Als ein Verurteilter sein eigenes Gericht baute: U-Turm zeigt Roma-Fassaden

mlzUngewöhnliche Ausstellung

In Dortmunds größtem Kultur-Haus sind ab Samstag 17 besondere Mini-Gebäude zu sehen: Die neue Ausstellung „Faţadă/Fassade" im U-Turm zeigt überraschende Beispiele von Roma-Kunst.

von Daniel Reiners

Dortmund

, 23.10.2020, 17:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Ebene drei im Dortmunder U ähnelt seit Donnerstag (22.10.) in Form und Farbe einer bunten Kulturoase. Die Fassade des Ausstellungsraumes ist mit bunten, ornamentalen Farbmustern gestaltet, dazwischen finden sich Versatzstücke der Logos von Luxusfirmen.

Und auch im Inneren des Ausstellungsraumes geht es um das Thema Fassaden, oder, um es im Originalton zu sagen, um die: „Faţadă". Zu sehen sind 17 Häuser-Modelle, die in ausladenden Fassadenstilen gestaltet sind. Was ist der Hintergrund?

Roma-Fassadenkultur als Gegenentwurf zu deutschen Vorurteilen

Im Jahr 2016 hatte der Verein Interkultur Ruhr eine Einladung an Akteure aus der Roma-Community versandt. Erarbeitet werden sollte ein Projekt, das die Möglichkeiten einer neuen Präsenz für die Roma-Kultur im Dortmunder Stadtraum erkundet. Mit dem weit verbreiteten Bild dieser Kultur sehe man sich seitens des Vereins nämlich nicht einverstanden.

„Das Bild der Roma in Deutschland ist noch immer stark geprägt von Marginalisierung und Ausgrenzung. Es bestehen immer noch rassistische Vorurteile, etwa, dass Angehörige der Roma-Community keinen festen Wohnsitz und keine eigene Kultur hätten", sagt Fabian Saavedra-Lara von Interkultur Ruhr.

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Um diesen Vorurteilen einen Gegenentwurf zu entgegnen, habe man sich auf eine aus deutscher Sicht noch recht unbekannte Kulturform der Roma fokussiert: die Fassadengestaltung.

Im Rahmen des Projektes „Faţadă/Fassade" wurde 2018 eine Werkstadt an der Mallinckrodtstraße in der Dortmunder Nordstadt errichtet, die seither als Arbeits-, Forschungs- und Community-Ort betrieben wird. Innerhalb von zwei Jahren entstanden dort zahlreiche Miniatur-Modelle von Hausfassaden, die den Geist der, so viel sei vorab verraten, dekorationslastigen romaschen Architekturkultur widerspiegeln. Und auch in der realen Welt konnte in der folgenden Zeit ein Projekt realisiert werden. Einer der Entwürfe wurde im Sommer 2019 an einem Wohnhaus in der Schleswiger Straße 31 umgesetzt.

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Zu den Personen, die von Interkultur Ruhr eingeladen wurden, gehört etwa der international ausgezeichnete Projekt-Akteur Mathias Jud. Der hatte wiederum Freunde und Bekannte aus früheren Projekten um sich geschart - allesamt aus der Roma-Community stammend - und fortan mit ihnen an der Entwicklung solcher Bauformen gearbeitet.

Aufwändige Kuration mit Wandtafeln und Magazin

Im Jahr 2019 wurde dann auch Inke Arns vom Dortmunder Hartware Medienkunstverein auf das Projekt aufmerksam. Sie organisierte kurzerhand alles Nötige, um eine Ausstellung mit den besten Werken des Projektes zusammenzutragen. In den Räumlichkeiten des Dortmunder U wurden die Modelle dann aufwändig kuriert, etwa mit großen erklärenden Wandtafeln und einem erläuternden Magazin.

Im Inneren der Ausstellung sind 17 Modelle von Roma-Fassadenstilen zu sehen.

Im Inneren der Ausstellung sind 17 Modelle von Roma-Fassadenstilen zu sehen. © Daniel Reiners

Ein Ausstellungs-Beispiel: Im Jahr 1990 wurde Dan Finuțu in der rumänischen Stadt Caracal wegen Betrugs zu einer Haftstrafe verurteilt; und schwor den Richtern als Reaktion, eines Tages sein eigenes Gericht zu bauen. Das tatsächlich entstandene historische Resultat ist im Miniatur-Maßstab in der Ausstellung zu sehen.

„Wir wollen den Roma ein neues Selbstverständnis geben"

„Es ging uns um die Frage, wie eine bedrohte gesellschaftliche Gruppe ein eigenes Selbstverständnis und eine eigene Repräsentation entwickeln kann", sagt Jud. Mit dem Fokus auf die romasche Fassaden-Kultur habe man das Mittel der Wahl nun gefunden.

Eigentlich hätte die Ausstellung bereits im Mai eröffnet werden sollen. Das war aufgrund der Pandemie-Lage nicht möglich. Und auch der neu-geplante Eröffnungstag am Freitag (23.10.) wurde aufgrund der erneuten verschärften Corona-Schutzmaßnahmen abgesagt.

Trotzdem wird die Ausstellung ab Samstag (24.10.) zu den gewohnten Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Zur Sache

Ausstellung Faţadă/Fassade

  • Der Eintritt ist frei.
  • Die Öffnungszeiten sind ab Ausstellungs-Beginn (Samstag, 24.10.): Di-Mi von 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr, Do-Fr von 11:00 Uhr bis 20:00 Uhr sowie Sa-So & feiertags von 11:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Montags ist geschlossen.
  • Im gesamten Dortmunder U gelten die Corona-Hygienevorschriften (Maskenpflicht und Abstandsregelung).
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