Neonazi-Opfer wartet 26 Minuten auf die Polizei

Angriff in Dorstfeld

Die Opfer des Angriffs durch einen mutmaßlichen Neonazi mussten in der Nacht zu Sonntag 26 Minuten lang auf die Polizei warten. Der Grund: Sämtliche Streifen-Teams arbeiteten zur Tatzeit am Limit. Stadtweit war für den Einsatz in Dorstfeld kein Wagen frei.

DORSTFELD

von Von Peter Bandermann

, 01.10.2011, 07:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Tatort Dorstfeld: An der Wittener Straße / Sachsenwaldstraße konnten zwei Zeugen einen Messerangriff auf einen Afrikaner verhindern.

Tatort Dorstfeld: An der Wittener Straße / Sachsenwaldstraße konnten zwei Zeugen einen Messerangriff auf einen Afrikaner verhindern.

 Ein Mann hatte den aus Gambia stammenden 44-Jährigen auf der Wittener Straße / Sachsenwaldstraße angegriffen, ihm das Gesicht zerkratzt und zwei einschreitende Zeugen brutal attackiert. Der Angreifer konnte entkommen. Allerdings hat der Staatsschutz einen konkreten Verdacht und wertet Spuren aus.Schlüsselwörter wie „Messer“ oder „Reizgas“ nannte der Anrufer nicht. Bei akuter Gefahr kann die Polizei Prioritäten setzen und einen zuvor gemeldeten Einsatz abbrechen, um Kräfte schnell zu verlegen. Ein Mitschnitt des Gesprächs lässt erkennen: Der Mann hatte großen Druck. Denn der mit Reizgas und einem Messer bewaffnete Täter hatte einen der Helfer mit einem Fußtritt ausgeschaltet – der Mann lag bewusstlos am Boden. Einem zweiten Helfer sprühte der Neonazi Reizgas ins Gesicht.

 In diesen Augenblicken setzte der ebenfalls verletzte Afrikaner den Notruf ab. Das war um 1.43 Uhr. Der Leitstellen-Beamte hatte sofort einen Rettungswagen alarmiert und das automatisch erstellte Einsatzprotokoll mit einem Vermerk ergänzt, der auch die Personalsituation bei der Polizei beschreibt: „Streifenwagen nicht verfügbar.“  „Uns fehlt vor allem an Wochenenden das Personal“, erneuerte Peter Bauch-Schmidt von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) am Freitag die Kritik, dass die Reformen bei der Polizei viel bewegen, aber keine Arbeitskraft auf die Straße verschieben würden.

 Wenige Minuten nach dem ersten Anruf rief der Afrikaner erneut bei der Polizei an. Abermals blieb das Geschehen unklar. Erst um 1.57 Uhr korrigierte ein weiterer Zeuge den Tatort: Er nannte die Sachsenwaldstraße als Tatort und erkundigte sich, wo die Polizei bleibe. Und die war in dieser Nacht intensiv beschäftigt. Mit einem Suizidversuch, Randalierern beim Oktoberfest in Wischlingen, einem Raubeinsatz, Körperverletzungen, Ruhestörungen, Unfällen und in zwei Fällen auch mit Gewalt in der Familie. Erst um 2.08 Uhr traf die Polizei am Tatort Wittener Straße ein.

 Der Verlauf lässt nicht nur die dramatischen Minuten auf der Straße erahnen und nicht nur die Personalnot bei der Polizei erkennen, sondern offenbart ein weiteres Problem – nämlich das der fehlenden Zivilcourage: Mitten auf der Straße stand ein Taxi, aus dem die Helfer ausgestiegen waren, daneben lag ein Mann auf dem Boden. Viele Autos fuhren an dieser Szene vorbei. Der durch Reizgas verletzte Zeuge: „Aber niemand hat angehalten, um uns zu helfen.“ 

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