Maskierte werfen Einkaufswagen vor S-Bahn, um sie zu besprühen

mlzGraffiti-Bombing im Unionviertel

Sie kamen in der Nacht, maskiert mit Sturmhauben, zündeten Nebelbomben: Unbekannte haben in der Neujahrsnacht eine S-Bahn im Unionviertel mit Graffiti besprüht. Sie folgen einem Trend.

Dortmund

, 03.01.2019, 12:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Einkaufswagen landen vor dem Zug, Weiterfahrt unmöglich. Dann werfen die Täter Nebelbomben und sprühen eine S-Bahn voll. Ähnliche Szenen haben sich in Dortmund schon einmal abgespielt.

Ziel der Sprayer war nicht etwa ein leerer, abgestellter Zug, sondern die S-Bahn 4, die sich in Dortmund-West gerade auf dem Weg nach Unna befand. Graffiti-Bombing, zu Deutsch „Graffiti Bombardierung“, nennt das die Bundespolizei.

Züge und S-Bahnen dienen als fahrende Leinwand

Zwei Einkaufswagen werfen die Unbekannten kurz nach Mitternacht auf die Gleise. Der Zug kann nicht weiter, das war das Ziel. Nur so können sie ihr Graffiti-Bombing durchziehen - einen Trend, den es unter Sprayern schon länger gibt.

Züge und B-Bahnen dienen als fahrende Leinwand. Die Täter stoppen die Züge per Notbremse oder mit anderen Mitteln. Das gibt ihnen Gelegenheit, sich in kürzester Zeit zu verewigen bevor sie die Flucht antreten.

In aller Kürze

Schmierereien nehmen zu, Vandalismus wird weniger

  • Im Jahr 2017 hat die Deutsche Bahn knapp sieben Prozent weniger Fälle von Vandalismus (rund 9.000) registriert. Dagegen stieg die Zahl der Graffiti-Schäden 2017 um etwa 4 Prozent auf rund 18.100 Fälle.
  • Regionale Schwerpunkte sind die Ballungsräume, vornehmlich Nordrhein-Westfalen gefolgt von Baden-Württemberg und Berlin.

Für viele Sprayer ist Graffiti-Bombing eine eigene Form der Street-Art mit Adrenalin-Schub. Für die Verkehrsunternehmen und Bahnreisende ist es meist einfach nur ein Ärgernis.

Das Ergebnis der Aktion in Dortmund um kurz nach Mitternacht am 1. Januar 2019: 45 Quadratmeter, besprüht mit Lackfarbe.

Die Täter sollen ihre Aktion sogar fotografiert haben

Beweise sollte es eigentlich geben. Der Zugfahrer sagt aus, dass drei Personen Fotos gemacht haben, da die Täter aber geflüchtet sind, bevor die Beamten am Gleis eintrafen, bringt das die Ermittlungen nicht weiter.

Bis zu 20 Personen sollen die S-Bahn attackiert haben, heißt es im Bericht der Bundespolizei, die sich in ihren Ermittlungen bislang nur auf die Zeugenaussage des Zugführers stützen kann. Weitere direkte Zeugen, die Aussagen machen können, gibt es nicht. Im betroffenen Zugteil hätten keine Fahrgäste gesessen, so die Polizei.

Dass Randalierer einen Zug anhalten und besprühen, ist kein Einzelfall

Es ist nicht das erste Mal, dass eine größere Gruppe eine Bahn attackiert. Schon im März und im Mai 2016 kam es in Bochum zu ähnlichen Vorfällen. Es passiere immer wieder, dass sogar ganze Gruppen Gleise blockieren und Züge am Weiterfahren hindern, um sie zu besprühen, sagt Volker Stall von der Bundespolizeiinspektion Dortmund.

Auch im vergangenen Jahr habe es so einen Fall gegeben, sagt Stall. Bei der Aktion an der Haltestelle in Dortmund-Kruckel wurde ein Bahnmitarbeiter mit einer Sprühdose am Kopf verletzt. Das war Mitte Mai 2018. Damals konnte ein 21-jähriger Mann aus Brandenburg festgehalten werden.

Es ist schwierig, die vermummten Täter zu fassen

Die Deutsche Bahn ärgern diese Aktionen. Eine Sprecherin sagte auf Anfrage zum Dortmunder Fall: „Die Deutsche Bahn hat Strafanzeige gestellt und wird zivilrechtlich gegen die Täter vorgehen.“

„Sie brüsten sich damit.“
Volker Stall, Bundespolizeiinspektion Dortmund

Generell ist es aber schwierig, die Täter zu fassen. Die Polizei trifft meist erst ein, wenn die Sprayer längst wieder verschwunden sind. Außerdem sind Kameras nicht sehr wirksam, da durch die Vermummung Täter auf den Aufnahmen nicht erkannt werden können.

Dass Fotos gemacht werden, sei gar nicht ungewöhnlich, sagt Volker Stall: „Sie brüsten sich damit.“ Denn oft dienen solche Bilder den Tätern als Trophäe.

Graffiti kosten die Bahn im Jahr rund 10 Millionen Euro

In NRW gab es 2017 rund 5.000 Graffitistraftaten, etwa so viele wie 2016. Neuere Zahlen gibt es noch nicht. Bundesweit ist die Zahl der Graffiti-Straftaten im ersten Halbjahr 2018 gegenüber dem ersten Halbjahr 2017 um 4 Prozent zurückgegangen. Ein Grund dafür sei die bessere Bewachung von Zügen sowie der Einsatz von Videotechnik, teilt die Deutsche Bahn mit.

Dennoch beträgt der Schaden, der der Deutschen Bahn durch Graffiti entsteht, bundesweit pro Jahr etwa 10 Millionen Euro. Nur ein Teil dieser Summe entfällt auf die Reinigung. Zugausfälle, Dispositionsaufwand und zusätzliche Zugfahrten verursachen ebenfalls erhebliche Kosten.

Graffitis zu entfernen dauert einen ganzen Tag

Für die Reinigung eines Nahverkehrs-Triebwagens benötigen zwei bis drei Fachkräfte nach Angaben der Deutschen Bahn einen ganzen Arbeitstag. Die Kosten variieren je nach Größe und Schichtdicke des Graffitis. Die Neulackierung eines Triebwagens kostet bis zu 30.000 Euro und dauert rund sieben Tage.

Zur Sache

Graffiti kann in Extremfällen bis zu zwei Jahre Haft einbringen

Sobald öffentliches oder privates Eigentum illegal bemalt wird, handelt es sich um Sachbeschädigung. In Extremfällen drohen den Tätern bis zu zwei Jahre Gefängnis. Die Bahn erstattet grundsätzlich bei jedem Vandalismusdelikt Strafanzeige. Verschmutzungen werden dokumentiert: Die sogenannten „tags“ und „pieces“ werden fotografiert, um sie den Tätern zuzuordnen und Schadensersatz fordern zu können.
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