Mit vielen konstruktiven Aktionen hat Marten zuletzt für positive Schlagzeilen gesorgt. Es ging bergauf. Jetzt sorgt der Sozialbericht 2018 in Marten für „Entsetzen“, so Reiner Gallen.

Marten

, 08.07.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der aktuelle Sozialbericht nennt viele Zahlen, die man erstmal ordnen muss. Besonders Kinder leiden unter der sozialen Schwäche in Marten. Ganz nah an den Martener Kindern ist Ulrike Dreps, Direktorin der Friedensgrundschule. An ihrer Schule liegt der Anteil der Kinder aus Familien, die Unterstützung erhalten, nach eigenen Angaben bei 65,7 Prozent.

„Bei uns ist Hunger durchaus ein Thema“, sagt Ulrike Dreps betrübt. Deshalb bekommen alle Kinder morgens ein Frühstück. Das Obst und Gemüse wird geliefert vom CJD Jugenddorf, die Stadt fördert dieses Frühstück mit 8400 Euro im Monat.

Der Anteil der Kinder im SGB II-Bezug ist in Marten mit einem Plus von 4,8 Prozentpunkten stärker gestiegen als im Durchschnitt aller Aktionsräume (+3,2) und stadtweit (+1,4). Wie bei den vorherigen Zahlen, lag der Anteil bei 38,1 Prozent und damit unter dem Durchschnittswert der Aktionsräume insgesamt (46,8), aber über dem Dortmunder Gesamtdurchschnitt (30,2).

Darüber hinaus hat sich der Anteil der Kinder mit Normalgewicht um 2,5 auf 76,2 Prozent gegenüber 2008 verringert. Ein gegenteiliger Trend zeigt sich in den Aktionsräumen (77,0) und gesamtstädtisch (80,7).

Besondere Konzepte für den Lernerfolg

Neben der Gesundheit muss auch der Lernerfolg mit besonderen Konzepten gefördert werden. So werden die Kinder in Marten jahrgangsübergreifend unterrichtet. Schüler der Klassen 1+2 sowie 3+4 lernen gemeinsam. „So können wir die Kinder viel individueller unterrichten“, sagt Ulrike Dreps. „Wir holen im Unterricht jedes Kind dort ab, wo es gerade steht.“

Weil die betroffenen Kinder in der Regel zuhause keine ausreichende Unterstützung erfahren, gibt es auch keine klassischen Hausaufgaben. Dafür gibt es Zeitfenster während der Schulzeit, in denen die Schüler Aufgaben zur Vertiefung des Unterrichtsstoffes lösen.

Außerdem gibt es zweimal in der Woche Spielenachmittage, die von der Stadt mit weiteren 2000 Euro unterstützt werden - einfach, damit die Kinder gemeinsam spielen, ohne Geräte. Dieses Nachmittagsangebot kompensiert den Mangel an Kinder- und Jugendarbeit im Stadtteil. „Die Jugendfreizeitstätte Marten ist von Germania aus einfach zu weit entfernt“, sagt Ulrike Dreps.

Überwiegend negative Zahlen

Marten, mit 9676 Einwohnern einer der kleineren Sozialräume, hat einen Bevölkerungszuwachs von 304 Personen bzw. 3,2 Prozent. Marten liegt damit leicht über dem gesamtstädtischen Schnitt (+3,1 Prozent), aber unterhalb des durchschnittlichen Wachstums in den Aktionsräumen (+5,6 Prozent).

Doch was der Sozialbericht vor allem auflistet, sind negative Zahlen. Marten ist zu einem Aktionsraum in Dortmund geworden, weil der Anteil der Transferleistungsempfänger mit 23,4 Prozent deutlich über dem Dortmunder Durchschnitt von 16,9 Prozent lag. Da tröstet es auch nicht, dass Marten unter dem Durchschnitt der anderen Aktionsräume, 28,7 Prozent, liegt.

Gefühlter Aufschwung

Besorgniserregend ist die Entwicklung der Transferleistungsempfänger-Quote. Im Zeitraum seit 2007 ist die Quote um 3,4 gestiegen. Das Wachstum lag damit über dem Anstieg in den Aktionsräumen insgesamt (+1,9) und über der gesamtstädtischen Entwicklung (+0,8). „Die Zahlen erfüllen mich mit Entsetzen“, sagt Reiner Gallen, der in den vergangenen Jahren einen Aufschwung in Marten wahrgenommen hat.

Den Eindruck hatte auch Monika Rößler vom Förderverein Dortmund-Marten und Germania e.V.. „Wir haben viele Leerstände in Marten beseitigt, wir haben motivierte Vereine und Geschäftsleute, beim Fest unter den Linden war die Stimmung super“.

Reiner Gallen befürchtet eine Spaltung im Ortsteil: „Es gibt die Aktiven, die die Mitmachen, und die, die wir nicht erreichen.“

Marten braucht mehr Zuzug

Reiner Gallen sieht eine Möglichkeit zur Verbesserung der Situation im Zuzug sozial stärkerer Familien. Er fordert ambitionierte Maßnahmen, um in Marten Wohnraum zu schaffen: „Wir müssen den Ort attraktiver machen.“ Er schlägt vor, das Gründen von Firmen zu Entbürokratisieren. Außerdem sollen leer stehende, zentrumsferne Ladenlokale in Wohnraum umgewandelt werden.

Genauso wie Wohnraum, der dem Markt nicht zur Verfügung steht. Die Gaststätte Tante Anna stehe seit Jahren leer und habe praktisch keine Chance auf Weiternutzung. „Abreißen und neu bebauen“, fordert Gallen. Oder Dachgeschosse ausbauen. Den Wohnraum verdichten. Dann, so meint er, könnte man die Zahl der Bewohner wieder auf den Stand von 1914 bringen. Damals lebten 12.000 Menschen in Marten.

Lesen Sie jetzt