Mutter sucht ihren vermissten Sohn in halb Europa – auch in Dortmund

mlzSuchanzeige in der City

An einer Laterne in Dortmunds City hängt ein Zettel, mit dem ein junger Mann gesucht wird. Dahinter steckt ein Vermisstenfall, der eine verzweifelte Mutter durch halb Europa führt.

Dortmund

, 07.11.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist der 31. Oktober 2016 als Sidney Lute das Haus im niederländischen Assendelft nördlich von Amsterdam verlässt, wo er mit seinem Vater lebt. Der 19-Jährige hat kurz zuvor seinen Nebenjob in einem Fast-Food-Restaurant gekündigt. Er mache Urlaub, hat er seiner Mutter geschrieben – die Eltern sind schon länger getrennt. Dann verschwindet er.

Mehr als vier Jahre später taucht Sidney auf dem Westenhellweg in Dortmund auf. Zwischen Saturn und Petrikirche blickt er – keinen Tag gealtert – von mehreren Bildern auf einem laminierten, an einer Laterne befestigten Plakat die Passanten an. Sanfte Gesichtszüge, kurzes braunes Haar, ein noch unvollständiger Bartflaum, ein leicht schüchterner Blick.

Mutter lobt 10.000 Euro Belohnung für Hinweise auf Sidney aus

Darunter eine Art Steckbrief samt Alter, Größe, der Art seiner Kleidung, der Farbe seines Rucksacks, offensichtlich mit einem Online-Programm aus dem Niederländischen übersetzt – und schließlich Kontaktdaten, eine Telefonnummer mit niederländischer Vorwahl und zwei Mail-Adressen, eingeleitet vom Satz „Falls sie informationen über diesen jungen mann haben kontaktieren sie bitte...“ 10.000 Euro Belohnung werden ausgelobt.

Das Vermissten-Plakat hat Sidneys Mutter Natasja Alderliefste entworfen. Sie sucht zusammen mit ihrer Familie, Freunden, Bekannten und auch der Polizei seit Jahren nach Sidney. Eine Anfrage unserer Redaktion an sie bleibt unbeantwortet, doch hat sie ihre Geschichte schon mehrfach verschiedenen Medien erzählt, zuletzt dem niederländischen Nachrichtenportal „RTL Nieuws“ in einem bewegenden Porträt.

Sidney Lute ist seit 2016 verschwunden. „Er könnte überall sein“, sagt seine Mutter.

Sidney Lute ist seit 2016 verschwunden. „Er könnte überall sein“, sagt seine Mutter. © Polizei Noord-Holland

Als Sidney ihr Ende Oktober 2016 schreibt, dass er jetzt im Urlaub sei, macht sich Natasja erst einmal keine Sorgen: Er ist ein zurückgezogener junger Mann, dessen Bewerbung bei der niederländischen Armee gerade abgelehnt worden ist. Mal rauszukommen in die Natur, die er liebt, werde ihm gut tun, denkt sich Natasja.

Doch er verrät niemandem, wo er ist. Auf Fragen antwortet er immer nur mit „irgendwo in Europa“, erzählt Natasja später der französischen Zeitung „L’Alsace“. Ermittlungen der Polizei ergeben im Nachhinein, dass er sich in zwei Ferienparks in den Niederlanden aufhält.

Bei Whatsapp gibt es nur noch einen Haken

Ende November reißt dann der Kontakt ab. Whatsapp-Nachrichten seiner Familie an ihn haben nur noch einen Haken, sie werden also nicht auf der Gegenseite empfangen.

Später findet Natasja heraus, dass Sidney noch von Zuhause aus ein Bahnticket nach Colmar am Rande der französischen Vogesen gekauft hat. Im Suchverlauf auf seinem Computer zuhause findet sich ein Wanderweg von Colmar zu einem leeren Krankenhaus in der Gegend.

Das Ticket gilt für den 10. Dezember 2016. An diesem Tag ist laut Polizei-Ermittlungen auch Sidneys Handy das letzte Mal aktiv, in Straßburg, rund 50 Kilometer nördlich von Colmar. Es ist das letzte Lebenszeichen Sidneys, das seine Familie und die Behörden von ihm haben.

Die Mittel der Polizei sind begrenzt

Als sie nichts von Sidney hören, meldet ihn seine Familie bei der Polizei Mitte Dezember als vermisst: Doch da Sidney volljährig ist und es keinerlei Anzeichen gibt, dass er selbstmordgefährdet oder Opfer einer Straftat ist, sind die Mittel der Behörden begrenzt. Rein rechtlich will die Polizei nur Sidney Lutes aktuelle Anschrift wissen. Ein erwachsener Mensch hat das Recht, zu verschwinden.

Damit gibt sich Natajsa nicht zufrieden. Allein im ersten Jahr nach seinem Verschwinden reist sie acht Mal in die Vogesen und sucht ihn selbst. Sie organisiert niederländische Suchhund-Trupps, macht den Fall in niederländischen und französischen Medien bekannt, verteilt Such-Flyer – ohne Erfolg.

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Mit der Zeit weitet Natasja die Suche immer mehr aus. Sie spielt alle Szenarien durch: Ist Sidney im Zug eingeschlafen? Dann müsste er in der Schweiz gelandet sein. Also reist sie dorthin. Als auch das nichts bringt, sucht sie in Belgien und Portugal. Überall hinterlässt sie Plakate wie jenes am Westenhellweg. „Er könnte überall sein“, sagte sie im September „RTL Nieuws“.

Schließlich führt sie ihr Weg auch nach Deutschland. Im Sommer 2020 ist sie im Schwarzwald unterwegs – ein Paar hat dort einen mageren Jungen gesehen, der sie an Sidney erinnert hat. Jedes Jahr bekommt Natasja etwa fünf solcher Tipps.

Ob einer dieser Hinweise sie nach Dortmund geführt hat, ob sie nur auf der Durchreise war oder gar jemand ganz anderes das Suchplakat am Westenhellweg aufgehängt hat, ist nicht bekannt. Die Dortmunder Polizei weiß jedenfalls von keiner Verbindung von Sidney in die Stadt.

Die Familie lebt „zwischen Hoffnung und Angst“

Die für den Fall zuständige Polizeibehörde in Nord-Holland schreibt auf Anfrage unserer Redaktion, dass Deutschland als Aufenthaltsort von Sidney „eine Option“ sei, aber „kein bestimmtes Suchgebiet“. „Wir bekommen auch Tipps aus Deutschland“, so Polizeisprecher Erwin Sintenie, „wir können nicht ausschließen, dass Sidney in Deutschland ist oder gewesen ist.“ Dortmund erwähnt er nicht.

Momentan gibt es weder Beweise dafür, dass Sidney noch lebt, aber eben auch nicht dafür, dass er tot ist, sagt die Polizei. Man suche Sidney noch immer, betont Sintenie – genau wie Sidneys Familie: „Sie lebt zwischen Hoffnung und Angst. Die Unsicherheit ist für sie schrecklich.“

Bis sich das ändert, wird Natasja weiter durch halb Europa reisen: „Wenn nötig, werde ich für immer weiter suchen.“

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