Nach 60 Jahren: Mysteriöses Armband kehrt zu seinem Besitzer zurück

mlzTrödelmarkt-Fund

Hardy Bange verlor Anfang der 1960er-Jahre ein Schmuckstück. Jetzt hat er es in Dortmund zurückbekommen. Bei der Übergabe gab es viel zu erzählen. Nur eine Frage ist noch offen.

Dortmund

, 21.06.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manchmal mag man nicht so recht an Zufälle glauben, da erscheint der Begriff „Schicksal“ irgendwie passender. Denn objektiv betrachtet ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Jugendlicher Anfang der 1960er-Jahre sein heiß geliebtes Armband in einem Park verliert und das Schmuckstück knapp 60 Jahre später auf wundersame Weise auf einem Flohmarkt wieder auftaucht.

Dortmunder mit bewegendem Lebenslauf

Doch damit nicht genug: Ein Trödelmarkt-Besucher bemerkt zunächst gar nicht, dass er das Armband gekauft hat, recherchiert dann aber mühsam dessen Geschichte. Dabei stößt er auf den bewegenden Lebenslauf eines Dortmunders und sorgt letztlich dafür, dass das Schmuckstück seinem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden kann. Klingt wie der Stoff für einen Roman, hat sich aber genau so zugetragen.

Der junge Hardy in den 1950er-Jahren mit seinem Onkel Edwin Pelz (l.) und seinem Vater (r.).

Der junge Hardy in den 1950er-Jahren mit seinem Onkel Edwin Pelz (l.) und seinem Vater (r.). © Privat

Hardy Bange ist ein echter Dortmunder Junge: Aufgewachsen in der Lindemannstraße im Kreuzviertel, besaß der heute 72-Jährige als Kind einen großen Verwandtenkreis in der Bier- und Kohlestadt. Dazu gehörte seinerzeit auch Onkel Edwin Pelz, als Chefportier im Vorzeige-Hotel „Römischer Kaiser“ eine durchaus illustre Persönlichkeit mit Kontakten zu zahlreichen Prominenten wie Albert Schweitzer, Louis Armstrong oder Konrad Adenauer.

Kriegsgefangener in den USA

Jener Onkel Edwin hatte als Kriegsgefangener zwei Jahre in den USA verbracht und besaß seither ein silbernes Armband, auf dessen Platte neben seinem Namen auch „1944 46 Memphis USA“ sowie ein Indianerkopf eingraviert waren. „Als Kind haben mich das Armband und die Geschichten meines Onkels über die Kriegsgefangenschaft immer total fasziniert“, erinnert sich Bange an seine Kindheit und Jugend.

Wie gut dem Neffen das Schmuckstück mit dem Indianer gefiel, blieb Edwin Pelz offenbar nicht verborgen. „Irgendwann Ende der 50er-Jahre hat er es mir dann geschenkt“, erzählt Bange lachend, „da war ich mächtig stolz.“

Als Teenager spielte Hardy Bange Schlagzeug und trug dabei - wie auf diesem Foto - das später lange vermisste Armband.

Als Teenager spielte Hardy Bange Schlagzeug und trug dabei - wie auf diesem Foto - das später lange vermisste Armband. © Privat

Fortan trug er das schwere Stück stets am linken Handgelenk; so auch an jenem Tag in den frühen 1960er-Jahren, als er mit Freunden im Westfalenpark unterwegs war. Doch dann der Schreck: Das Armband war plötzlich nicht mehr da, der junge Hardy hatte es verloren. „Ich hab‘ im Park gesucht und gesucht, doch es blieb verschwunden“, beschreibt der 72-Jährige seinen vorerst letzten Tag mit dem Schmuckstück.

Fundort: Trödelmarkt auf Zeche Germania in Marten

Zeitsprung und Szenenwechsel: Im Jahr 2019 entdeckte der Hombrucher Friedhelm Schoppe auf einem Trödelmarkt an der Martener Zeche Germania eine Zigarrenkiste, die ihm gut gefiel. Mitsamt der Kiste erwarb er auch deren Inhalt - einen Haufen rostiger Nägel. Wieder daheim, entleerte er das Holzkästchen, und wie aus dem Nichts kam inmitten der Nägel ein Armband zum Vorschein.

Schoppe reinigte das schwarz angelaufene Stück, stieß so auf eine Gravur - und was stand da geschrieben? Richtig: „Edwin Pelz 1944 46 Memphis USA“. Als geschichtlich interessierter Mensch wollte der Hombrucher unbedingt wissen, wer denn dieser Edwin Pelz war, und recherchierte deshalb ausgiebig im Internet.

Erfolgreiche Recherche führte nach Memphis

Und siehe da: In amerikanischen Zeitungen und Büchern wurde Pelz gleich mehrfach erwähnt. Schoppe erfuhr so, dass der Dortmunder 1944 als Kriegsgefangener nach Memphis gekommen war und 1946 in seine Heimatstadt zurückkehrte, wo er anschließend im Römischen Kaiser als Chefportier zahllose Prominente empfing.

Edwin Pelz (l.), der das Armband einst aus Memphis mitbrachte, empfing im Hotel Römischer Kaiser unter anderem Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Edwin Pelz (l.), der das Armband einst aus Memphis mitbrachte, empfing im Hotel Römischer Kaiser unter anderem Bundeskanzler Konrad Adenauer. © Privat

Außerdem las Schoppe in den amerikanischen Texten, dass Pelz die Stadt Memphis in sein Herz geschlossen hatte und gemeinsam mit Gattin Elisabeth 1975 noch einmal nach Tennessee zurückkehrte. Dort wurde er sogar vom Bürgermeister empfangen - 30 Jahre nach Kriegsende eine große Ehre.

Liebend gern hätte der Hombrucher das Armband dem ursprünglichen Besitzer zurückgegeben, doch Edwin Pelz - so stellte sich wenig später heraus - war bereits 1990 verstorben, ein Jahr nach seiner Ehefrau. Ein Happy End schien nicht in Sicht.

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Doch dann kam alles ganz anders. Da Friedhelm Schoppe die außergewöhnliche Geschichte den Ruhr Nachrichten erzählt hatte, nahm sie weiter ihren Lauf: Hardy Banges Schwester Rita Gelhard las den Artikel, traute laut eigener Aussage ihren Augen nicht und rief sofort ihren Bruder an, der schon lange in Düsseldorf lebt.

„Als mir meine Schwester von dem Armband erzählte, habe ich sofort gewusst: Das ist meins“, sagt Bange, dem die Freude ins Gesicht geschrieben steht. Denn rasch war der Kontakt zum Finder Friedhelm Schoppe hergestellt, der seinerseits glücklich war, das Armband nach fast 60 Jahren seinem Besitzer zurückgeben zu können.

Nach fast 60 Jahren kann Hardy Bange sein Armband wieder in Händen halten.

Nach fast 60 Jahren kann Hardy Bange sein Armband wieder in Händen halten. © Michael Schuh

Dafür trafen sich die beiden Männer, die am Telefon längst Freundschaft geschlossen hatten, nun in der Gaststätte „Zum Sauren“ am Hansaplatz. Bei Salzkuchen mit Mett und Pils kam schließlich der große Moment: Schoppe holte das Armband hervor und legte es Bange höchstpersönlich ums Handgelenk.

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Mysteriöses Armband findet den Weg nach Hause

Anfang der 1960er-Jahre verlor Hardy Bange sein heiß geliebtes Armband im Westfalenpark. Nun, fast 60 Jahre später, hat er das Schmuckstück dank der Recherche Friedhelm Schoppes endlich wieder. Und das Armband hat eine bewegte Geschichte: Sein erster Besitzer brachte es aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft mit und hatte anschließend regen Kontakt zu Prominenten von Weltruf.
17.06.2020
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Zum Treffen in der Gaststätte "Zum Sauren" kamen neben Hardy Bange und Friedhelm Schoppe auch Banges Frau Anna (h. l.) sowie seine Schwester Rita Gelhard mit Ehemann Peter.© Michael Schuh
Friedhelm Schoppe legte Hardy Bange das Armband höchstpersönlich ums Handgelenk.© Michael Schuh
Edwin Pelz mit Nobelpreisträger Albert Schweitzer.© Privat
Edwin Pelz empfängt die Münchner Lach- und Schießgesellschaft im Hotel Römischer Kaiser.© Privat
Franz Beckenbauer und Edwin Pelz - von Fans umringt.© Privat
Schauspiel-Ikone Lil Dagover plaudert mit Empfangschef Edwin Pelz.© Privat
Edwin Pelz begrüßt mit Mario Del Monaco einen Opernsänger von Weltruf.© Privat
Auch der weltberühmte Clown Oleg Popow übernachtete im Hotel Römischer Kaiser und checkte bei Edwin Pelz ein.© Privat
Nationalspieler Uwe Seeler gehörte zu den regelmäßigen Gästen im Römischen Kaiser.© Privat
Edwin Pelz als Empfangschef in den 1980er-Jahren.© Privat

„Friedhelm, du rührst mich“, lautete der erste Kommentar des sichtlich ergriffenen Bange, ehe er mit den Worten „Onkel Edwin“ lächelnd gen Himmel schaute. Schoppe selbst fand ironisch-freundliche Worte: „Hardy, du musst jetzt aber selbst auf das Armband aufpassen. Ich kann ja nicht immer hinter dir herlaufen und es zurückbringen.“

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Eine Frage bleibt offen

So endet diese Geschichte, bei der eine Frage wohl für immer offen bleibt: Wo befand sich das Armband in den vergangenen 60 Jahren? Aber vielleicht lässt sich auch dieses Rätsel noch lösen - wenn sich das Schicksal erneut der Sache annimmt.

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