Jugendarbeitslosigkeit steigt um 34 Prozent im Jahresvergleich

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Durch Corona ist die Jugendarbeitslosigkeit gestiegen. Nachdem Lehrstellenbörsen und Berufsberatungen ausfielen, gibt es jetzt wieder alle Hilfen zum Berufseinstieg. Bewerbungen lohnen sich.

Dortmund

, 17.07.2020, 05:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hinter Anna Markmann und Heike Bettermann liegen Monate, in denen ihnen die Hände gebunden waren. Corona-bedingt mussten die Leiterin der Arbeitsvermittlung beim Jobcenter und die Chefin der Arbeitsagentur ihren Unterstützungsmotor für alle Jugendlichen, die in Dortmund am Übergang von Schule und Beruf stehen, abwürgen. Die Folgen sehen sie jetzt beim Blick in die Arbeitsmarktdaten.

Die Jugendarbeitslosigkeit war Ende Juni deutlich höher als zur gleichen Zeit des Vorjahres. „Die Zahl von 3571 arbeitslosen Jugendlichen und Heranwachsenden unter 25 Jahren bedeutet gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um 34 Prozent. Das macht uns Sorge“, sagen Anna Markmann und Heike Bettermann. Sie stellen fest, dass etliche Betriebe ihre Azubis nicht übernehmen und gleichzeitig viele Schulabgänger einen Ausbildungsbeginn in diesem Jahr schon abgehakt haben. An Letztere appellieren sie, die Flinte noch nicht ins Korn zu werfen und sich auch jetzt noch um einen Ausbildungsplatz zu bewerben.

Heike Bettermann (l.), die Leiterin der Arbeitsagentur, und Anna Markmann, die Leiterin der Arbeitsvermittlung beim Jobcenter, appellieren an alle Ausbildungsplatzsuchenden, sich zu bewerben. Auch im November könne noch eine Ausbildung begonnen werden.

Heike Bettermann (l.), die Leiterin der Arbeitsagentur, und Anna Markmann, die Leiterin der Arbeitsvermittlung beim Jobcenter, appellieren an alle Ausbildungsplatzsuchenden, sich zu bewerben. Auch im November könne noch eine Ausbildung begonnen werden. © Peter Wulle

Wie schnell man eine Lehrstelle ergattern kann, zeigt das Beispiel von Max B. aus Scharnhorst. Der 21-Jährige hat sein Studium abgebrochen und hat erst in diesem Monat mit Unterstützung der Arbeitsagentur begonnen, einen Ausbildungsplatz zu suchen. „Das hat geklappt. Ich hatte schnell ein Vorstellungsgespräch und mache nun ab dem 1. August eine Ausbildung zum Kaufmann in einem Einzelhandelsbetrieb in Brackel“, erzählt Max B.

Zurückhaltung auf der Bewerberseite

Klar ist allerdings auch, dass Bewerber wie Max in vielen Wirtschaftsbereichen auf einen angespannten Ausbildungsmarkt treffen können. Die Corona-Pandemie hat zum Beispiel in Industriebetrieben deutliche Spuren hinterlassen. Mangelnde Kapazitätsauslastung durch Absatzeinbrüche und unterbrochene Lieferketten führen zu Kurzarbeit. Dazu erschweren die notwendigen Abstandsregeln und Hygienevorschriften die Arbeitsorganisation. Unternehmen prüfen, aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage das Ausbildungsplatzangebot zu reduzieren. Das hat zum Beispiel eine Umfrage des Unternehmensverbandes Metall NRW im Juni gezeigt.

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Während von der Bundesregierung vor diesem Hintergrund für Firmen finanzielle Anreize geschaffen werden, gilt es laut Heike Bettermann und Anna Markmann auch, die spürbare Zurückhaltung auf der Bewerberseite zu lösen. Diese ist wahrscheinlich auf die pandemiebedingt fehlende Übergangsgestaltung an den Schulen und die ausgefallenen üblichen Präsenzveranstaltungen wie Ausbildungsbörsen und Berufswahlmessen zurückzuführen, meint Arbeitsagentur-Chefin Heike Bettermann. Das Beispiel von Max zeige, dass das Ausbildungsjahr 2020 noch zu retten ist. „Unsere Unterstützungsangebote laufen wieder auf Hochtouren. Es ist Zeit, die Zurückhaltung aufzugeben. Es ist noch ganz viel möglich“, sagt sie und fügt an: „Wir haben aktuell mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Das ist für Dortmund einmalig.“

Das stützt auch eine Nachricht der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund. Danach sind trotz Corona allein in der IHK-Lehrstellenbörse mehr als 800 freie Ausbildungsplätze registriert. Dirk Vohwinkel, der Leiter der IHK-Ausbildungsberatung, sagt: „Wer jetzt nicht ausbildet, dem fehlen in Zukunft die Fachkräfte. Wenn irgendwie möglich, lassen sich die Unternehmen deshalb auch von Corona nicht von der Ausbildung abbringen.“ So stellen nach IHK-Angaben 86 Prozent der Unternehmen in Dortmund, Hamm und im Kreis Unna im ursprünglich geplanten Umfang Ausbildungsplätze zur Verfügung. 3,6 Prozent wollen sogar mehr Ausbildungsplätze als geplant anbieten.

Ausbildungsstart auch im November möglich

Auch von der Handwerkskammer Dortmund kommt Ermutigendes. Sie zählt in ihrem Kammerbezirk noch 917 unbesetzte Lehrstellen. Das hat nicht zuletzt mit den anfänglichen Unsicherheiten bei vielen Jugendlichen zu Beginn der Corona-Pandemie zu tun. Umso mehr lohnt sich ein Blick in die Lehrstellenbörse der Handwerkskammer (HWK) Dortmund: In allen Regionen des Kammerbezirks und in unterschiedlichsten Branchen werden noch Auszubildende gesucht.

„Gerade in Corona-Zeiten ist es gut zu wissen, dass die Ausbildung nicht zwingend zum 1. August oder September des Jahres aufgenommen werden muss“, sagt Tobias Schmidt, Leiter der HWK-Ausbildungsberatung und Lehrstellenvermittlung. Vielmehr sei es möglich, auch am 1. Oktober oder sogar erst im November zu starten.

Das unterstreicht auch Anna Markmann vom Jobcenter. Sie appelliert an die Jugendlichen und deren Eltern, Kontakt zum Beispiel zum Jugend-Berufshaus aufzunehmen. Das ist die gemeinsam von Jobcenter und Arbeitsagentur eingerichtete Anlaufstelle für alle unter 25-Jährigen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. „Beide Häuser bieten viele Orientierungsmöglichkeiten. Die Vermittlung läuft jetzt voll an. Außerdem kann ich jedem nur ans Herz legen, auch eigenständig auf die Wunschbetriebe zuzugehen“, so Heike Bettermann.

Ausbildungsprämie soll Anreiz schaffen

Was die Chancen von Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz ebenfalls noch erhöhen soll, ist eine jüngst in Berlin beschlossene Ausbildungsprämie (2000 bzw. 3000 Euro pro Ausbildungsvertrag), zu der sich die Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Poschmann äußert. „Die Prämie ist gerade für kleine und mittlere Betriebe eine wichtige Unterstützung und ein Anreiz, auch in der aktuellen Krise weiter in Ausbildung und damit in die Zukunft ihres Unternehmens zu investieren“, sagt die Sozialdemokratin.

Ausbildung

Hier können sich Jugendliche informieren

  • Die Berater im Jugendberufshaus an der Steinstraße 39 starten ab August wieder mit Veranstaltungen in Präsenzform, um Bewerber und Arbeitgeber zusammenzubringen.
  • Dortmunder unter 25 Jahren mit beruflichen Fragen können sich montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr an das Jugendberufshaus wenden unter Tel. (0231) 842 9800 oder per E-Mail an kontakt@jbh-do.de
  • Auf der Webseite jugendberufshaus-dortmund.de ist ein Veranstaltungskalender mit allen aktuellen Veranstaltungen im Jugendberufshaus.
  • Das regionalen Bildungsbüro vom Fachbereich Schule der Stadt Dortmund informiert im Internet über Ausbildungsplätze und Unternehmen in Dortmund: www.dortmundatwork.de
  • Der Arbeitgeberservice berät Arbeitgeber, die einen Berufsanfänger oder Azubi einstellen wollen, und gewährt auch Lohnzuschüsse.
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