Janine Gallisch aus Lütgendortmund hat bei Wettkämpfen in Berlin und Hamm ordentlich abgeräumt. Uns hat sie erzählt, was sie noch erreichen möchte - und, was es bedeutet, blind zu schwimmen.

Lütgendortmund

, 20.07.2019, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Janine Gallisch (37) ihre Schwimmbrille aufsetzt, sieht sie schwarz. Kein Wasser, kein Schwimmbecken, keine Bahn. Die 37-jährige Lütgendortmunderin ist auf dem rechten Auge blind. Mit dem Linken kann sie noch Farben und Licht erkennen. „Mein linkes Auge ist inzwischen so schlecht, dass ich in der Schwimmklasse S11 starte“, erklärt Janine Gallisch. S11 bedeutet blind.

S11-Schwimmer tragen Brillen mit vollkommen undurchsichtigen Gläsern. So haben alle die gleiche Chance auf den Sieg. Und die hat Janine Gallisch in diesem Jahr schon gut genutzt. Bei den IDM (Internationale Deutsche Meisterschaften im Schwimmen für Menschen mit Behinderung) in Berlin hat sie Gold auf 50 Metern Brustschwimmen geholt - und das, obwohl sie erst seit zwei Jahren wieder aktiv schwimmt.

Janine Gallisch schwimmt Rekordzeiten in Berlin und Hamm

Auf 200 Metern hat die Lütgendortmunderin sogar noch einen draufgesetzt: „Ich bin die neue deutsche Bestzeit in meiner Klasse geschwommen.“ Ein Rekord, der nicht lange hielt. Nur einen Monat später überholte Janine Gallisch sich selbst bei den Landesmeisterschaften des Behinderten und Rehabilitationssportverbandes NRW. „Und einen Rekord auf 200 Metern Schmetterling habe ich auch aufgestellt - den gab es vorher gar nicht“, sagt die 37-Jährige und lacht.

Medaillenflut für die blinde Schwimmerin Janine Gallisch: „Ich will noch mehr erreichen“

So sehen Janine Gallischs Schwimmbrillen aus - komplett schwarz und undurchsichtig. © Carolin West

Von ihren Rekorden erfährt sie allerdings immer zeitverzögert. „Ich kann ja nicht einfach auf eine Tafel schauen und meine Zeit ablesen“, sagt Janine Gallisch, die auch fünffache Landesmeisterin geworden ist. „Mein Mann ruft sie mir dann zu.“ Ehemann Thorsten Gallisch unterstützt seine Frau bei den Wettkämpfen nicht nur mit Zurufen oder mental. Er übernimmt auch eine wichtige Aufgabe am Beckenrand.

Janine Gallisch: „Als blinder Schwimmer muss man abgehärtet sein“

Denn genauso wenig wie die Tafel am Beckenrand kann Janine Gallisch die Beckenwand sehen. Deshalb benötigt sie die Hilfe von zwei „Tappern“, die jeweils an einem Ende der Bahn stehen. Mit Angelrouten, die Dank Panzertape etwas weicher sind, berühren die Tapper Janine Gallisch an Kopf, Rücken oder Schulter. „So weiß ich, wann ich wenden muss“, sagt die Schwimmerin. „Mein Mann ist der eine Tapper und einen zweiten muss ich mir spontan suchen.“

Medaillenflut für die blinde Schwimmerin Janine Gallisch: „Ich will noch mehr erreichen“

Mithilfe dieser Teleskopstangen erfährt die Schwimmerin, wann sie wenden muss. © Carolin West

Zu den Seiten orientiert sich Janine Gallisch an den Leinen im Wasser. „Aber als blinder Schwimmer muss man abgehärtet sein“, sagt sie. In manchen Bädern werden anstelle der Leinen Wellenbrecher verwendet. „Daran habe ich mich schon häufig verletzt“, erzählt Janine Gallisch. „Und bei meinem ersten Wettkampf, als ich noch keine Tapper hatte, bin ich auch vor die Wand geschwommen.“

Die Para-Schwimmerin trainiert mit Kindern

Etwas, das ihr in bekannten Schwimmbecken nicht passiert. „Beim Training mit dem TV Grüne Linde Lütgendortmund oder mit meinem Einzeltrainer habe ich keine Tapper. Ich kann meine Schwimmzüge zählen“, sagt Janine Gallisch, die bei Wettkämpfen für die SG Dortmund startet. „Nur hier und da helfen mir mal die Kinder und klopfen mit Schwimmbrettern auf meinen Kopf.“

Medaillenflut für die blinde Schwimmerin Janine Gallisch: „Ich will noch mehr erreichen“

Über 200 Meter Brust ist Janine Gallisch im deutschen Behindertensport derzeit unschlagbar. © Privat

Die erfolgreiche Para-Schwimmerin trainiert mit Kindern? „Für meine Altersklasse gibt es nichts“, erklärt Janine Gallisch, die selbst zweifache Mutter ist. „Aber ich bin da vollkommen akzeptiert - auch, weil ich manchmal etwas ausgebe, wenn ich beim Training aus Versehen allen im Vorbeischwimmen einen mitgegeben habe.“

Schwimmen ist Janine Gallischs Herausforderung

Sie selbst hat auch früh mit dem Schwimmen angefangen. Im Alter von fünf Jahren meldeten ihre Eltern sie beim TV Grüne Linde an. Gut sieben Jahre später war mit dem Schwimmen erst einmal Schluss.

Medaillenflut für die blinde Schwimmerin Janine Gallisch: „Ich will noch mehr erreichen“

Janine Gallisch mit ihren Medaillen von der Landesmeisterschaft in Hamm. © Privat

„Ich hatte unzählige Operationen, um meinen Sehrest auf dem linken Auge so lange wie möglich zu erhalten“, erklärt Janine Gallisch. „Da durfte ich nicht ins Wasser.“ Ihre Leidenschaft hat sie dann vor gut 12 Jahren wieder entdeckt und mit dem Torballspielen angefangen. Inzwischen spielt sie erfolgreich für den BVB und die Nationalmannschaft. Seit zwei Jahren schwimmt sie wieder. „Schwimmen ist meine wieder entdeckte Herausforderung“, sagt Janine Gallisch. „Ich trainiere bis zu sechs Mal pro Woche. Schließlich will ich noch mehr erreichen als bisher.“

„Als alter behinderter Sportler hat man kaum Chancen“

Janine Gallisch träumt von den Paralympics. Doch sich in ihrem Alter so weit nach oben zu schwimmen, sei schwierig. Die meisten seien spätestens mit 18 Jahren Teil eines Kaders. „Es als Sportler weit zu bringen, ist immer schwierig“, sagt die Schwimmerin. „Als behinderter Sportler ist es noch schwieriger und als alter behinderter Sportler hat man kaum Chancen.“

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So schwimmt man blind

Was sie vor allem brauche, um weiterzukommen, sei mehr individuelle Unterstützung. „Es lastet zum Beispiel ein unglaublicher Druck auf mir, wenn ich erst kurz vorm Wettkampf weiß, wer mein zweiter Tapper ist“, sagt Janine Gallisch. Zudem sei der Sport teuer. Allein ein Wettkampfbadeanzug, der nur fünf bis zehn Starts „überlebt“, kostet 300-400 Euro. Hinzu kommen Trainingsbadeanzüge, Anfahrts- und Hotelkosten bei Wettkämpfen sowie die speziellen Schwimmbrillen. In einem Kader würden diese Kosten größtenteils übernommen werden.

Janine Gallisch will andere motivieren

Und obwohl nicht immer alles einfach ist, möchte Janine Gallisch vor allem eins: Andere Menschen mit Behinderung zum Sport motivieren. Eine größere gemischte Trainingsgruppe würde ihr gefallen. „Inklusion ist mir sehr wichtig, ich sehe ja, dass es klappt. Es sollten einfach mehr Menschen mit Behinderung mutig sein und auch zum Beispiel zu einem Schwimmverein gehen.“

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