Markus Kurth, Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen auf dem Gelände des Union-Gewerbehofs in Dortmund. © Felix Guth
Porträt

Markus Kurth (Grüne) über Kochen als Ausgleich und Diskussionen mit seinem Sohn

Markus Kurth geht für Bündnis 90/Die Grünen im Wahlkreis Dortmund I in seinen sechsten Bundestagswahlkampf. Er tritt noch einmal an, weil er dorthin möchte, wo alles begann: in die Regierung.

Zu Fuß kommt Markus Kurth, Grünen-Bundestagskandidat für Dortmund, zum Union-Gewerbehof in der westlichen Dortmunder Innenstadt. Kurth ist kein auffälliger Typ, kein Lautsprecher. Er ist an diesem wechselhaften Tag funktional gekleidet mit regenfester Jacke über dem hellblauen Hemd.

Natürlich wäre das ein schicker Spin, wenn dieser Mann jetzt spektakuläre Hobbys hätte und als Grüner etwa gerne an Autos schrauben würde. Hat er nicht.

Kochen als Ausgleich von der abstrakten Politik

Stattdessen hat er noch nie in seinem Leben ein eigenes Auto besessen. Wenn er fahren muss oder möchte, nutzt er Car-Sharing-Angebote. Der 55-Jährige lebt in der Dortmunder Nordstadt in der Nähe des Hafens und er lebt dort gerne.

Er ist ein Freund von Kunst und Kultur und geht gern wandern. Er hat eine Gitarre zuhause stehen, zu der er gelegentlich zur Entspannung greift. Anders als etwa SPD-Kandidat Jens Peick macht er das aber nicht vor Publikum.

Markus Kurth steht gern in der Küche und kocht. „Weil ich dann danach ein Produkt vor mir habe.“ Als Politiker arbeitet er oft in abstrakten Prozessen.

Kurth war nie ein Politiker-Typ, der sich selbst als Person in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt hat. Gerade ist für die privaten Dinge im Wahlkampf ohnehin wenig Zeit.

Er wählt den Union-Gewerbehof als Treffpunkt, weil dieser Ort für ihn eine besondere Bedeutung hat. In einem der Büros auf dem ehemaligen Hoesch-Gelände an der Huckarder Straße hat der studierte Politologe Markus Kurth einst gearbeitet.

Seit 2002 ist Markus Kurth Mitglied des Deutschen Bundestags

Das war Ende der 90er-Jahre, als die Transformation dieses zum Union-Stahlwerk gehörigen Areals noch in den Anfängen war. Es war vor dem 17. Oktober 2002 und damit vor dem Tag, an dem Markus Kurth erstmals im Plenum im Reichstag in Berlin saß.

Der 55-Jährige ist neben Marco Bülow (früher SPD, derzeit fraktionslos, Kandidat für „Die Partei“) der Dortmunder Abgeordnete mit der größten Erfahrung im Bundestag.

Als er mit der parlamentarischen Arbeit begann, hieß der Bundeskanzler noch Gerhard Schröder. Die Grünen waren mit Renate Künast, Jürgen Trittin und Joschka Fischer auf Ministerposten Teil der Bundesregierung.

An der Spitze der Musikcharts stand der „Ketchup-Song“. Tablets und Digitalkameras waren die Tech-Trends des Jahres. Deutscher Fußballmeister: BVB.

„Zufriedenheit mit dem Erreichten“, aber auch große „Demut“

„Ich würde lügen, wenn ich nicht eine gewisse Zufriedenheit mit dem Erreichten verspüren würde“, sagt Kurth. „Aber man darf die Demut nicht verlieren. Es geht nur mit sehr vielen anderen im Bundestag und vor allem mit denen, die ehrenamtlich arbeiten.“

Er ist noch einmal angetreten, weil er daran glaubt, dass der Weg für die Grünen wieder in eine Regierung führen kann. Er möchte seine Erfahrung mit einbringen, weil er einer von nur noch einer Handvoll Grünen-Abgeordneten ist, die die praktische Regierungsarbeit kennen.

Aber macht es nach all der Zeit auch noch Spaß, am Wahlkampfstand vor der Reinoldikirche zu stehen, Passanten Flyer in die Hand zu drücken und immer noch vor dem Klimawandel zu warnen?

„Es gibt Momente, in denen man kämpfen muss“, sagt Markus Kurth. „Aber wenn man merkt, dass man von vielen Leuten getragen wird, dann macht es Spaß.“

Aus dem „Minderheiten-Projekt“ ist „Mainstream“ geworden

Er blicke am Wahlkampfstand seltener in grimmige Gesichter. „Die Stabilität in der Mitte der Gesellschaft ist neu. Ich bin seit den 90ern bei den Grünen aktiv. Damals war das ein Minderheiten-Projekt. Jetzt ist man mit vielen Positionen Mainstream.“

Die letzten fünf Jahre waren prägend, weil Markus Kurths Sohn in dieser Zeit zunehmend ein eigenes politisches Bewusstsein entwickelt hat. „Ich führe da manchmal harte Gespräche, etwa darüber, ob man mit Fleisch kochen darf“, sagt Kurth.

Markus Kurth vertritt Dortmund bereits seit 2002 im Deutschen Bundestag. © Felix Guth © Felix Guth

Er erlebe, dass in der Generation seines Sohnes die Erderwärmung als konkrete Bedrohung wahrgenommen wird. „Das ist eine völlig andere Prägung als zu der Zeit, als ich 17, 18 war.“

Deshalb treibe ihn das Klima-Thema noch stärker um, als ohnehin schon. Es sei im Interesse der deutschen Wirtschaft, in Richtung Klimaneutralität zu denken und in zukunftsfähige Technologien wie autonomes Fahren zu investieren.

„Wir erleben in vielen Bereichen einen recht rasanten Wandel. Das erfordert eine besondere Ernsthaftigkeit, die ich vermisse in diesem Wahlkampf. Die Akteure in der Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen sind da häufig schon einen Schritt weiter.“

Der Dortmunder ist ein Experte für Rente und Soziales

Innerhalb seiner Partei steht Kurth für die Politikfelder Renten und Soziales. Er ist unter anderem rentenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag. Antrieb dafür sei auch eine längere Phase der Arbeitslosigkeit in seinem eigenen Leben in den 1980er Jahren gewesen.

Jetzt, wo er und Menschen in seinem Freundeskreis dem Rentenalter nähern, spürt er ein zweites Mal, wie scheinbar abstrakte sozialpolitische Debatten die Lebensrealität beeinflusse. „Ich erlebe bei Menschen meines Jahrgangs, das Rentensicherheit zu einem wichtigen Wert wird.“

Irgendwann gegen Ende des Gesprächs sagt er: „Ich höre mich schon an wie ein Opa. Dabei fühle ich mich gar nicht so.“ Kurth vermittelt vielmehr ein klares Bild davon, was von Politik in diesen dynamischen Zeiten gefordert ist.

„Das Aushalten-Können mit Unsicherheit umzugehen ist eine neue Aufgabe. Wer umfassende Sicherheit verspricht, der lügt sich selbst in die Tasche. Viele Leute haben das Gefühl: Auch, wenn es ihnen noch gut geht, stehen sie auf schwankendem Grund“, sagt Markus Kurth.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
Zur Autorenseite
Felix Guth

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.