar am Tag. Und ich war seefester als so mancher Einheimische.“

Auf diese Weise sei er zwei Jahre durch Polynesien gegondelt. Sein großer Traum sei damals gewesen, einmal nach Papua-Neuguinea zu kommen. Es gelang ihm schließlich mit einer Art Supermarktschiff, das Kortmann in Ambon (Molukken) bestieg und das ihn zunächst zu den Banda- und den Aru-Inseln und dann weiter an die Südküste des zu Indonesien gehörenden Teils Neuguineas brachte.

Von dort sei er dann mit einem kleinen Flugzeug weiter nach Wewak in den seit 1975 unabhängigen Teil gelangt.

Schnitzereien für nur einen Dollar

Vor Ort seien ihm Kunstwerke – Schnitzereien vor allem – für einen Kina (vier DM) das Stück angeboten worden. Und obwohl er sich davor nie für Kunst interessiert habe, sei er sofort von der ursprünglichen Kraft fasziniert gewesen, die diese Werke ausstrahlen.

Kortmann habe seine Mutter um 5000 DM angepumpt und begonnen, die Schnitzereien zu kaufen. Für die erste Tour reichte eine einfache, selbst gezimmerte Kiste, später wurde das junge Unternehmen größer, und aus den Kisten wurden ganze Container.

Einige der kleineren Werke zeigt Ulrich Kortmann in einer beleuchteten Glasvitrine

Einige der kleineren Werke zeigt Ulrich Kortmann in einer beleuchteten Glasvitrine. © Andreas Schröter

Die geliehenen 5000 DM und die gesamten Kosten für die vorherige Weltreise habe er innerhalb kürzester Zeit in Deutschland wieder erwirtschaftet, weil es viele Menschen gab, die sich für Kunst aus der Südsee interessierten.

Er habe Stücke, die er für einen Kina erworben habe, für 50 DM wieder verkauft, obwohl er nach eigenen Angaben für einige Stücke auch ein Vielfaches davon hätte bekommen können.

Aber, so Kortmann: „Der Einkaufspreis spielte damals und selbst bis Anfang der 2000er Jahre gar keine Rolle, denn die Spesen für den Transport und sonstigen Kosten lagen um ein Vielfaches höher als die Einkaufspreise.“

Künstler selbst haben nichts mehr von europäischem Interesse

Die Künstler selbst profitierten nach Angaben des Händlers damals schon deshalb nicht von dem europäischen Interesse, weil sie in aller Regel bereits verstorben waren, wenn es sich um kostbare Antiquitäten handelte.

Unter anderem habe ihm ein Imbissbuden-Besitzer aus Essen damals Ware im großen Stil abgekauft. Kortmann eröffnete seine erste Galerie an der Castroper Straße in Mengede. Doch das Geschäft änderte sich: Einzelkunden zeigten weniger Interesse an dieser Art der Kunst, dafür konnte er einiges an Museen verkaufen.

Umzug nach Brackel vor rund 30 Jahren

Um 1990 herum erfolgte der Umzug nach Brackel in ein Haus, das seinen Eltern gehörte. In der Folgezeit wurden unter anderem Galerien – zum Beispiel in Brüssel, Paris und Amsterdam – seine Hauptkunden. Danach folgten die Auktionshäuser wie Sotherby‘s in England und ab etwa 2010 vor allem das Internet.

Er selbst habe 23 Reisen, die oft mehrere Monate dauerten, nach Papua-Neuguinea unternommen, um neue Ware zu beschaffen. Doch 2012 sei damit aus gesundheitlichen Gründen Schluss gewesen. Heute vertraut er auf den Sohn eines Freundes, der in jungen Jahren dorthin ausgewandert ist.

Durch diesen entstandenen Zwischenhandel seien Kortmann die Namen der Künstler und Produzenten nicht bekannt.

Einkauf erfolgt heute über einen Zwischenhändler

Dieser Sohn besucht seinen Vater regelmäßig und kümmert sich bei der Gelegenheit um neue Kunstwerke für Ulrich Kortmann. „Einmal im Jahr kommt ein Container mit 5000 neuen Stücken“, sagt er.

Oft seien darunter welche, die er selbst so faszinierend findet, dass er sie nicht weiterverkaufen möchte: „Oft sind mir für bestimmte Stücke absurd hohe Summen geboten worden und ich konnte mich trotzdem nicht von den Stücken trennen. Manche Stücke sind wie eigene Kinder – man verkauft sie einfach nicht!“

Transparenz des Marktes durch das Internet

Die Preise seien übrigens heute viel niedriger als früher. Das liege an der durch das Internet entstandenen Transparenz des Marktes. Stücke, die er damals für 1000 DM verkauft habe, so Kortmann, erzielen heute vielleicht noch 50 bis 200 Euro.

Andererseits seien die Preise für sehr seltene, alte Spitzenstücke heute um ein Vielfaches höher als früher. Kortmann: „Das heißt, dass Stücke, die damals 5000 DM gekostet haben, heute oft 50.000 Euro wert sind. Dieser Trend ist mittlerweile aber wieder rückläufig. Heute erziele ich einen Durchschnittspreis von 50 bis 70 Euro pro Stück, bei einem Verkauf von ca 250 bis 350 Stücken pro Monat.“

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