Warum die Freilassung eines mutmaßlichen Mörders nur schwer zu ertragen ist

mlzMordfall Nicole Schalla

25 Jahre hat es gedauert, bis er gefasst wurde. Jetzt ist der mutmaßliche Mörder der Dortmunder Schülerin Nicole-Denise Schalla wieder frei. Eine unerträgliche Vorstellung. Ein Kommentar.

Dortmund

, 24.07.2020, 13:29 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dass der mutmaßliche Mörder der Dortmunder Schülerin Nicole-Denise Schalla wieder auf freiem Fuß ist, ist eine unerträgliche Vorstellung. So etwas gibt es auch eigentlich nicht. Höchstens mal bei Jugendlichen.

Wer im dringenden Verdacht steht (so wie hier), einen Menschen ermordet zu haben, muss grundsätzlich in Untersuchungshaft. Allein schon wegen der Fluchtgefahr. Wer eine lebenslange Freiheitsstrafe zu befürchten hat, könnte schließlich schnell auf den Gedanken kommen, unterzutauchen. Das gilt hier sogar ganz besonders. Wenn Ralf H. – massiv vorbestraft - erneut verurteilt wird, wird der 54-Jährige wohl nie mehr auf freien Fuß kommen. Zumindest nicht als gesunder Mann.

Hätte man früher wieder verhandeln müssen?

Aber wer hat Schuld daran, dass er jetzt völlig überraschend aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist? Die Dortmunder Richter, sagt das Oberlandesgericht Hamm. Und ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Seit 2018 wurde gegen Ralf H. verhandelt, Anfang 2020 ist der Prozess geplatzt. Eine Richterin war erkrankt. Da kann man natürlich nichts machen. Aber man hätte vielleicht früher wieder anfangen können.

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Der Angeklagte hatte Anfang April schon einmal beantragt, ihn aus der U-Haft zu entlassen. Damals hatten die Richter in Hamm noch abgelehnt. Weil sie davon ausgegangen waren, so heißt es jetzt in einer Mitteilung, dass der Prozess am 20. April wieder losgeht. Doch genau das ist nicht passiert. Wobei natürlich auch Corona eine Rolle gespielt hat. Außerdem mussten Richter ausgetauscht werden, es gab einen neuen Verteidiger, Post verschwand. Doch damit hat Ralf H. ja nichts zu tun.

Was, wenn Ralf H. jetzt flüchtet?

Jeder Angeklagte, der in Untersuchungshaft sitzt, hat ein Recht darauf, dass sein Fall zügig verhandelt wird. So steht es in der Strafprozessordnung. Und wenn das nicht passiert, droht die Entlassung. Weil die Untersuchungshaft dann nicht mehr verhältnismäßig sei. Mit dieser Gefahr hätte man am Dortmunder Landgericht trotz der ganzen Besonderheiten und trotz guter Gründe dann wohl doch rechnen müssen.

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Aber trotzdem: Hätte man nicht noch zwei Wochen warten können, bis der Prozess wieder anfängt? Was, wenn Ralf H., der erst 25 Jahre nach der Tat durch eine nachträgliche DNA-Auswertung gefasst wurde, nun tatsächlich flüchtet? Die Eltern der 1993 ermordeten Nicole-Denise Schalla würden sicherlich jedes Vertrauen in die Justiz verlieren. Und das wäre absolut nachvollziehbar.

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