„Mittelalterliche Reihenhaussiedlung“ – Geht Gaudium und Corona?

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Das „Mengede Mittelalterlich Gaudium“ ist ein Hotspot im Stadtbezirk – ein Mordsspaß für Mitwirkende und Besucher. Noch ist es nicht abgesagt. Aber geht das überhaupt – Gaudium und Corona?

Mengede

, 16.05.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sepp Egerer ist eines der unzähligen Originale des Mengede Mittelalterlich Gaudiums. Egerer ist Pädagoge, Schauspieler, Clown – und Hofnarr in Neuburg am Inn. Seit Jahren kommt er mit Ehefrau Kerstin aus Bayern in den Volksgarten.

Sie unterhalten die Kinder mit Theater und Geschichten. Und die Erwachsenen mit StandUp-Comedy. Da sitzt Sepp mit Gitarre singend in einem Holzkarren und treibt seine Kerstin beim Ziehen an. Die Besucher bleiben stehen. Pulks bilden sich. Spontane Wortwechsel. Gaudium: Die Festwiese wird zur spontanen Bühne.

Seit jeher Mindestabstand durch Absperrseile

„Seid gegrüßt Volk von Mengede - seid nicht betrübt - es handelt sich nicht um eine Großveranstaltung, sondern um ein nebeneinander Wohnen von Familienmitgliedern und das wird ja wohl nicht verboten sein - zu wohnen.“

Das schreibt Sepp Egerer am 16. April in die Facebook-Gruppe des Gaudiums. „Im Prinzip ist es eine Art Reihenhaussiedlung – die Mindestabstände wurden von jeher durch Absperrseile sichergestellt.“

Kerstin und Sepp Egerer kommen in jedem Jahr aus Neuburg am Inn zum Gaudium in den Volksgarten. Die Festwiese ist ihre Bühne.

Kerstin und Sepp Egerer kommen in jedem Jahr aus Neuburg am Inn zum Gaudium in den Volksgarten. Die Festwiese ist ihre Bühne. © Stephan Schütze

Sepp Egerer schreibt wie er leibt und lebt. Und er trifft das Flair. Denn das Gaudium ist nicht einfach nur ein Markt, von denen es viele gibt. Mal ganz abgesehen von tausenden Besuchern: In Mengede leben in jedem Frühsommer hunderte von Mittelalter-Fans für knapp eine Woche in Lagern zusammen.

Musikanten spielen in Tavernen auf

35 Lager waren es im vergangenen Jahr. Jedes ist eine Wohngemeinschaft – mit Schlafzelten und gemeinsamer Küche, Wohn- und Esszimmer unter einer Plane in der Mitte. Mittelalter-Vereine, einzelne Familien und Paare feiern hier Wiedersehen und tauchen ab. Familiäre Nähe prägt die verschworene Gemeinschaft.

Gemeinsam leben, feiern und dem Alltag entschwinden: Das Flair der Lager ist die Kulisse des Mengeder Gaudiums.

Gemeinsam leben, feiern und dem Alltag entschwinden: Das Flair der Lager ist die Kulisse des Mengeder Gaudiums. © Stephan Schütze

Die Absperrseile verhindern, dass Besucher durch die „Wohnzimmer“ laufen und in die Privatsphäre eindringen. Zutritt nur auf Einladung – auf einen Becher Bier oder Met. Diese Lager bilden die Kulisse für das Gaudium. Sie machen seine Authentizität aus. Hier ist der nicht-kommerzielle Charakter des Festes greifbar.

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„Und nun laßt die Becher krachen und gemeinsam übers Virus lachen. Musik!!! Virus Viator aufgehts“, postet Sepp Egerer in seiner eigenen Art. Die Becher krachen zwischen den Tavernen und Verpflegungsständen. In den Schwaden der Grillfeuer und den anregenden Düften der Speisen lassen sich Musikanten wie „Verus Viator“ oder „Pummelelfen“ nieder.

Ob Mitwirkende, Wirtsleute, Lagerer oder Besucher: Hier singt und feiert das „mittelalterliche Volk“. Vielmehr noch als das Bühnenprogramm sind es diese spontanen – und dann kaum endenden – Einlagen, die die Stimmung prägen. Auch hier: Nähe ist im wörtlichen Sinn unausweichlich. Stattdessen 1,50 Meter Abstand an den Tischen?

Webt Tandaniel Geschichten mit Mundschutz?

Distanz ließe sich wahrscheinlich noch am ehesten beim täglichen Umzug über den Festplatz herstellen – auch wenn die Aufstellreihe wohl bis zum Kunstrasenplatz weit hinter der Festwiese reichen würde. Jeder Zug endet mit der Versammlung vor der Bühne. Geschichtenweber „pSychO Tandaniel“ präsentiert lautstark die Mitwirkenden – im Corona-Sommer mit Mundschutz?

Finales Spektakel ist der Pestzug in der Nacht. Das schaurig-schöne Schauspiel erinnert an die Geißel des Mittelalters. Er hätte in 2020 eine besondere Bedeutung.

Finales Spektakel ist der Pestzug in der Nacht. Das schaurig-schöne Schauspiel erinnert an die Geißel des Mittelalters. Er hätte in 2020 eine besondere Bedeutung. © Uwe von Schirp

Natürlich ließe sich organisatorisch viel regeln: Zugangskontrollen etwa, um die Besucherzahl einzugrenzen. Oder Hygiene-Auflagen an Verpflegungs- und Schankständen. All das aber verursacht Kosten und Aufwand. Das Gaudium kostet keinen Eintritt. Die Organisatoren investieren unentgeltlich und privat viel Zeit.

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Dennoch ist es richtig, erst alle Optionen zu prüfen. Die Sehnsucht vieler Menschen nach dem alljährlichen Treiben ist nicht nur in Sozialen Netzwerken spürbar.

Das Mengeder Mittelalterlich Gaudium ist letztlich auch ein Stück Freiheit in dieser eingeschränkten Zeit. Sepp Egerer schreibt: „Wir freuen uns auf ein Wiedersehn.“ Das bleibt anzuwarten – gegebenenfalls erst 2021.

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