Es gibt viele Fragen und Unsicherheiten nach der neuen Stiko-Empfehlung. Der Dortmunder Immunologe Prof. Dr. Carsten Watzl kann beruhigen. © Oliver Schaper (Archiv)
Dortmunder Immunologe

Neue Empfehlung Kreuzimpfung: Dortmunder Experte beantwortet wichtigste Fragen

Die Ständige Impfkommission des RKI empfiehlt die Kreuzimpfung, also erst Astrazeneca, dann mRNA. Doch was, wenn man zweimal Astrazeneca bekommen hat? Ein Dortmunder Experte kann beruhigen.

Zukünftig sollen alle Menschen, die mit einem Vektor-Impfstoff wie Astrazeneca geimpft wurden, als zweite Impfung einen mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna erhalten. Das ist die aktuelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Institutes (RKI).

Doch was bedeutet das für die vielen Menschen, die bereits vollständig mit einem Vektor-Impfstoff geimpft wurden? Dazu würden auch die Geimpften zählen, die Johnson & Johnson bekommen haben, für die man nur eine Dosis für einen vollen Impfschutz benötigt. Müssen die sich jetzt Sorgen machen? Prof. Dr. Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie im Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, hat beruhigende Antworten.

Wieso wurde die Empfehlung geändert?

Laut Immunologe Prof. Watzl sei durch eine Kreuzimpfung, also einer ersten Impfung mit Astrazeneca gefolgt von einem mRNA-Impfstoff ein besserer Impfschutz vor der Delta-Variante wahrscheinlich – also mehr Antikörper, die einen schweren Krankheitsverlauf verhindern. Damit reagiert die Stiko auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass dieses heterologe Impfschema, wie die Kreuzimpfungen bezeichnet werden, die bestmögliche Immunisierung bieten.

Prof. Watzl merkt an, dass die neue Stiko-Empfehlung noch nicht endgültig ist, es handelt sich um einen Beschlussentwurf. Der werde noch Fachgesellschaften vorlegtet, beispielsweise der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, der auch der Dortmunder Immunologe angehört. Deshalb gilt die Stiko-Empfehlung erstmal unter Vorbehalt bis nächste Woche. Watzl steht aber hinter der Empfehlung.

Zweimal mit Astrazeneca geimpft: Muss man Sorgen wegen der Delta-Variante haben?

Nein, verspricht Prof. Watzl. Die Menschen, die vollständig mit einem Vektor-Impfstoff geimpft worden sind, hätten einen generellen Impfschutz von etwa 80 Prozent. „Bei der Delta-Variante liegt der Impfschutz vor einer schweren Erkrankung sogar bei rund 90 Prozent“, so Watzl.

Wichtig sei es, dass bei einer Impfung mit Astrazeneca ein ausreichender Abstand zwischen den Dosen eingehalten wurde. „Die Geimpften kommen gut durch den Winter, auch mit zweimal Astrazeneca“, so das Versprechen des Immunologen.

Erste Impfung mit AstraZeneca – Wann kommt die zweite Dosis?

Die neue Impf-Empfehlung der Stiko bietet laut Watzl einen gravierenden Vorteil: Bei einer zweifachen Astrazeneca-Impfung liegt die empfohlene Wartezeit zwischen den Dosen bei zwölf Wochen.

Bei der heterogenen Impfung können Astrazeneca-Geimpfte bereits nach vier Wochen einen mRNA-Impfstoff erhalten. „So können mehr Leute schneller einen vollständigen Impfschutz erlangen“, erklärt Watzl. Das sei besonders bei der zu erwartenden Delta-Welle wichtig.

Jedoch könnte es laut Watzl sein, dass bei einer kurzen Wartezeit verstärkt Nebenwirkungen auftreten. Warte man länger auf die zweite Dosis, würde auch das Risiko verringert werden.

Wann wird die Impfung aufgefrischt?

Wann und wie der Impfschutz mit einer dritten Impfung aufgefrischt werden muss, könne man laut Professor Watzl noch nicht genau sagen. Dazu gebe es noch keinen wissenschaftlich fundierten Beschluss.

Der Immunologe geht derzeit davon aus, dass die Auffrischung für alle wohl ebenfalls mit mRNA erfolgen wird. Die Zweifach-Astrazeneca-Geimpften könnten aber nach ersten Erkenntnissen bei einer Auffrischung mit Biontech oder Moderna von einem besseren Impfschutz profitieren, so Watzl.

Watzl geht davon aus, dass in Deutschland wohl bald die Menschen eine Auffrischung bekommen werden, die bereits im Frühjahr ihre zwei Impfdosen bekommen haben. Also ältere Dortmunderinnen und Dortmunder und Menschen mit Vorerkrankungen – vor allem die, die Immundefekte haben und bei denen der Impfstoff nicht gut gewirkt habe. Diese Personengruppen würden laut Watzl derzeit priorisiert in Großbritannien geimpft werden, der Immunologe könnte sich ein ähnliches Vorgehen auch hier vorstellen.

Ist überhaupt genug Impfstoff da?

Der Immunologe aus Dortmund sieht aufgrund der neuen Stiko-Empfehlung keine Engpässe, was den Impfstoff betrifft. Auch, wenn jetzt zusätzlich die Menschen eine mRNA-Zweitimpfung bekommen, die sonst eigentlich mit Astrazeneca geimpft worden wären.

Professor Watzl sieht da eher ein logistisches Problem, wenn auch nur für kurze Zeit. Es könnte gut sein, dass in den Arztpraxen nicht genug mRNA-Impfstoff vorrätig ist, wenn jetzt bei den Zweitimpfungen gewechselt werde. „Die Ärzte können aber ja jetzt so viel Impfstoff bestellen, wie sie wollen“, versichert Watzl. Und im 3. und 4. Quartal werde noch mehr bereits bestellter mRNA-Impfstoff geliefert.

Wie ist das mit Reisen ins Ausland?

Prof. Dr. Carsten Watzl kann auch beim Thema Reisen und Urlaub beruhigen. Denn tatsächlich sei homologes Impfen international derzeit anerkannter als die heterogene Variante. Es gebe Länder, die die Kombination von Astrazeneca mit Biontech oder Moderna nicht als vollständigen Impfschutz sehen.

Auch die World Health Organisation (WHO) empfiehlt derzeit noch die homologe Impfung bei Vektor-Impfstoffen. Das könne sich laut Watzl auch noch ändern.

Zusammenfasst lässt sich sagen, dass sich alle Menschen, die zweimal mit Astrazeneca geimpft wurden, keine Sorgen wegen der neuen Stiko-Empfehlung machen müssen. Sei es beim Impfschutz, der Delta-Variante oder beim Reisen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
1990 im Emsland geboren und dort aufgewachsen. Zum Studium nach Dortmund gezogen. Seit 2019 bei den Ruhr Nachrichten. Findet gerade in Zeiten von Fake News intensiv recherchierten Journalismus wichtig. Schreibt am liebsten über Soziales, Politik, Musik, Menschen und ihre Geschichten.
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Robin Albers

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